Arbeitskreis Ortsgeschichte Die Wittlager hatten früher einen „Sonderstatus“

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Wittlage. Der Arbeitskreis Ortsgeschichte hatte bei seiner jüngsten Zusammenkunft im Alten Berghaus in Bad Essen die Geschichte der Ortschaft Wittlage als Schwerpunktthema. Vielen ist dieses Dorf dadurch bekannt, dass es durch eine historisch interessante Burganlage (seit 1309) geprägt ist und bis zum Jahre 1972 Sitz der Kreisverwaltung des Landkreises Wittlage war.

Heute, wo Kreisverwaltungen nur noch ihren Sitz in mehr oder wenig großen Städten in modernen Großgebäuden haben und durchschnittlich 800 bis 1.000 Beschäftigte aufweisen, riefen die Erinnerungen an die noch gar nicht so lange zurückliegende Zeit des Altkreises Wittlage – in einem Dorf von etwa 650 Einwohnern in einer alten Burganlage mit nur etwa 80 Beschäftigten residieren – bei den Teilnehmern des Gesprächskreises vielfaches Schmunzeln hervor und gab Anlass, über eigene Erfahrungen mit dem „Landratsamt“ zu berichten.

Hand- und Spanndienste

Besonders breiten Raum nahmen aber die Ausführungen von Karl-Heinz Führen, der sich im Rahmen einer mehrjährigen Ahnenforschung besonders intensiv mit der Besiedlungsgeschichte dieses Ortes auseinandergesetzt hat, zum besonderen Status der Wittlager „Vorbürger“ ein. Als Vorbürger wurden früher diejenigen Bauern bezeichnet, die sich um die Wittlager Burg angesiedelt hatten und in hohem Maße zu Hand- und Spanndiensten gegenüber dem Amtshause verpflichtet waren. Um 1780 waren zwei Vollerbenhöfe (Höfe Natemeyer und Ohbrock), fünf Erbkötter – dazu gehörte auch der frühere Hof des Referenten in der Falkenburg – und 15 Markkötter verzeichnet, wozu auch die heute noch im Raum Bad Essen bekannten Namen Bexter und Grönemeyer gehörten.

Wie der Bad Essener Pastor Dökel vor über 100 Jahren berichtete, sind diese Nachnamen übrigens von dem Besitzer des Ursprungshofes in der heute Falkenburg genannten Gegend einige 100 Jahre zuvor, seinen Bedienten, die dort erst viel später selber Land erhielten, nach ihren Tätigkeiten verliehen worden. So war einer Fuhrmann, der andere Bäcker und ein weiterer besorgte das Grün für das Vieh.

Pflichten der Vorbürger

Unabhängig davon, ob sie freie oder leibeigene Bauern waren, hatten sie gegenüber dem Amtshaus, geleitet vom Amts-Drost, dem neben dem Rentmeister auch Vögte in den Bauerschaften zur Seite standen, zahlreiche Pflichten zu erfüllen: So mussten sie jederzeit zu Pferde der Reihe nach Briefe – auch außerhalb des Amtes beziehungsweise des Landes (das Fürstbistum Osnabrück war gemeint) – befördern und aus dem nahe gelegenen Wald (Rott) Holz holen, auch mussten sie „Taxifahrten“ nach Osnabrück für den Rentmeister, der auf dem Gut Senfdamm wohnte, auf dessen Anforderung durchführen. Auch das Ausmisten der Pferdeställe beim Amtshaus gehörte zu ihren Aufgaben, genau so wie den Kehricht vom Amtshausplatz wegzufahren und das Schilf aus dem Amtsgraben zu entfernen.

Mithilfe bei der Gerichtsbarkeit

Neben weiteren Pflichten war besonders die Mithilfe bei der Gerichtsbarkeit von ihnen gefordert. Die Wittlager Bauern mussten an den Brüchtengerichtstagen beim Amtshaus Personal stellen, um die Aburteilung geringfügiger Straftaten, also solcher, die nicht vor das Gogericht in Ostercappeln gehörten, durch die Amtspersonen zu ermöglichen. War ein Insasse des Gefängnisses (Burggebäude) „getürmt“, dann wurden die Vorbürger alarmiert, um die Verfolgung aufzunehmen. Der Entflohene sollte möglichst noch vor der Grenze zum Ausland geschnappt werden. Gelächter rief bei den Hobbyheimatforschern hervor, als herauskam, dass mit „Ausland“ die nur wenige Kilometer entfernte Bistumsgrenze zum Bistum Minden gemeint war.

Vollstreckung von Todesurteilen

Wurde ein Delinquent nach der sogenannten Peinlichen Halsgerichtsordnung, zum Beispiel wegen eines Pferdediebstahls zum Tode verurteilt, so hatten die Wittlager den Unglücklichen zu bewachen und zum Richtplatz im Kirchspiel Lintorf zu fahren, wo sie auch den Galgen zu montieren hatten. Auf dem Weg von der Burg bis zum Richtplatz wurde der Verurteilte von Schulkindern begleitet. An der jeweiligen Kirchspielgrenze erfolgte die Ablösung durch die örtlichen Schüler. Aus heutiger Sicht eine mehr als gruselige Vorstellung, da waren sich alle Heimatfreunde einig. Dass die Todesstrafe speziell bei der Entwendung von Pferden damals unisono verhängt wurde, hatte mit der Bedeutung dieser „Arbeitskraft“ zu tun: Pferde waren für die Bauern unverzichtbar; wer seine Pferde verlor, dem drohte die Verelendung der ganzen Familie und die Hofstelle „fiel wüst“, wie man damals sagte. Weil die Wittlager so viele Pflichten gegenüber dem Amtshaus hatten, wurden sie von dem „Zehnten“ (gegenüber dem Bischof) und dem sogen. Rauchschatz (Herdstellensteuer) befreit.

Dieses alles zusammen begründete ihren „Sonderstatus“, den die Bauern der umliegenden Dörfer nicht hatten. Die Mitglieder des Arbeitskreises Ortsgeschichte waren sich aber einig: Heute sind die Wittlager wie alle anderen – und das ist auch gut so.

Treffen im Alten Berghaus

Die nächste öffentliche Veranstaltung, zu der Gäste herzlich willkommen sind, findet am Donnerstag, 17. Januar , wieder im Alten Berghaus, ab 19.30 statt


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