Praxen beklagen Nachwuchs-Probleme Die Zukunft der Hausarztversorgung im Wittlager Land

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Wer soll in Zukunft den Blutdruck messen, wenn Hausarztpraxen auf dem Land nicht wieder besetzt werden können? Dieser Frage müssen sich die Wittlager in den nächsten Jahren stellen. Symbolfoto: Bernd Weissbrod/dpaWer soll in Zukunft den Blutdruck messen, wenn Hausarztpraxen auf dem Land nicht wieder besetzt werden können? Dieser Frage müssen sich die Wittlager in den nächsten Jahren stellen. Symbolfoto: Bernd Weissbrod/dpa

Altkreis Wittlage. Von der Grippe bis zur Schnittwunde, von der Impfung bis zur OP-Nachsorge – Hausärzte sind oft die ersten Ansprechpartner für die gesundheitlichen Probleme der Gesellschaft. Doch viele Praxen sind überlastet, und manch ein Arzt arbeitet über das Renteneintrittsalter hinaus, weil er keinen Nachfolger findet. Wie ist die Situation im Wittlager Land?

Eigentlich könnte Heinrich Macke in diesem Jahr in Rente gehen. Doch der Hausarzt wird seinen Ruhestand wohl noch ein bisschen hinauszögern. Wie alle Praxen im Wittlager Land ist auch seine in Hunteburg voll ausgelastet. „Die Kollegen würden die anfallende Arbeit nicht alleine schaffen“, meint er, und arbeitet weiter. Dabei gilt der Altkreis nach den Zahlen der Kassenärtzlichen Vereinigung in Niedersachsen offiziell als überversorgt: 28 niedergelassene Hausärzte gibt es hier. Wenn man von dem Sollwert ausgeht, dass jeder von ihnen 1.617 Patienten betreut, dann entspricht das einem Versorgungsgrad von 124,6 Prozent. Liegt er über 110, dürfen sich keine weiteren Ärzte niederlassen.

Dass der Versorgungsgrad nur wenig über die tatsächliche Versorgungsqualität aussagt, ist kein Geheimnis. Selbst die KVN räumt ein, dass die alternde Gesellschaft mehr ärztliche Versorgung braucht. Außerdem suchen die Menschen heute häufiger einen Arzt auf, als noch in den 90er Jahren, als die Bedarfsplanung entwickelt wurde. Weil aber ohnehin keine zusätzlichen Praxen eröffnet werden dürfen, ist bei der Frage nach der Zukunft der Ärzteversorgung entscheidend, ob bestehende Praxen in Zukunft mit jüngeren Ärzten besetzt werden können.

Nachfolgersuche wird zum Problem

Darauf darf kaum noch ein Hausarzt auf dem Land hoffen, meint Heinrich Macke. „Es fehlen geeignete Ärzte und die Bereitschaft, auf’s Land zu gehen.“ Er teilt sich seine Praxis bereits mit seiner Kollegin Ute Melches. Aber damit, einen Nachfolger zu finden, hatte er selbst nicht mehr gerechnet. Das Schicksal teilt er mit vielen Hausärzten im Wittlager Land, insbesondere in Bad Essen. Dort werden derzeit besonders viele Arztsitze frei: Eine Erhebung des Landkreises Osnabrück ergab 2016, dass dort 41,7 Prozent der Hausärzte 63 Jahre alt oder älter waren. Sie könnten also bald in den Ruhestand gehen, ihre Praxen müssten neu besetzt werden. Das hat sich bereits im Vorfeld angekündigt: Das Durchschnittsalter der Hausärzte ist in Bad Essen von 2012 bis 2016 von 52,5 auf 57,8 Jahre gestiegen. Offenbar hat es in dem Zeitraum kaum Fluktuation gegeben.

In Ostercappeln hat sich die Ärzteschaft dagegen in den letzten Jahren leicht verjüngt. Lag das Durchschnittsalter 2012 noch bei 60,1, ist es bis 2016 auf 56 gesunken. Das kann nur daran liegen, dass bereits ältere Ärzte in Ruhestand gegangen sind und Jüngere übernommen haben. Trotzdem steht in Ostercappeln immer noch jeder dritte Hausarzt vor der Rente. Ganz anders ist die Situation in Bohmte. Dort waren nur 11,1 Prozent der Hausärzte älter als 63 Jahre. Überhaupt hat die Gemeinde im Wittlager Vergleich die jüngsten Hausärzte. 2016 betrug das Durchschnittsalter 53,6 Jahre, 2012 allerdings noch 51,1.

Sohn übernimmt die väterliche Praxis

Seit dem hat sich zumindest in der Praxis von Heinrich Macke etwas getan: Sein Sohn Stephan hat sich vor ziemlich genau einem Jahr als Hausarzt in Hunteburg niedergelassen. Die Entscheidung dazu fällte er erst in den letzten Zügen seiner Ausbildung. „Ich hatte im Krankenhaus nicht das Gefühl, dass ich mich dort verwirklichen kann“, sagt Macke. Das „stupide Abarbeiten von Visitenplänen“ gefiel ihm nicht, stattdessen wollte er lieber „ein persönliches Arzt-Patienten-Verhältnis haben, ich wollte meine Patienten kennen, ein Vertrauensverhältnis aufbauen und gemeinsam mit dem Patienten eine Behandlung durchführen.“

Viele seiner Kommilitonen konnten sich das nicht vorstellen. „Schon während des Studiums präsentieren sich scheinbar einige Fachrichtungen besser als die hausärztliche Medizin“, sagt Macke. Aber es seien auch die Rahmenbedingungen, vor denen die Kollegen zurückschrecken: „Bis zur Niederlassung ist es ein weiter Weg, mit ständigen Hürden und auch teils absurden Formalien“, weiß Macke aus eigener Erfahrung. Hinzu kommt auch das finanzielle Risiko der Selbstständigkeit, für sich selbst aber auch für seine Angestellten. „Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die angestellten Kollegen im Krankenhaus zweimal überlegen, diese beschützenden Verhältnisse zu verlassen“, meint Macke.

Mit dem Ärztemangel umgehen

Es selbst war überrascht vom Arbeitspensum und den vielschichtigen Aufgaben in der Hausarztpraxis seines Vaters. Und auch für die Zukunft sieht das Vater-Sohn-Gespann einige Herausforderungen auf die gemeinsame Praxis zukommen: „Eine alternde Gesellschaft mit steigendem medizinischem Bedarf muss durch immer weniger Ärzte dennoch gut versorgt werden.“ Dazu müssten Anreize müssen geschaffen und der bürokratische Aufwand minimiert werden, sagen beide. Gleichzeitig wollen sie bei sich selbst ansetzen, und verantwortungsvoll mit den begrenzten Ressourcen umgehen. „Nicht jeder Rückenschmerz, braucht ein MRT, ein Mückenstich oder eine Erkältung haben nachts um 2 Uhr in der Notaufnahme nichts zu suchen.“ Dem wollen sie sich als Hausärzte stellen. „Am liebsten natürlich mit einem weiteren jungen Kollegen oder einer jungen Kollegin in unserer Praxis.“

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