Familie aus Wimmer engagiert sich Plexusparese – ein Risiko, über das kaum jemand spricht


Bad Essen. Kaiser Wilhelm war eine schwere Geburt. Davon geblieben ist ihm eine Lähmung des linken Armes. Eine Beeinträchtigung, die der Monarch zeitlebens zu verbergen suchte. Heute weiß man, was zu der sogenannten Plexusparese führen kann. Und doch werden Eltern zu wenig aufgeklärt, findet Nina Niermeier. Die Frau aus Wimmer ist Mutter eines Plexuskindes.

Gerade einmal ein Jahr alt ist die kleine Tea und dafür schon recht flott unterwegs. Zum Zeichen, dass sie auf den Schoß will, streckt sie beide Arme hoch. Eine kindliche Geste, wie sie unmissverständlicher nicht sein könnte. Eine Geste, die ihrer älteren Schwester Lia so nicht möglich war. Lia ist vier Jahre alt und in ihren Bewegungen recht eingeschränkt. Sie leidet an einer Plexusparese des linken Armes, die sich unter der Geburt ereignete. Ihre Mutter, Nina Niermeier, erinnert sich: „Lia kam neun Tage nach dem errechneten Geburtstermin zur Welt und es hatte sich schon lange abgezeichnet, dass sie sehr groß sein würde. Die Geburt begann mit einem Blasensprung und verlief sehr kompliziert.“ Das Kind fand nämlich nicht den Weg aus dem Geburtskanal, sondern blieb mit der Schulter hinter dem mütterlichen Schambein stecken, obwohl das Köpfchen schon geboren war. Man nennt diesen Zustand „Schulterdystokie“.

Große Unsicherheit

Für einen Kaiserschnitt war es in diesem Stadium längst zu spät. Unter der Geburt wurde nach dem Austritt des kindlichen Kopfes an diesem gezogen, was zu einem Anriss des Armnervengeflechts, des Plexus brachialis, führte und damit zu einer Plexusparese. Die damit verbundene Störung von Armbewegung und -sensibilität ist bei Lia irreversibel, doch das wusste die Mutter zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Lia hat einen schlappen Arm“, habe der Arzt lapidar gemeint und sei zunächst von einem Schlüsselbeinbruch ausgegangen. Schlimm genug für eine Mutter, mit einer solchen Diagnose konfrontiert zu werden, „aber bei einem Knochenbruch wächst ja alles wieder zusammen“, konnte sich Nina Niermeier damals noch trösten, wenn auch eine große Unsicherheit blieb.

Denn der Arzt, der sie sonntags entbunden hatte, habe erst mittwochs die U2-Untersuchung durch den Kinderarzt vornehmen lassen. Zwar ist dies durchaus zulässig, vorgesehen ist sie zwischen dem 3. und 10. Lebenstag, für Nina Niermeier jedoch ist im Falle Lias nicht nachvollziehbar, warum nicht eher untersucht wurde. Schließlich habe ihre Tochter schon unmittelbar nach der Geburt Zeichen einer Verletzung im Schulterbereich gezeigt. Sie zeigt den Mutterpass und das gelbe Untersuchungsheft – in beide wurde als Diagnose „schwere Schulterdystokie“ eingetragen.

Mangelnde Aufklärung

Auch kann sie nicht nachvollziehen, dass das Krankenhaus bei Lias absehbar hohem Geburtsgewicht – sie wog 4.650 Gramm – dieses Risiko nicht berücksichtigt habe und dass im Kreißsaal kein Ultraschall gemacht wurde. Fragen, die sich ihr im Nachhinein stellen, denn inzwischen befindet sie sich über den Verein „Plexuskinder“ im regen Austausch mit anderen betroffenen Familien. Der Verein ist um Aufklärung bemüht, veranstaltet regelmäßige Treffen, bei denen Ärzte und Therapeuten aber auch Juristen referieren. Immerhin steht in vielen Fällen die Frage im Raum, ob die Schulterdystokie regelrecht behandelt wurde oder ob ein ärztlicher Kunstfehler die Plexusparese verursacht hat.

Über ihre mit Plexuskindern erfahrene Physiotherapeutin fand Nina Niermeier auch einen Spezialisten in der Behandlung der Plexusparese. Regelmäßig fahren sie und ihr Mann Thorsten mit Lia ins Franziskushospital nach Aachen zu Dr. Jörg Bahm, der am Universitätsklinikum für Unfallchirurgie und Orthopädie in Brüssel zum Thema habilitiert hat, und zu dessen Behandlungsspektrum in diesem Zusammenhang auch chirurgische Eingriffe zur funktionellen Wiederherstellung gehören. Dazu muss es bei Lia wohl nicht kommen. „Wir hatten noch Glück, es gibt Kinder, die viel stärker betroffen sind“, das erkennt Nina Niermeier auch auf den Treffen der Selbsthilfegruppe. Und Lia? Im Moment geht es ihr nicht so gut. Sie hat eine Erkältung und fiebert. Mama hat es ihr gemütlich gemacht – mit Schmusetier und dem Kinderkanal im Fernsehen. So, auf dem Sofa, fällt Lias Einschränkung nicht auf, aber beim Spielen und Laufen ist sie unübersehbar. Beim Klettern kann sie sich nur auf ihren rechten Arm verlassen, einen Ball zu fangen, fällt ihr schwer – Lia spielt dafür umso lieber Fußball.

Frühe Therapie

„Es ist wichtig, so früh wie möglich einen Spezialisten aufzusuchen, um auf der Basis einer gesicherten Diagnose die erforderlichen Therapien anzugehen, wie Krankengymnastik oder eventuell auch eine Operation,“ weiß Nina Niermeier. Lia, so berichtet sie, habe schon sechs Wochen nach der Geburt mit Physiotherapie begonnen und wenig später noch eine individuell angepasste Frühförderung erhalten. „Mit zwei Jahren ging Lia außerdem noch einmal wöchentlich zum Reiten, um einer Skoliose entgegenzuwirken, die auch eine Folge der einseitigen Haltung sein kann“, berichtet die Mutter. Ihr geht es darum, betroffenen Eltern zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass es eine Anlaufstelle mit Gleichgesinnten gibt. „Und natürlich Schwangeren oder Frauen mit Kinderwunsch zu sagen: ,Passt auf, wenn das Kind zu groß wird – es gibt Risiken, über die niemand spricht!‘“ Nach der Geburt von Lia wusste Nina Niermeier um diese Risiken. Und weil sie vor der Geburt von Töchterchen Tea im vergangenen Jahr kein Risiko eingehen wollte, wurde die Kleine – bei der familiären Vorgeschichte ohne jede Diskussion – in einem anderen Krankenhaus geplant mit Kaiserschnitt entbunden.


Plexusparese: Fallzahlen, rechtliche Situation, Selbsthilfe

„Die Plexusparese ist selten, die Plexusparese mit einem bleibenden Schaden ist sehr selten. Anschaulich ist hier vielleicht die Beobachtung, dass die meisten Kinderärzte in ihrer ärztlichen Laufbahn höchstens ein betroffenes Kind mit einem bleibenden Schaden erleben“, berichtet Mirjam Mahler vom Verein „Plexuskinder“ auf Anfrage unserer Redaktion. In der Literatur würden die Häufigkeitsangaben zwischen 0,1 und 3 von 1.000 Geburten schwanken, im Mittel betrage die Häufigkeit wohl 1,5 Promille bezogen auf alle Geburten. „Die meisten Plexusparesen sind vorübergehend, und die Prognose ist gut“, heißt es in einer im Springer-Verlag von Prof. Dr. Thomas Schwenzer und Dr. Jörg Bahm veröffentlichten Arbeit zum Thema. Im Mittel, so ist dort zu lesen, würden 15 Prozent bestehen bleiben.

„Das Auftreten einer Schulterdystokie und einer möglichen Plexusverletzung bedeutet nicht zwingend, dass hier auch ein ärztlicher Kunstfehler vorliegt. Mögliche Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche des Kindes und/oder der Mutter müssen immer im Einzelfall begründet werden. Hierfür sollte unbedingt ein Spezialist in Arzthaftungsrecht konsultiert werden“, erläutert Mahler die rechtliche Situation.

„Es ist unser Ziel, die Beratung und die Behandlung bei diesem Krankheitsbild zu verbessern. Wir wollen informieren und geburtsbedingte Verletzungen am Plexus brachialis durch Aufklärung von werdenden Eltern, Hebammen und Ärzten vermeiden. Wir werden unterstützt von Ärzten, Physio- und Ergotherapeuten sowie spezialisierten Rechtsanwälten. Unser Schwerpunkt liegt auf der kindlichen Plexusparese. Wir möchten aber auch Erwachsenen mit einer Plexusparese helfen“, erläutert Mahler das Anliegen des gemeinnützigen Vereins „Plexuskinder“, der aus einer Selbsthilfegruppe betroffener Familien entstanden ist. Ziel sei es, eine möglichst hohe Lebensqualität für Betroffene zu erzielen und gleichzeitig zur Vermeidung der Plexusparese beizutragen.

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