Brutale Überfall im Jahr 1969 Tat verfolgte die Opfer in Bad Essen ein Leben lang

Von Eckhard Grönemeyer

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Bad Essen. Vor fast 50 Jahren, am 8. Oktober 1969, wurden die Eheleute Elise und Heinrich Bockstette Opfer eines brutalen Gewaltverbrechens. Sie lebten später in Bad Essen. Wir blicken zurück.

Das Meller Kreisblatt titelte damals: „Große Empörung im Kreisgebiet über Gewalttäter – mittags kam der Unbekannte, verlangte ein Glas Wasser, bedrohte Frau und schoss den Ehemann, der zu Hilfe kam, brutal nieder.“

Elise Bockstette, geborene Grönemeyer, war bis zu ihrer Eheschließung im elterlichen Anwesen in Lockhausen, Auf der Bentlage, zu Hause und besuchte die damalige „Heideschule“ in der Bohmterheide. Beide Opfer verbrachten später nach der schrecklichen Tat ihren Lebensabend in der Gemeinde Bad Essen in der Familie des Sohnes Willi Bockstette.

Schuldunfähigkeit attestiert

Viele Verwandte, die die Familie Bockstette in ihren „schwersten Stunden“ mit Rat und Tat unterstützten, leben noch heute in den Gemeinden Bad Essen und Bohmte.

Der Täter wurde einige Zeit später, mehr durch Zufall, ermittelt und kam in Untersuchungshaft. Zur Urteilsverkündigung erschien er bereits als „freier Mann“, nachdem ihm Schuldunfähigkeit attestiert worden war.

Das Urteil – ein Freispruch – war selbst dem Schwurgericht in Osnabrück suspekt, es gab aber rechtlich wohl keine Alternative. Auch eine zwangsweise Einweisung in eine geschlossene forensische Einrichtung konnte das Gericht nicht anordnen.

Was aber wurde aus den Opfern? Sie konnten ihr Wohnhaus in Ostenwalde nicht mehr beziehen; sie kamen nach einigen Wohnungswechseln nach Linne in das Wohnhaus von Schwiegertochter Martha und Sohn Willi Bockstette. Hier verstarb Heinrich Bockstette 1980; seine Ehefrau zog mit Sohn und Schwiegertochter in das Eigenheim an der Schwalbenstraße, wo sie 1999 verstarb. An den psychischen Spätfolgen des brutalen Überfalls haben die Eheleute Bockstette bis an ihr Lebensende gelitten.

Unmittelbar am Waldrand

Das landwirtschaftliche Anwesen der Familie Bockstette lag unmittelbar am Waldrand (dem späteren Wildpark in Ostenwalde), ziemlich einsam. Der Täter klingelte zunächst und bat um ein Glas Wasser, das die damals 62-jährige Ehefrau ihm hilfsbereit gab.

Vermutlich durch eine Stalltür kehrte der Täter, damals etwa 30 Jahre alt, auf die Diele zurück und bedrohte jetzt die Bäuerin mit einer Schusswaffe. Sehr beherzt schlug Elise Bockstette dem Mann die Waffe aus der Hand. Dieser bückte sich danach und schlug anschließend mit der Waffe auf Frau Bockstette ein, die erhebliche Gesichts- und Kopfverletzungen erlitt.

Durch ihre Schreie alarmiert, eilte der Ehemann, der im Obstgarten Äpfel gepflückt hatte, herbei, und als er den bewaffneten Täter über seiner verletzten Ehefrau sah, griff er in seiner verzweifelten Lage nach einer Mistforke zur Verteidigung. Der Täter aus dem Raum Bielefeld, der damals in den Zeitungsberichten noch mit vollem Namen genannt werden durfte, gab drei Schüsse auf den Hausherrn ab. Die Schüsse gingen in die Hüfte und die Schulter, aber lebensgefährlich war der Bauchschuss. Der Täter flüchtete und ließ die Opfer liegen, die sich nur mit Mühe vor das Haus schleppen konnten.

Ein glücklicher Zufall

Einen Telefonanschluss gab es damals im Hause nicht; Mobiltelefone kannte man noch nicht.

Ein glücklicher Zufall half den Opfern: 30 bis 40 Minuten nach der Tat kam der Milchtankwagen. Als der Fahrer das Verbrechen realisiert hatte, wendete er seinen Lkw und fuhr einige Hundert Meter zur Hofstelle Knappmeyer, die schon damals ein Telefon mit Wählscheibe besaßen. Polizei und Krankenwagen wurden gerufen und trafen auch bald am Ort des Geschehens ein. Es gab damals weder einen Notarzt noch einen Rettungswagen, sodass es nur darum ging, die Verletzten so schnell wie möglich ins nächstgelegene Krankenhaus nach Melle zu bringen.

Hier ging es für Heinrich Bockstette um eine Notoperation, und sein Leben hing auch wegen des hohen Blutverlustes am sprichwörtlichen „seidenen Faden“. Er überlebte und konnte schwer gezeichnet nach einigen Wochen das Krankenhaus verlassen.

Psychische Schäden

Um die körperlichen Schäden hatte sich die chirurgische Abteilung im alten ehemaligen evangelischen Krankenhaus bemüht, obwohl das Bauchprojektil mit den damaligen medizinischen Möglichkeiten nicht entfernt werden konnte. Um die psychischen Schäden indes gab es vom damaligen Hausarzt Dr. Gustav Bockbreder nur den Rat, dass das Opfer-Ehepaar in ihr Haus in Ostenwalde auf keinen Fall zurückkehren dürfte. Sonstige Hilfsangebote mit einer Therapie zur Verarbeitung dieses schrecklichen Ereignisses gab es nicht. Auch die Opferschutzorganisation „Der Weiße Ring“ war zu jener Zeit noch nicht gegründet.

Die Familie zog notgedrungen in eine Mietwohnung, wechselte später nochmals. Richtig heimisch wurden sie nicht, die schrecklichen Ereignisse dürften sie wieder und wieder durchlebt haben. Dies hielt bis zu ihrem jeweiligen Lebensende an. Am Tattag konnte der Täter trotz großer Fahndung nicht gefasst werden. In der Zeitung wurde seine Beschreibung veröffentlicht. Die polizeilichen Möglichkeiten der Spurensicherung waren damals ebenfalls noch sehr begrenzt.

Entscheidender Hinweis

Am 5. November 1969 wurde auf der Landkreis-Seite der Heimatzeitung durch Redakteur Jürgen Hofmeyer umfangreich berichtet: „Scheußliches Verbrechen von Oldendorf aufgeklärt – Beobachtungen eines Zeugen verhalfen der Polizei zur Festnahme des Täters.

Josef Vossel, Schlepperfahrer auf Gut Gesmold, lieferte den entscheidenden Hinweis.

Den Pistolenschützen aus Jöllenbeck zog es sprichwörtlich an den Tatort zurück. In einer Gaststätte in Westerhausen fiel er dem Zeugen auf, obwohl der Täter den Bart abrasiert hatte. Gegen 1.30 Uhr nachts wurde der Polizeiposten in Westerhausen angerufen mit dem Hinweis, dass der vermutliche Täter sich noch in der Gaststätte aufhalte. Die Notrufnummer 110 gab es noch nicht. Mit ihren Privatwagen verfolgten Polizeiobermeister Alfons Winking und sein Kollege Klaus Regendantz den Mann. Nach einer Verfolgungsfahrt stellten sie ihn.

Schon bei seiner ersten Vernehmung durch die Kriminalpolizei gab er die Tat zu, nur bei dem Motiv gab es widersprüchliche Aussagen, ob ein Raubüberfall oder eine Sexualstraftat von ihm geplant war.

Die Tageszeitung sprach sich damals dafür aus, dem Zeugen eine Belohnung zu geben und die beiden mutigen Polizeibeamten zu belobigen.


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