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Serie „Die Kunden und ich“ Quakenbrücker DJ über Helene Fischer, betrunkene Gäste und coole Küsse

Von Christian Lang, Christian Lang | 13.06.2018, 09:30 Uhr

Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir Kunden uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 13: ein DJ.

Seit fast vier Jahren tritt der Quakenbrücker Artur Jung bei Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Feiern als DJ Young auf. Im Interview spricht der 21-Jährige, der in Vechta Management Sozialer Dienstleistungen studiert, über Helene Fischer, betrunkene Gäste, unpassende Wünsche und das Knutschen mit einer Schwedin.

 Herr Jung, welche Musikwünsche lösen bei Ihnen Schaudern aus? 

Umstritten ist es immer, wenn sich die Leute „Böhse Onkelz“ wünschen – wegen deren früherer Nähe zum Rechtsrock. Mein Motto ist aber, dass es keinen schlechten Musikwunsch gibt, sondern nur einen schlechten Zeitpunkt, einen bestimmten Song zu spielen.

 Aber es gibt doch bestimmt auch Lieder, die Ihnen zum Hals heraushängen... 

Ja, der deutsche Schlager wird schon häufig gewünscht – allen voran Helene Fischer. Und das ist nicht wirklich mein Ding. „Atemlos“ kann ich echt nicht mehr hören.

 Wie häufig kommen die Gäste auf einer durchschnittlichen Party zu Ihnen, um sich einen Titel zu wünschen? 

Das hängt von der Uhrzeit ab. Bei Hochzeiten oder Geburtstagen sind es zunächst nicht so viele. Nach Mitternacht, wenn die Gäste auch schon etwas getrunken haben, dann sind es pro Stunde bestimmt fünf Leute, die zu mir kommen. Eigentlich versuche ich auch immer, die Wünsche zu erfüllen.

 Gibt es dennoch Musikwünsche, die Sie ablehnen? 

Ja, das ist aber immer situationsbedingt. Man kann alles spielen – der Zeitpunkt muss jedoch gut gewählt sein. Es geht zum Beispiel nicht, dass nach einem Paartanz etwas hartes Elektronisches gespielt wird. Techno auf einer Hochzeit lehne ich für gewöhnlich ab. Prinzipiell kommt es aber auch immer auf das Paar und die Gäste an. Es kam deshalb schon vor, dass ich bei einer Hochzeit viel Deutsch-Rap gespielt habe.

 Mit welchem Lied zieht man die Leute immer auf die Tanzfläche? 

Es gibt einige Songs. Lieder aus den 90ern kommen in der Regel gut an – bei jung und alt. Da fällt mir zum Beispiel „Insomnia“ von Faithless ein. Bei den älteren Leuten sind „Am Fenster“ von City oder „Daddy Cool“ von Boney M. sehr beliebt. Natürlich kommt es auf die jeweilige Veranstaltung an. Bei Jüngeren ziehen elektronische Beats.

 Wann sind Sie genervt von den Gästen? 

Das hat häufig mit Alkoholkonsum zu tun. Je mehr die Leute trinken, desto mehr wollen sie sich auch durchsetzen bei den Songwünschen. Dann kommt zum Beispiel ein Gast und wünscht sich einen Song, der momentan nicht reinpasst. Ich sage ihm das, aber er kommt dann ein paar Minuten später wieder an – mit demselben Wunsch. Das meint er nicht böse, sondern er hat dann einfach vergessen, dass er schon bei mir war. Manchmal wünschen sich die Gäste innerhalb kürzester Zeit mehr als fünf Mal ein Lied – und diese Diskussionen können schon recht nervig sein. Irgendwann verstehen sie es zwar, dass der Song nicht passt. Aber es dauert halt eine Weile. (Weiterlesen: Quakenbrücker Juwelierin über Reiseklobürsten und dreistes Feilschen) 

 Ist eine solche Situation schon mal eskaliert? 

Gott sei Dank gab es noch keine physische Auseinandersetzung. Aber es kam schon vor, dass ein Gast gesagt hat: „Was bist du eigentlich für ein DJ?“

 Sind die betrunkenen Gäste eher amüsant oder stressig? 

Das kommt immer drauf an. Vor kurzem habe ich bei einer Familienfeier in Warendorf aufgelegt. Da herrschte ein sehr positiver Vibe zwischen den Gästen, das hat echt Spaß gemacht. Sie haben auch akzeptiert, wenn ich einen Wunsch nicht erfüllen konnte. Aber bei manchen Veranstaltungen ist es schon so, dass der Alkohol dazu führt, dass die Gäste sehr penetrant werden.

 Werden Sie als DJ häufig angebaggert? 

Die Zeiten sind vorbei (lacht). Vor ein paar Jahren habe ich beim 18. Geburtstag einer Bekannten aufgelegt. Eine Gruppe Austauschschüler aus Schweden war auch zu Gast. Viele junge Blondinen darunter. Eine davon hat mich die ganze Zeit angeschaut. Dann habe ich sie zu mir geholt und ihr das Mixen beigebracht. Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu gekommen ist, aber plötzlich haben wir vor allen Gästen rumgeknutscht. Für mich war es in dem Moment echt cool. Im Nachhinein muss ich sagen, war es doch etwas peinlich. Auch weil in der Schule anschließend sehr viel getuschelt wurde. Letztlich war es eine Mischung aus „peinlich“ und „toll“.

 Welche Veranstaltungen sind besonders anstrengend? 

18. Geburtstage und Hochzeiten sind oftmals recht anstrengend. Bei 18. Geburtstagen ist die Klientel sehr jung, der Veranstalter hat meist ein kleines Budget, die Gäste trinken sehr viel Alkohol und diskutieren. Wenn junge Leute trinken, ist das meist sehr anstrengend. Sie feiern auch sehr lange.

 Und die Hochzeiten? 

Bei Hochzeiten ist es ja so, dass die Trauzeugen oder die anderen Gäste Spiele für das Brautpaar veranstalten. Häufig werde ich auch in die Spiele spontan eingebunden. Dann muss ich etwas vor den Gästen sagen oder bekomme einen USB-Stick in die Hand gedrückt mit Liedern, die ich abspielen soll. Man muss sehr flexibel sein bei Hochzeiten. Das kann schon eine Herausforderung sein.

 Sind Sie manchmal nervös bei Ihren Auftritten? 

Das kommt zwischendurch immer mal wieder vor. Wenn ich weiß, dass ich etwas Längeres sagen muss bei den Feiern oder sehr viele Gäste anwesend sind, dann brauche ich ein, zwei Bier vorher, um ruhiger zu werden. Wenn bei einer Hochzeit zum Beispiel 200 Leute vor Ort sind, ist es schon manchmal eine Überwindung, das Wort zu ergreifen und sich vorzustellen.

 (Weiterlesen: Ankumer Fahrlehrer über Handys, Nervosität und das Chaos in Osnabrück) 

 Stört es Sie manchmal, wenn Sie am Wochenende arbeiten müssen, während Ihre Freunde feiern gehen können? 

Nicht unbedingt. Ich habe schon ein paar Freunde verloren, weil ich nicht so viel Zeit hatte. Aber ich war früher auf Partys schon eher der Typ, der mit dem DJ gequatscht oder sich die Technik angeschaut hat. Ich bin niemand, der wirklich ausgelassen feiern kann. Mit meinen Freunden unternehme ich dann eher unter der Woche was.

 (Weiterlesen: Quakenbrücker Friseurin über den Vokuhila, nervöse Bräute und Hygiene) 

 Welches war die schlimmste Veranstaltung, auf der Sie aufgetreten sind? 

Da fällt mir tatsächlich einiges ein. Wenn ich einen Abend überstehe, an dem nichts kaputtgeht oder niemand unzufrieden ist, ist das schon sehr gut. Ich trete viel bei 40. oder 50. Geburtstagen oder auch auf Goldenen Hochzeiten auf. Da fällt mir häufig auf, dass die Gäste über mich tuscheln. Manchmal zeigen sie sogar mit dem Finger auf mich. Ich habe die Kopfhörer auf und kann nicht verstehen, was sie sagen. Von daher muss es auch nichts Böses sein. Dennoch ist das nicht angenehm. Eine andere Begebenheit werde ich auch nie vergessen.

 Erzählen Sie... 

Als ich mit dem Auflegen begonnen habe, hatte ich noch keinen professionellen Tisch. Ich fing mit einer Art Tapeziertisch an mit dünnen Beinen, auf den ich mein Equipment stellte. Bei einer Feier hat ein Mädchen ihr Getränk drüber geschüttet. Ich hatte aber nix zum Abwischen da. Also habe ich mein Hemd ausgezogen und damit versucht, das Equipment zu säubern. Aber es war zu spät. Der Controller war kaputt. Für mich war der Abend damit gelaufen. Das Mädchen war total betrunken und hat den Fehler nicht eingesehen. Ich dachte, ich falle aus allen Wolken. Sie hat mein Zeug kaputtgemacht und hat sich dann erst mal verzogen zum Rauchen. Sie hat es sogar abgestritten. Später hat sie es dann doch eingesehen und ihre Versicherung hat den Schaden bezahlt. In der Schule ging später sogar das Gerücht um, ich hätte eine Striptease-Show veranstaltet, weil ich mein Hemd ausgezogen hatte.

 Was mögen Sie an Ihrem Job? 

Ich bin ein Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht. Es macht mir einfach Spaß, wenn die Leute zu meiner Musik tanzen. Das ist ein tolles Gefühl. Außerdem ist das Auflegen eine sehr gute Abwechslung zu meinem Studium, das ich in der Woche verfolge und hierdurch auch finanzieren kann.

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