Wolfgang Reiche in Bad Essen Nebel im DDR-Minenfeld war sein großer Fluchthelfer

Von Martin Nobbe

Wolfgang Reiche berichtete im Gymnasium Bad Essen über seine abenteuerliche Flucht aus der DDR. Foto: Martin NobbeWolfgang Reiche berichtete im Gymnasium Bad Essen über seine abenteuerliche Flucht aus der DDR. Foto: Martin Nobbe

Bad Essen. DDR, war da nicht was mit Trabis? Ja, das auch. Aber DDR, das bedeutete auch Stasispitzel, Zonengrenze, Zensur, Minenfelder, Selbstschussautomaten, Zwangsadoptionen und viele weitere Zutaten eines totalitären Staates.

Den Schülerinnen und Schülern der Klassen 11 B und 11 D des Gymnasiums Bad Essen bot sich die Möglichkeit, in einem Workshop die Geschichte der DDR und das Leben im „real existierenden Sozialismus“ in den Blick zu nehmen. Dr. Anett Laue von der Deutschen Gesellschaft e.V. mit Sitz in Berlin präsentierte der Schülergruppe s Zusammenhänge und Fakten über die Deutsche Demokratische Republik, die gewiss nicht demokratisch war.

Die Existenz zweier deutscher Staaten mit unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systemen scheint jungen Menschen heute nur schwer vorstellbar. In Bezug auf die Geschichte der DDR, der ehemaligen Sowjetzone, mangelt es an hinreichenden Kenntnissen. Oft ist das Bild von Unwissenheit oder Fehleinschätzungen geprägt. So stehen sich der Diktaturcharakter der DDR sowie das politische System, welche die Freiheiten der Menschen einschränkte, und die Berichte von den Möglichkeiten eines glücklichen Lebens unter widrigen Voraussetzungen vermeintlich unvereinbar gegenüber.

Zeitzeuge Wolfgang Reiche (heute 70) berichtete im Forum auf sehr anschauliche Weise von seiner Flucht als 17-Jähriger 1964 von Ost nach West. Dabei hatte Reiche noch Glück, dass er bei seiner Flucht nicht durch Minen oder Kugeln der Vopos tödlich getroffen wurde. Niemand wusste von Wolfgangs Fluchtgedanken.

Nachdem sich Wolfgang eine Karte vom Grenzverlauf im Südharz besorgt hatte, setzte er sich auf sein Moped. Am Zielort angekommen, versteckte er das Moped und verbrachte die Nacht im Wald, nur 300 Meter von der Grenze und damit von der Freiheit entfernt.

Das Glück war zum ersten Mal auf Wolfgangs Seite, als in unmittelbarer Nähe Hunde der Grenztruppen anschlugen. Aus welchem Grund auch immer wurden die Tiere nicht von der Leine gelassen.

Wolfgang Reiche setzte seine Flucht in den frühen Morgenstunden fort. Diesmal war dichter Nebel sein Fluchthelfer. Zuvor hatte er ein Minenfeld ohne Schaden überquert. Als er mit Spezialschuhen aus Holz dann über einen Maschendrahtzaun klettern wollte und dabei einen Draht berührte, löste sofort der Alarm aus. Es fielen die ersten Schüsse.

Wieder war der Nebel sein Fluchthelfer. Die Grenzsoldaten des angeblichen Arbeiter- und Bauernstaates konnten ihr Ziel nicht erkennen.

„Inzwischen war ich, ohne es zu wissen, schon im Westen gelandet und wäre beinahe wieder in den Osten zurück“. Heute kann Wolfgang Reiche darüber lachen. Der Grenzverlauf im Südharz war seinerzeit sehr unübersichtlich. Zum Glück kam alles anders. Die Schüler staunten und hörten aufmerksam zu. Kein alltägliches Leben, das Wolfgang Reiche gelebt hat.

1961 war er mit seinen Eltern als 14-Jähriger in Berlin, als die Grenze mit Mauer, Waffengewalt und Stacheldraht geschlossen wurde. Drei Jahre später konnte Wolfgang Reiche allein in den Westen fliehen. Am 9. November 1989 schließlich kam Wolfgang Reiche von einer Reise aus Asien nach Berlin zurück. Es war der Tag, an dem die Mauer fiel. Der Wille zur Freiheit war stärker gewesen als Stacheldraht.


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