Serie „Die Kunden und ich“ Bad Essener Apotheker über Viagra und Bestseller

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Moritz Niemöller ist Apotheker in Bad Essen. Foto: Svenja KrachtMoritz Niemöller ist Apotheker in Bad Essen. Foto: Svenja Kracht

Bad Essen. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 7: ein Apotheker.

Moritz Niemöller hat Pharmazie studiert. Nach einiger Zeit in der Forschung ist der 28-Jährige mittlerweile als Apotheker in Bad Essen tätig.

Nehmen die Menschen heutzutage häufiger Medikamente ein als früher?

Das ist schwierig zu sagen. Die Menschen werden heute älter, sind häufiger in Behandlung und nehmen dementsprechend in ihrem Leben auch mehr Medikamente ein. Die Pharmaindustrie entwickelt ja permanent neue Wirkstoffe, weshalb man nun auch gegen viele zuvor nicht therapierbare Krankheiten Medikamente einehmen kann.

Wann müssen Sie den Leuten sagen, dass Sie ihnen nicht weiterhelfen können und sie zum Arzt schicken?

Eigentlich immer dann, wenn Menschen kommen, die keine ärztliche Diagnose haben, es aber sinnvoll wäre, eine zu stellen, bevor man sie mit Medikamenten behandelt. Die Diagnose ist die Aufgabe des Arztes. Bei der Selbstmedikation durch den Patienten ist es immer wichtig darauf hinzuweisen, dass beim Fortbestehen der Beschwerden ein Arzt aufgesucht werden sollte.

Sind Sie eine Art „Ersatzarzt“ für die Menschen, die keine Lust auf ein volles Wartezimmer haben?

Ja, schon. Zum Beispiel bei Erkältungen, Allergien oder Magen-Darm-Beschwerden haben wir sehr viele Kunden, die auf den Arztbesuch verzichten. Auch Hauterkrankungen, bei denen die Patienten wissen, dass etwa verschreibungsfreie Cortisonsalben hilfreich sein können, fallen oft in den Bereich der Selbstmedikation.

Was ist Ihr Bestseller?

Bei rezeptfreien Mitteln auf jeden Fall Schmerztabletten und Nasenspray. Bei rezeptpflichtigen Medikamenten hängt es immer von den Ärzten ab, die sich in der Nähe der Apotheke befinden. Wenn ein Hausarzt nebenan ist, werden beispielsweise eher Mittel gegen ,,Volkskrankheiten“ wie Bluthochdruck nachgefragt. Ich habe in Harburg mal in einer Apotheke unter zwei Gynäkologiepraxen gearbeitet, da wurden natürlich ganz andere Medikamente nachgefragt.

Was wird am Nachtschalter am meisten verkauft?

Das sind häufig Antibiotika für Patienten, die direkt aus einer Klinik kommen. Und natürlich die Pille danach. Einmal hat jemand sich vorher erkundigt, ob wir Nachtdienst haben, um gezielt die Pille danach holen zu können. Quasi eine Art Vorbestellung. In solch einem Fall versuche ich den Leuten immer den bewussten Umgang mit Arzneimitteln nahe zu bringen.

Wie beurteilen Sie es, dass seit einiger Zeit die Pille danach ohne Arztbesuch direkt bei der Apotheke zu bekommen ist?

Ich finde, es ist eine wahnsinnige Erleichterung für die Patientinnen. Die Beratung dazu erfolgt ja jetzt bei uns in der Apotheke. Die Übernahme dieser Verantwortung ist für unseren Berufsstand eine schöne Sache: Auch hier können wir unsere Beratungsqualitäten zeigen. Und die Verkaufszahlen der letzten Jahre zeigen keinen kontinuierlichen Anstieg der Nachfrage.

Wie viel bringen homöopathische Mittel wirklich?

Das ist Ansichtssache. Ich bin jemand, der an die Schulmedizin glaubt, aber wenn ein Kunde ein homöopathisches Mittel haben möchte, rede ich ihm das natürlich nicht aus. Gerade bei Kindern finde ich diese Art der Behandlung aber machmal sinnvoller, als beispielsweise sofort Antibiotika zu verschreiben.

Wie viel Berater und wie viel Verkäufer sind Sie?

Beides zu gleichen Teilen würde ich sagen. Bei Stammkunden mit chronischen Beschwerden, die immer das gleiche Medikament bekommen, muss ich keine Einführung zur Einnahme mehr geben. Bei neuen Kunden frage ich immer nach, ob sie mit der Einnahme vertraut sind.

Wie diskret müssen Sie sein?

Wir sind zur Verschwiegenheitspflicht angehalten. Diskretion ist natürlich ein großes Thema: Dass die Kunden in der Schlange Abstand zu demjenigen halten, der gerade bedient wird beispielsweise. Wir geben auch Tüten mit, sodass der Nachbar nicht gleich sieht, was man in der Apotheke gekauft hat. Häufig ist es den Kunden unangenehm, wenn sie beispielsweise Viagra kaufen. Für uns ist das aber das Alltagsgeschäft. Wir geben das jeden Tag raus und es muss sich niemand Sorgen machen, dass wir das komisch finden.

Warum haben Sie den Beruf ergriffen?

Ich finde die Mischung zwischen Naturwissenschaften und dem Arbeiten mit Menschen toll.


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