Michael von Jakubowski und Dr. Peter Lorenz pflegen die Tradition Für zwei Bad Essener ist Bleigießen ist einfach Spaß pur

Von Christa Bechtel

Michael von Jakubowski (links) und sein Lebensgefährte Dr. Peter Lorenz werden Silvester Bleigießen – mit Wachs. Diese Sitte galt früher als Teufelswerk. Foto: Christa BechtelMichael von Jakubowski (links) und sein Lebensgefährte Dr. Peter Lorenz werden Silvester Bleigießen – mit Wachs. Diese Sitte galt früher als Teufelswerk. Foto: Christa Bechtel

Bad Essen. Gießt man aus Blei eine Eule, soll das angeblich Glück bei Plänen für die Zukunft bedeuten. Eine Blume steht für eine neue Freundschaft, ein Fass für finanzielle Sicherheit, ein Hirsch Aussicht auf Gewinne, ein Hufeisen Erfolg im Beruf oder bei geplanten Geschäften. Bleigießen ist noch immer in vielen Haushalten eine Tradition, um am Silvesterabend in die Zukunft zu blicken. Wie auch bei Michael von Jakubowski und seinem Lebensgefährten Dr. Peter Lorenz.

„Seit ich denken kann hatte das Bleigießen in meiner Familie Tradition und ich habe so schöne Kindheitserinnerungen daran. Silvester wurde meistens bei meinen Großeltern gefeiert. Dort gab es eine elfenbeinfarbene Plastikschüssel, die um 23 Uhr auf den Tisch gestellt wurde plus einer Kerze und einem großen flachen Löffel, der den Sets beilag. Aber es dauerte immer ewig, bis das Blei flüssig wurde“, erinnert sich Michael von Jakubowski. Bis heute bedeutet das Bleigießen für ihn Spaß pur verbunden mit den Kindheitserinnerungen. „Ich muss dann an meine Großeltern denken“, sagt der gebürtige Duisburger etwas wehmütig. Damals habe es Sets gegeben, „in denen sich Figuren in verschiedenen Formen, wie Glückspilze, das Symbol für den Schornsteinfeger, der Zylinder, oder ein Kleeblatt, Schweinchen… befanden“, veranschaulicht der Designer.

Wichtiger Silberlöffel

„Ich komme ja aus Magdeburg und bei uns im Osten gab es so schöne Sets oder toll geformte Bleifiguren nicht. Wir hatten immer Lötzinn, das in einem Haushaltswarengeschäft gekauft und in kleine Stücke geschnitten wurde. Dann wurde ein alter Silberlöffel zum Schmelzen genommen, der unten drunter immer ganz schwarz wurde. Aber das Glück war das Gleiche“, meint Peter Lorenz lachend.

Wichtiges Orakelheft

Michael von Jakubowski weiß noch bis heute, „dass ich einmal einen Engel und später eine Zigarre gegossen habe. Das hat auch etwas mit Zeppelins zu tun. Und es bedeutete: Alles wird gut“, blickt der Bad Essener auf vergangene Zeiten. Ebenfalls erinnert er sich: „Den Sets lag immer so ein kleines Heftchen bei, ein Orakelheft. Denn Bleigießen ist ein sehr alter Brauch einer Orakel-Tradition, der im Laufe der Jahrhunderte zu einem beliebten Silvesterspaß geworden ist.“

Viele Möglichkeiten

So wird der Orakel-Brauch den Babyloniern, aber auch den alten Griechen zugeschrieben. Auf jeden Fall hat sich das Brauchtum vom Herkunftsland sowohl im Westen als auch nach Osten bis nach China ausgebreitet. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine Deutung zum Jahreswechsel für das kommende Jahr, sondern die Orakel-Technik wurde eingesetzt, um Hinweise auf Glück oder Verluste bei Feldzügen zu erhalten, um Ernten vorauszusehen und vieles mehr. Im Mittelalter wurde Blei gegossen, um über die Ursachen und den Verlauf einer Krankheit Aufschluss zu erhalten.

Mit Dämonen im Bunde

Wie viele Bräuche hat sich das Bleigießen als Sitte erhalten, obwohl es bereits zu frühen Zeiten seitens der Kirchen und einiger Theologen dagegen heftige Verurteilungen gab. Denn die Sitte wurde als Teufelswerk bezeichnet und als Zeichen, dass Menschen mit üblen Dämonen im Bunde seien. Im Laufe der Jahrhunderte nahmen die Menschen immer mehr Abstand von den schwer zu deutenden Zufallsergebnissen beim Bleigießen, da sich die dabei entstehenden Figuren häufig nicht eindeutig zuordnen ließen. Aber als einer der alten Silvesterbräuche ist das Bleigießen erhalten geblieben wie die Silvesterraketen, bunte Dekorationen, der mitternächtliche Umtrunk...

Gipspulver einstreuen

„Seit April 2018 gibt es eine neue Chemikalienverordnung der Europäischen Union. Leider dürfen solche Sets nicht mehr in die Läden kommen, da der Bleigehalt nicht höher als 0,3 Prozent sein darf; in den Figuren der Sets waren immer mindestens 71 Prozent vorhanden“, erläutert Lorenz, der als Chemiker bei den Wala Heilmittelbetrieben in Eckwälden tätig ist. Dadurch dass das Bleigießen zumeist in Wohnräumen stattfinde, sei die Konzentration natürlich hoch, „sodass giftige Bleioxide entstehen, die über die Atemwege aufgenommen werden. Es kann aber auch schon beim Anfassen der Figuren passieren. Gerade Kinder oder Schwangere sollten eigentlich gar nicht in der Nähe sein und auf jeden Fall danach die Hände waschen“, betont Lorenz. Aber auch das Wasser, in das Blei gegossen wird, sei verunreinigt und sollte nicht einfach so in den Ausguss geschüttet werden. Sein Tipp: „Wenn man es mit Backpulver mischt, bindet sich das Bleicarbonat. Oder am besten etwas Gipspulver einstreuen, dann kann das Bleisulfat in sauren Gewässern nicht so leicht aufgelöst werden. Als Alternative rät der Chemiker: „Mittlerweile gibt es Wachsformen, die genauso aussehen, aber leider nicht so funktionieren. Oder Zinn – das wäre doch vielleicht eine Alternative.“

Persönliche Wünsche

Auf jeden Fall werden beide Silvester wieder dem Bleigießen frönen. Für das neue Jahr wünscht sich Michael von Jakubowski: „Dass es mehr Frieden auf der Welt gibt. Da muss man natürlich auch bei sich anfangen und etwas dafür tun. Aber auch, dass unsere Freiheit Bestand hat.“ Peter Lorenz ergänzt: Ich wünsche mir mehr persönliches Miteinander, als immer mehr mobile Kommunikation.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN