Als Bufdi in der Schulbibliothek Wie ein Bad Essener Schüler von einem Tag auf den anderen ein anderer wurde

Als Bufdi in der Bibliothek hat Nico Truschkowski viele  Rollen zu erfüllen. Foto: Thomas AchenbachAls Bufdi in der Bibliothek hat Nico Truschkowski viele Rollen zu erfüllen. Foto: Thomas Achenbach
Thomas Achenbach

Bad Essen. Es ist sicher nicht falsch, ihn den aktuellen „Herren der Bücher“ zu nennen. Nico Truschkowski geht schon seit vielen Jahren jeden Morgen in das Gymnasium Bad Essen. Aber am 1. August des vergangenen Jahres war trotzdem etwas anders.

Denn zum ersten Mal in seinem Leben – quasi von einem Tag auf den anderen, nur mit den Sommerferien dazwischen – ging Nico hier nicht mehr als Schüler morgens durch die Schwingtüren. Sondern als ein so genannter Bufdi, also als Bestreiter des Bundesfreiwilligendienstes. Und dass dieser Wechsel allerlei Veränderungen mit sich brachte, vor allem in der Wahrnehmung seiner Person, hat Nico längst verinnerlicht.

Ausleiher, Aufpasser, Buchhalter, Inventarpfleger

19 Jahre alt, die längeren Haare unter einer Wollmütze gebändigt und mit einem T-Shirt des Hard-Rock-Cafés Amsterdam unter der schwarzen Hoodie-Jacke bekleidet, könnte Nico Truschkowski auch als Skater durchgehen. Oder als Sozialarbeiter. Aber tatsächlich ist er so etwas wie ein Bilbliothekar. Wobei das wesentlich angestaubter klingt als es ist. Denn allein schon durch ihre Lage ist diese Bibliothek mit mehr Leben und Trubel gefüllt als so manch andere. Nico arbeitet in der Schulbibliothek des Gymnasiums Bad Essen. Er ist hier so etwas wie der Ausleiher, Aufpasser, Buchhalter, Inventarpfleger, aber auch einer, der von anderen Schülern, meistens denen der Mittelstufe, nach Lektüretipps gefragt wird.

Erstkontakt: Die Unendliche Geschichte 

Das passt: Bücher haben ihn schon immer interessiert – spätestens, seit er in der Kindheit mit der „Unendlichen Geschichte“ in Berührung kam, die ihn sofort in den Bann geschlagen hatte. Als es zu Beginn seines Dienstes darum ging, den Bestand der Bibliothek neu zu sortieren, kam ihm auch Michael Endes Kinderroman wieder in die Finger. 

Den Bestand neu sortieren

Nun ist das Werk bei den „Klassikern“ gelandet, also in unmittelbarer Nähe von beispielsweise Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Und der den Bufdi in der Bibliothek besuchende Reporter, der sich aktiv an das erste Erscheinen dieses Romans erinnern kann, fährt sich wie ertappt mit den Fingern durch den von grauen Haaren durchzogenen Bart. Also rasch weiter zu der Frage, ob Nico noch weitere Lieblingsbücher hat? 

Foto: Thomas Achenbach

Klar: Die „Percy-Jackson“-Romane von Rick Riodan, die Narnia-Reihe von C.S. Lewis, aber auch „Die Pest“ und „Der Fremde“ von Albert Camus. „Ich mag es, wie Camus seine Philosophie in die Geschichten und Figuren eingewebt hat“, sagt Nico.

Zur Klimaschutz-Demo nach Köln

Ein farbiges Armbändchen um eines seiner Handgelenke fällt auf. Festivalbesucher? Nico schüttelt den Kopf: „Das ist von einer Demo“, sagt er. „Kohle stoppen“ steht auf der Oberseite, eine Erinnerung an seine Teilnahme bei der Klimaschützer-Demo in Köln im Dezember 2018. Der Umweltschutz ist eins seiner Steckenpferde, auch in der Osnabrücker Greenpeacegruppe ist Nico aktiv– den Zielen der Umweltorganisation gerecht werdend, fährt Nico dann immer mit dem Bus nach Osnabrück und zurück. Auch zu Spielen des dortigen VfLs fäht er gern, zumal Nico lange Zeit selbst aktiv Fußball gespielt hatte.

Auf das Einhalten der Regeln achten 

Die Pausenglocke läutet, aber nur für eine kurze Pause. Also bleibt es diesmal in der Bibliothek ganz ruhig, anders als bei den großen Pausen. Daran hat Nico sich erst ein wenig gewöhnen müssen: Dass er den in die Bibliothek strömenden Schülern auch mal eine Ansage machen musste, dass er auf das Einhalten der Regeln achten musste. Hier herrscht Handyverbot, die Taschen kommen in Ablagefächer und wer eines der rund 5000 Bücher bzw. Medien zu spät zurückgibt, ohne Bescheid zu sagen, zahlt 30 Cent Strafe pro Woche. Nico achtet darauf, dass das auch geschieht. „Er arbeitet total selbstständig“, lobt die für die Bibliothek zuständige Lehrerin Swantje Heinemeyer – also gewissermaßen seine Vorgesetzte.

Neues Verständnis für Lehrpersonal

Ansagen machen ist kein Problem mehr. Da sei ein neues Verständnis in ihm gewachsen, erzählt Nico, der als Bufdi nun in einer Zwischenebene zwischen Schülern und dem Personal steht – und von den Lehrkräften seither ganz anders wahrgenommen und angesprochen wird. „Man sieht die andere Seite jetzt ganz anders“, sagt Nico. Einer von mehreren Prozessen, die er als durchaus lehrreich und wertvoll erlebt hat. Wie auch der Erstkontakt mit einem so ganz anders durchgetakteten Tag als der eines Schülers: Von frühmorgens bis 15.30 Uhr acht Stunden lang durcharbeiten (mit einer Pause darin) ist kein Problem. Aber dass danach die ganze Grundspannung plötzlich rausgeht, das musste er erst lernen. Die andere Seite der Medaille: 

Foto: Thomas Achenbach

Ein Bufdi wie Truschkowski hat auch eine Menge an Entscheidungsfreiheiten – bzw. ein Mitspracherecht bei Neuanschaffungen. Den Remarque-Bestand hat er aufgestockt. Die „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ von Sigmund Freud hat er angeschafft. Und weil es in den bei vielen Schülern sehr beliebten "Känguruh Chroniken" auftauchte und nicht im Original in der Bibliothek vorhanden war, auch das „Kommunistische Manifest“.

Nächste Station: Das Studium

Bald ist die Bufdi-Zeit schon zu Ende, aber Nico ist zufrieden. „Das lehrt einen was fürs Leben“, sagt er. Der nächste Schritt? Ein Studium, vermutlich Geschichte und Soziologie. Und einen Beruf, der irgendwie mit Geschichte zu tun hat, wäre klasse.

Freie Stelle ab August 2019 - Budfi gesucht

Das Gymnasium Bad Essen ist derzeit noch auf der Suche nach einem Bufdi, also einem Teilnehmer des Bundesfreiwilligen-Programms, der ab dem 1. 8. 2019 die Arbeit in der Bibliothek übernehmen kann. Zum ein ganzes Schuljahr dauernden Bufdi-Programm gehört das Auszahlen eines regelmäßigen monatlichen Taschengelds von bis zu 300 Euro netto (plus Einzahlung in die Rentenversicherung) sowie die Teilnahme an mehreren überregionalen Fortbildungen in Bad Oeynhausen. Infos zum Bufdi-Dienst im Gymnasium Bad Essen gibt es unter Telefon 05472 1622 oder per E-Mail an sekretariatgymnasium-bad-essen.de .



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN