Kapelle und Maßregelvollzug Mit dem Fahrrad zur Kirche nach Haldem

Von Eckhard Grönemeyer

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Auf der Treppe vor dem Schloss Haldem die Teilnehmer der Radtour mit den Organisatoren Jonas Templin von der Maßregelvollzugsklinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Foto: Eckhard GrönemeyerAuf der Treppe vor dem Schloss Haldem die Teilnehmer der Radtour mit den Organisatoren Jonas Templin von der Maßregelvollzugsklinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Foto: Eckhard Grönemeyer

Altkreis Wittlage. Der Heimat-Arbeitskreis einiger Kirchengemeinden im Altkreis Wittlage hatte zu einer Fahrradtour in das benachbarte Haldem eingeladen, wo die Heilig-Kreuz-Kapelle und anschließend das Schloss Haldem besucht wurden.

Auf dem großflächigen Gelände betreibt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ein Fachkrankenhaus für suchtkranke Straftäter mit 184 Therapieplätzen. Die Einrichtung ist für die Region mit 300 Arbeitsplätzen auch ein bedeutender Arbeitgeber. Durch eine offene Informationspolitik ist es der Maßregelvollzugsklinik gelungen, anfängliche Vorbehalte abzubauen, sodass es gegenwärtig in der ländlichen Dorfbevölkerung eine wachsende Akzeptanz für die Einrichtung gibt.

Hochsommerliche Temperaturen

Für die Radtour benötigten die Teilnehmer aus Ostercappeln, Bohmte und Bad Essen gut eine Stunde und 30 Minuten bei hochsommerlichen Temperaturen. Hans Möller-Nolting stellte anschließend die Heilig-Kreuz-Kapelle, gelegen am örtlichen Friedhof, vor, deren Geschichte ebenso wie die des fast angrenzenden Schloss Haldem mit dem Wittlager Land bzw. den bedeutenden Adelsfamilien von dem Bussche-Ippenburg und Streithorst verbunden sind.

Maßregelvollzugsklinik

Nächste Station war der Besuch der Maßregelvollzugsklini k im Schloss Haldem, eine an sich geschlossene Einrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen. Träger ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, eine Behörde, in der bestimmte Landesaufgaben gebündelt werden. Vergleichbare Behörden gibt es in Niedersachsen nicht. Empfangen wurden die Besucher aus dem Altkreis durch Jonas Templin, der bis vor zwei Jahren pädagogischer Leiter des Bad Essener Jugendtreffs „Trio“ war und der jetzt für die Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtung in Haldem verantwortlich ist.

Wechselvolle Geschichte

Das Rittergut hat seit dem 13. Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte erlebt. Vom „Damenstift“, eine „Jungführerschule“ in der Nazizeit, ab 1959 eine sogenannte „Trinkerheilanstalt“ und jetzt eine Maßregelvollzugsanstalt. Dadurch, dass es eine sinnvolle und wirtschaftliche Nutzung für die Gesamtanlage gibt, ist der Erhalt der baudenkmalgeschützten Gebäude und der Parkanlage gewährleistet.

Jonas Templin konnte in seinem Media-Vortrag den Laien erklären, welche Funktion der Maßregelvollzug in einem Rechtsstaat hat. Eingewiesen werden kann nur durch richterlichen Beschluss ein verurteilter Straftäter, dem aufgrund einer nachgewiesenen krankhaften Sucht im Sinne der Paragrafen 63 und 64 Strafgesetzbuch eine verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen wird. Da es sich um eine freiheitsentziehende Maßnahme handelt, gibt es relativ hohe Anforderungen, die eine solche Zwangsmaßnahme rechtfertigen. Niemand soll auf „Verdacht“ oder wegen einer bloßen Beschuldigung „weggeschlossen“ werden.

Unterschiedliche Nationalitäten

In Haldem sind 184 männliche Patienten im Alter von etwa 21 bis 65 Jahren, jeweils nur männlichen Geschlechts, untergebracht, und zwar viele unterschiedliche Nationalitäten. Anders als in einer Justizvollzugsanstalt gibt es in Haldem keine „Schließer“, also Wachpersonal, sondern geschulte Pflege- und Betreuungskräfte. Das Ziel des Maßregelvollzugs ist die Wiedereingliederung der Patienten. Dazu werden die begangenen Straftaten eingehend in der Therapie „aufgearbeitet“, sodass sich ein Unrechtsbewusstsein einstellt, die unterschiedlichen Süchte werden medizinisch und durch begleitende Therapien behandelt.

Halb offene Stationen

Anfangs sind die „Neuzugänge“ in hermetisch gesicherten Gebäuden untergebracht; bei erfolgreichen Therapieverlauf gibt es dann Lockerungen, etwa halb offene Stationen mit viel Freigang. Aus den geschlossenen Einrichtungen gab es in den letzten Jahren keine Entweichungen, nur aus dem gelockerten Vollzug. Natürlich gibt es eine Rückfallquote, die beim Maßregelvollzug jedoch geringer ist als in den Justizvollzugsanstalten.

Weiteren Lebensweg meistern

In der Therapie fortgeschrittene Patienten arbeiten teilweise in ortsansässigen Betrieben mit oft guten Prognosen, sodass sie sich beruflich qualifizieren und mit der neu erlernten sozialen Kompetenz nach ihrer Entlassung hoffentlich ohne erneut straffällig zu werden, ihren weiteren Lebensweg meistern.


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