Das "Roboterauto" bedeutet das "Ende des Autos" Experte referierte in Bad Essen über selbstfahrende Fahrzeuge

Von Christa Bechtel

Prof. Dr. Volker Lüdemann, wissenschaftlicher Leiter des Niedersächsischen Datenschutzzentrums, sieht selbstfahrende Autos duchaus kritisch. Foto: Christa BechtelProf. Dr. Volker Lüdemann, wissenschaftlicher Leiter des Niedersächsischen Datenschutzzentrums, sieht selbstfahrende Autos duchaus kritisch. Foto: Christa Bechtel

Bad Essen. Dass die Umstellung auf autonomes Fahren voraussichtlich viel schneller erfolgen wird als bisher gedacht – schließlich gibt es derzeit fast jeden Tag Neuigkeiten über selbstfahrende Fahrzeuge zu vermelden – und wie weit fortgeschritten die Entwicklung dieser Autos im Big-Data-Zeitalter bereits ist: Das vernahmen kürzlich über 100 Zuhörer im Veranstaltungssaal der Firma Bau-King in Bad Essen bei einem Vortrag.

Wenn selbstfahrende Autos einmal Realität geworden sind, bedeutet diese Zeitenwende nicht mehr oder weniger als das Ende des Autos. Nicht alleine mit dieser - bewusst überspitzten - These wusste der Hochschulprofessor Dr. Volker Lüdemann die Zuhörer zu faszinieren. Er gab kürzlich auf Einladung des Lions Clubs "Bad Essen Lea Wiehengebirge" einen Vortrag mit dem Titel „Selbstfahrende Autos - und warum Google, Apple und Co. plötzlich Autos lieben“. Der Wirtschafts- und Wettbewerbsrechtler von der Hochschule Osnabrück arbeitet unter anderem als wissenschaftlicher Leiter des Niedersächsischen Datenschutzzentrums - und hat auch in dieser Funktion zu dem Thema Kontakt.

Was Volker Lüdemann sogleich herausstellte: „Google, Apple und Co. interessieren sich nicht für Autos im klassischen Sinn; sie sind ausschließlich am selbstfahrenden Auto interessiert. Also dem Auto ohne Lenkrad und ohne Gaspedal.“ Das aus gutem Grund, denn: „Das selbstfahrende Auto läutet eine Zeitenwende in der Mobilitätsgeschichte ein.“ Das bedeute, dass Mobilität künftig unabhängig vom Menschen stattfinde. 

Klar sei zudem, dass das selbst fahrende Auto grundlegend verändern werde, „wie wir uns im öffentlichen Raum bewegen. Und es wird gravierende Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, unsere Städte und unseren Alltag haben. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen, für unser Rechts- und Wertesystem und es stellt Geschäftsmodelle infrage, die bislang als völlig unantastbar galten“, betonte der Jurist, der weiter ergänzte: 

„All das, was die klassischen Hersteller erfolgreich gemacht hat, verliert an Bedeutung.“

„Google testet selbstfahrende Autos bereits seit 2009 im Straßenverkehr“, berichtete der Referent. Das hieße, dass es bereits über 16 Millionen Testkilometer auf öffentlichen Straßen gebe – praktisch unfallfrei, und jede Woche würden 40.000 km hinzukommen. Der Shootingstar der Elektromobilität Tesla habe bereits mehr als 300 Millionen Kilometer Selbstfahrmodus zurückgelegt. Offenes Geheimnis sei auch, dass Apple am selbstfahrenden Auto arbeite. Über den Stand sei allerdings, "wie meist bei Apple, wenig bekannt“, erläuterte der gebürtige Hagener (Mehr zum Thema: Autonomes Fahren birgt Unfallrisiken).

Foto: Christa Bechtel

Was ihm in ethischer Hinsicht Kopfzerbrechen bereite: „Menschen müssen die autonomen Fahrzeuge programmieren“. Im Mittelpunkt stehe da die Frage: Wie soll sich das autonomische Fahrzeug verhalten, wenn sich eine Kollision nicht vermeiden lässt? „Würde ein selbstfahrendes Auto beispielsweise einem kleinen Kind ausweichen, um das Kind zu schützen, beim Aufprall auf eine Mauer jedoch die Insassen gefährden? Oder die Insassen schützen und dafür das Kind überfahren?“ Das ethische Problem sei: 

„Das autonome Fahrzeug tötet oder verletzt nicht im Affekt, sondern planvoll nach einem im voraus programmierten Entscheidungsalgorithmus".

Das, betonte der Referent, sei ein heikler Punkt - übrigens ein Thema, das auch an der Universität Osnabrück derzeit untersucht wird.

Ein weiteres Problem sei die Frage, was mit den vom Fahrzeug gespeicherten Daten geschehe. Denn: „Jedes moderne Auto zieht einen breiten Datenschweif hinter sich her. Ausgewertet kann dies zu folgenschweren Verletzungen der Persönlichkeitssphäre führen“, unterstrich der Osnabrücker. Mit diesen Daten werde vor allem Geld verdient. Aber: „Die Vorteile liegen auch auf der Hand: Selbstfahrende Autos machen den Verkehr flüssiger, sicherer, umweltfreundlicher. Menschen mit körperlichen Gebrechen oder in hohem Alter werden wieder mobil“, sagte er. Wer ein autonomes Auto fahren wolle, könne es dann per App an seinen Standort bestellen - bezahlt würde über Flatrate, so, wie es derzeit schon in manchen Carsharing-Modellen gehandhabt wird (weiterlesen: Selbstfahrende Autos - wer haftet bei bei einem Unfall?)

Foto: Christa Bechtel

Denn technisch sei all das schon heute weitestgehend möglich. „Die Probleme sind viel mehr rechtlicher und ethischer Natur“, sagte Lüdemann. Doch: „Bisher dürfen Fahrzeuge in Deutschland mit Systemen, die über eine reine Assistenzfunktion hinausgehen, nicht zugelassen werden. Autos ohne Fahrer sind nicht erlaubt. Noch haben wir alle Voraussetzungen, um zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Noch hat die deutsche Automobilwirtschaft derzeit eine Spitzenstellung. Aber alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert. Und in Zukunft könnte die wichtigste Wertschöpfung des Autos darin bestehen, uns digitale Serviceangebote zu unterbreiten und uns zu Orten befördern, an denen wir unser Geld ausgeben.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN