Ihr regionaler Immobilienmarkt

Bad Essener Patienten betroffen Fehlender Wohnraum erschwert Neuanfang in der Region

Von Kerstin Balks

Eine passende Wohnung müssen gerade Menschen in einer besonderen Lebenssituation mit der Lupe suchen. Archivfoto: Gert WestdörpEine passende Wohnung müssen gerade Menschen in einer besonderen Lebenssituation mit der Lupe suchen. Archivfoto: Gert Westdörp

Bad Essen. Der Immobilienmarkt ist bekanntermaßen angespannt, die Suche nach bezahlbarem Wohnraum äußerst schwierig – auch in der Region und umso mehr für Menschen in einer belastenden Lebenssituation, in der sich die Patienten der Paracelsus Berghofklinik am Essenerberg befinden.

„Meine Frustrationstoleranzgrenze sinkt immer mehr“, fasst Sven M, 43 Jahre und Vater eines schwerbehinderten Sohnes, sehr deutlich seinen aktuellen Zustand zusammen. Trotz eines Aufrufes kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres hat er bis heute keine passende Wohnung gefunden und hängt in der Schwebe.

Sven M. befindet sich derzeit in einer Adaptionsmaßnahme in der Paracelsus Berghofklinik am Essenerberg. „Die Adaption stellt“, so die Auskunft der Klinik, das Bindeglied zwischen einer stationären Entwöhnungsbehandlung und der sozialen und beruflichen Wiedereingliederung im Alltag dar.“ In der Regel schließe sich ein mehrmonatiger Aufenthalt in der Adaptionseinrichtung nahtlos an die stationäre Entwöhnungsbehandlung an und werde als zweiter Teil der Rehabilitation gesehen, bei dem die Patienten unter realen Alltagsbedingungen, Therapieerfolge stabilisieren und mit professioneller Unterstützung die eigenverantwortliche Lebensführung einüben. Dazu gehört auch die Unterstützung bei der Praktikums-, Arbeitsplatz – und eben auch bei der Wohnungssuche.

Finanzieller Hintergrund

„Die finanzielle Situation ist ausschlaggebend für die Vermieter. Wird eine Arbeitslosigkeit deutlich, ist die Wohnungsbewerbung quasi aussichtslos. Häufig geben die Vermieter dann noch nicht einmal eine Rückmeldung. Hinzu kommt, dass es nur wenige Wohnungen im Budgetbereich gibt“, sagt Judith Schwertmann, in der Berghofklinik für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Und Sven M. ergänzt diese Aussage mit einem konkreten Beispiel: „Wie soll man etwas Passendes finden, wenn bei einer kleinen Wohnung in der Größenordnung von etwa 25 Quadratmetern die Kosten bei über 350 Euro liegen?“, verdeutlicht Sven M. seine Erfahrungen. Seit kurzer Zeit besitzt er einen Wohnungsberechtigungsschein. Damit ist er berechtigt, sozialen Wohnraum anzumieten.

Doch auch in diesem Bereich schien die Lage für ihn bislang aussichtslos: Trotz Anmeldungen bei verschiedenen Anbietern gab es keinen freien Wohnraum. Natürlich ist Sven M. auch selbst aktiv geworden und hat bei Ebay eine Kleinanzeige geschaltet, in der er sehr offen mit seiner aktuellen Situation und seinem persönlichen Hintergrund umgeht. „Doch trotz 500 Klicks auf meiner Anzeige habe ich keine einzige Rückmeldung erhalten“, bilanziert er den frustrierenden Rücklauf. Nicht nur für sich, sondern auch für zukünftige Adaptionspatienten sieht Sven M. das Thema „Wohnungssuche“ als absolut notwendig und wichtig an. Schließlich steige der Bedarf mit jedem neuen Patienten, da sich die meisten ein neues Umfeld schaffen wollen und einen Neustart wagen. Das sei aber nur möglich, wenn ihnen auch die Chance dazu gegeben werde, so sein Appell.

Neue Umgebung

Dazu muss man wissen, dass die Adaption für die Suchtpatienten einen kompletten Neuanfang darstellt. Die meisten kommen aus anderen Regionen Deutschlands und haben sich bewusst für einen neuen Lebensmittelpunkt entschieden, um mit alten Gewohnheiten endgültig abzuschließen und mit alten Verbindungen und Beeinflussungen zu brechen. Auf ein Netzwerk aus Nachbarn, Kollegen, Freunden, Bekannten und Verwandten, das sich, wie jeder weiß, bei der Wohnungssuche als überaus nützlich erweist, verfügen sie daher nicht.

Immerhin kann Sissi K. von einem „Glückslos“ berichten. Im Anschluss an einen Bericht zum Thema, der vor Weihnachten im Wittlager Kreisblatt erschien, hat sie eine Wohnung für sich und ihren kleinen Sohn gefunden. Aufgrund der vielen Behördengänge und notwendigen Entscheidungen sei es ein langer Weg bis zum Mietvertrag gewesen, aber nun laufe alles bestens. Ihre Vermieter seien sehr kooperativ und verständnisvoll gewesen und hätten viel Unterstützung geleistet. „Für mich ist das ein ganz neuer Start“, freut sich Sissi K. auf den neuen Lebensabschnitt.

„Die zwei unterschiedlichen Geschichten zeigen, wie wichtig es ist, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen“, sagt Judith Schwertmann und lädt Vermieter ein, sich die Einrichtung in Bad Essen anzuschauen, kennenzulernen und dadurch Verständnis für die Patienten und ihre Hintergründe zu entwickeln. „Unsere Patienten sind sehr liebenswert und zuverlässig. Sie haben eine Chance verdient!“, ergänzt Albrecht Aupperle, sozialpädagogischer Leiter der Berghofklinik.