Zum internationalen Tag des Bieres 2018 Bier im Altkreis Wittlage: Zwischen regionaler Verwurzelung und Craft-Beer-Trend

Von Frederik Tebbe

Im Altkreis Wittlage und Umgebung erfreut sich Bier großer Beliebtheit. Bei Barre Bräu in Lübbecke werden jährlich um die 130.000 Hektoliter produziert. Foto: Oliver KratoIm Altkreis Wittlage und Umgebung erfreut sich Bier großer Beliebtheit. Bei Barre Bräu in Lübbecke werden jährlich um die 130.000 Hektoliter produziert. Foto: Oliver Krato

Altkreis Wittlage/Lembruch/Lübbecke. Heute, am ersten Freitag im August, ist der internationale Tag des Bieres. Im Altkreis Wittlage und Umgebung erfreuen sich Hopfen und Malz großer Beliebtheit. Eine Spurensuche zwischen regionaler Verwurzelung und moderner Bierbewegung, zwischen Landbier und India Pale Ale.

Christoph Barre muss auf die Frage, was der Reiz am Bierbrauen ist, nicht lange überlegen. „Bier steht für Stimmung. Es ist Botschafter der Region und steht für Genuss. Bier ist spannend und sehr vielfältig – und außerdem auch ein äußerst kommunikatives Produkt.“ Er sitzt gerade in einem Konferenzraum in der Privatbrauerei Barre in Lübbecke. Letztes Jahr hat die sich immer noch in Familienbesitz befindende Brauerei ihr 175. Jubiläum gefeiert. Knapp über 100 Mitarbeiter beschäftigt die Firma und produziert jährlich um die 130.000 Hektoliter. Wer im Altkreis Wittlage an Gaststätten vorbeifährt, der sieht oft das Schild der Barre Brauerei an der Eingangstür. Es ist das Bier der Region – und Barre tut auch einiges dafür, dass es so bleibt. Anders gesagt, bedingt das eine das andere. Ohne das sogenannte „Barre-Land“, als das die Brauerei ihr Einzugsgebiet zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen bezeichnet, würde sich das Bier heute nicht in diesem Stil halten können. Andererseits prägt Barre die Region: Mit Bier, mit Brauereikutschen, mit einem Seniorenclub – mit Traditionspflege, die laut Christoph Barre wirtschaftlich nicht wirklich vernünftig ist, aber eben einfach zur Brauerei gehört.

Botschafter der Region

Barres größte Wettbewerber sind die großen Konzernbrauereien. Diese haben, so Christoph Barre, den Vorteil, dass sie über eine höhere Produktivität, mehr Kapital und bessere Finanzierungsmöglichkeiten verfügen. Doch als mittelständisches Unternehmen hat Barre einige Asse im Ärmel: kurze Wege, intensiveres Teamwork, beinahe familiäre Strukturen unter den Mitarbeitern. „Aber ein Vorteil ist auch die Regionalität. Die Verbundenheit zu unseren Kunden ist stärker, als das bei einer Konzernbrauerei der Fall sein kann, denn wir sind nah an den Menschen dran. Das ist unser Thema. Und was wir hier machen, ist mehr als nur Bier zu produzieren und möglichst damit Geld zu verdienen. Wir sind eine Gemeinschaft, die sich Sachen erlaubt, die eine Konzernbrauerei nicht machen würde“, sagt der Geschäftsführer.


In der Region verwurzelt: Christoph Barre. Foto: Oliver Krato


Dazu fallen Barre konkret zwei Beispiele ein. Zum einen wird in Lübbecke noch immer – ununterbrochen seit der Brauereigründung – das Bier per Kutsche mit Kaltblüterpferden an die Gaststätten ausgeliefert. „Die Tradition wird gepflegt, mit allem, was dazugehört: Mit eigenen Pferdekutschern, mit Pflegepersonal, Prunkgeschirren für die Tiere – das geht so weit, dass in den belieferten Gaststätten auch Bierkutschermahlzeiten gereicht werden. Das wird in Lübbecke gelebt – und würden wir die Pferde aus Effizienzgründen abschaffen, dann würde man uns den Kopf abreißen, weil das einfach Teil der Region ist.“ Andererseits gibt es den Barre-Seniorenclub, der aus ehemaligen Mitarbeitern besteht, die trotzdem am Brauereileben teilhaben möchten. Die Ehemaligen treffen sich, machen Ausflüge, haben einen Stammtisch und helfen auch auf dem Brauereigelände mit. „Man ist nicht vergessen, nur weil man nicht mehr dabei ist. Man geht nicht am Freitag um 16 Uhr in den Ruhestand und das war’s dann mit Barre, sondern die Leute bleiben fast alle erhalten, weil sie Teil der Familie sind.“ 

Über diesen regionalen Gedanken baut die Brauerei ihr Selbstbewusstsein auf. „Wir müssen nicht ein Bier brauen, das in ganz Europa oder Deutschland jedem schmeckt, sondern was hier Tradition hat und hier verankert ist.“

Schräglage und Rote Erde

Doch auch jenseits des mittelständischen Unternehmens wird und wurde in der Region Bier gebraut. Etwa von Christof Jäger, der in Venne die Vorwalder Landbrauerei gründete und in einem Haus im Garten mit der „Schräglage“ unter anderem Bockbier braute. Inzwischen hat Jäger die Brauerei aber aus gesundheitlichen Gründen geschlossen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgten Jürgen Hohnstädt und Stephan Glahs im von Venne etwa 30 Kilometer entfernten Bad Holzhausen. 2013 gründeten sie dort die Brauerei Rote Erde und brauten das Bad Holzhauser Landbier, das sich in Bad Essener Gaststätten besonderer Beliebtheit erfreut. Doch auch Hohnstädt und Glahs haben inzwischen aus zeitlichen Gründen das Bierbrauen aufgegeben – eigentlich sind sie in der Versicherungsbranche und als Softwareunternehmer tätig. Dies bedeutet allerdings nicht das Ende des Bad Holzhauser Landbiers: Der Getränkefachgroßhandel Meyer aus Lembruch hat die Rezeptur von Hohnstädt und Glahs erworben und lässt es weiterhin brauen. Schon die beiden Rote-Erde-Gründer haben aufgrund der hohen Nachfrage ihr Bier irgendwann in einer anderen Brauerei fertigen lassen. Auch Meyer hat die Produktion in die Hohenfelder Brauerei in Langenberg bei Rheda-Wiedenbrück ausgelagert.


Henrik Meyer und Hubertus Harmeyer (von links) haben die Rezeptur des Bad Holzhauser Landbiers der Rote Erde Brauerei erworben. Foto: Frederik Tebbe


„Wir waren die größten Abnehmer des Bieres und als die beiden selber nicht mehr weitermachen wollten, sind sie damit auf uns zugekommen“, sagt Geschäftsführer Henrik Meyer. „In der Region ist die Nachfrage nach dem Landbier konstant. Die Leute haben sich gefragt, wie es mit dem Bier weitergeht, nachdem die beiden aufhören wollten.“ Mit dem Bad Holzhauser Landbier hat Meyer noch einiges vor. „Bisher ist es eine reine Fassbiermarke“, sagt er. Hubertus Harmeyer, in der Verkaufsleitung bei Getränke Meyer tätig, pflichtet ihm bei: „Die Fässer gehen zum größten Teil in die Gastronomie. Hin und wieder gibt es auch Privatkunden, die sich das mal für die Gartenparty holen.“ Momentan arbeiten sie an einem Konzept, das Landbier auch in Flaschen auf den Markt zu bringen. „Wir sind gerade dabei, die Etiketten zu gestalten“, sagt Harmeyer. „Und wir suchen nach einem geeigneten Abnehmer. Wir haben überlegt, dass wir, wenn wir dieses Produkt schon in der Flasche bringen, das auch als Bügelflasche anbieten. Allerdings gibt es nicht so viele Betriebe, die Bügelflaschen abfüllen können.“ Dann will der Getränkefachgroßhandel versuchen, damit auf dem Markt Fuß zu fassen. „Da, wo es bisher vertreten ist, ist das Landbier zu einer festen Größe geworden“, ist Harmeyer zuversichtlich. „Das hat sicherlich mit dem Geschmack zu tun aber auch mit dem Bezug zur Region.“ 

Handwerk

Für die kleinen und mittelständischen Brauereibetriebe steht fest: Bier zu brauen ist Handwerkskunst. Seit etwa 2010 erfreut sich experimentelles Bier, das von unabhängigen, kleinen Brauereien handgemacht hergestellt wird, in Deutschland immer weiter wachsender Beliebtheit. Das sogenannte Craft Beer ist auch im Altkreis Wittlage erhältlich. Im Bad Essener Restaurant, Café und Bierhaus Kaffeemühle etwa geht Craft Beer regelmäßig über den Tresen. Edeka Kuhlmann in Bohmte hat außerdem seine Getränkeabteilung um eine große Auswahl an handgemachten Bieren erweitert und seine beiden Mitarbeiter David Klesse und Sven Böttger zu einem Tasting-Crashkurs nach Bremen geschickt, damit sie die Kunden angemessen beraten können.


Liane Bendrich serviert Craft Beer in der Bad Essener Kaffeemühle. Foto: Frederik Tebbe


„Beim Craft Beer herrscht eine Aromenexplosion“, sagt Böttger. „Bier hat ungefähr 8000 verschiedene Aromen und Geschmäcker. Die Craft-Beer-Brauer probieren sich da gerne aus, mit vielen verschiedenen Hopfen-, Malz- und Hefesorten und Geschmacksnoten – von Kaffeenoten bis Lakritz, Stachelbeere, Holunder, Maracuja, Zartbitter gibt es da ein sehr breites Spektrum, das wir den Kunden anbieten möchten.“ Craft Beer sei eine Gegenbewegung zum sogenannten Fernsehbier, also den großen industriellen Biermarken. Die experimentierfreudigen Brauer setzen dabei vor allem auf die ätherischen Öle des Hopfens, erklärt Böttger weiter.

Experimentierfreudige Kundschaft

Mit Craft Beer – die Erfahrung haben sowohl Liane Bendrich von der Kaffeemühle als auch Klesse und Böttger gemacht – erreicht man hauptsächlich ein jüngeres, aufgeschlosseneres Publikum zwischen 20 und 30 Jahren. „Viele Stammgäste haben eben ihr Barre, Jever oder Weizenbier“, weiß Liane Bendrich. „Die Älteren trinken ihr Krombacher und das wollen sie dann auch haben“, hat David Klesse festgestellt. Sein Kollege Sven Böttger pflichtet ihm bei: „Ältere Kunden wollen eher ein traditionelleres Bier. Das ist eben auch eine Trend-Geschichte, die in den Städten wahrscheinlich besser läuft. Aber ich finde es gut, dass wir das den Leuten bieten können und diesen Schritt gewagt haben. Das bereichert auf jeden Fall die Einkaufskultur in der Region.“


Sven Böttger (l.) und David Klesse sind die Craft-Beer-Experten im Edeka Kuhlmann in Bohmte. Foto: Frederik Tebbe


Das Craft-Beer-Angebot musste der Edeka jedoch etwas reduzieren, da manche Sorten nicht so gut angenommen wurden, wie es sich Klesse und Böttger erhofft hatten. „Deshalb gehen wir gerade etwas zurück auf bayrische Spezialitäten“, sagt Klesse. Liane Bendrich sagt, das Interesse ihrer Kundschaft an Craft Beer bestehe „mal mehr mal weniger“: „Es ist völlig okay. Es macht Spaß, so etwas anzubieten.“ Wichtig sei es, die Kunden auf die Produkte aufmerksam zu machen. In der Kaffeemühle sei es essenziell, dass das Personal das Interesse dafür bei der Kundschaft weckt, sagt Bendrich. Aus diesem Grund wurden Klesse und Böttger für den Edeka-Markt geschult, um kompetent zu sein und dem Kunden behilflich sein zu können. „Bei dem Seminar haben wir unter anderem gelernt, zu unterscheiden, wie ein Helles oder Dunkles schmeckt. So können wir die Kunden besser beraten“, sagt Böttger.

Auch wenn sie mit der „Barre Edition“ selbst eine Art Craft Beer-Reihe im Angebot haben, sieht Barre-Geschäftsführer Christoph Barre den Craft-Beer-Trend jedoch kritisch: „Deutschland hat eine Biervielfalt wie kein anderes Land. Wir haben Regionalspezialitäten wie etwa Alt und Kölsch, Hell oder Weizen. Es gibt über 5000 Biere in Deutschland und auch viele vergessene Rezepturen, die man wiederbeleben könnte – man muss nicht das 50. India Pale Ale brauen.“ Dennoch hat die Experimentierfreude des Craft Beer dafür gesorgt, dass Bier als Genussmittel wieder populärer geworden ist. Dies sieht auch Barre so: „Die Leute machen sich jetzt viel mehr Gedanken über Bier. Es ist wirklich spannend, wie es heutzutage wahrgenommen wird.“


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