Altes Rauchhaus in Varrel Heuerleute standen unter der Knute der Bauern

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Delmenhorst/Stuhr. Die Heuerleute bildeten bis um das Jahr 1960 die ärmste Bevölkerungsschicht auf dem Land. Eine Publikation gewährt Einblicke in deren Lebensverhältnisse.

Die Bezeichnungen sind unterschiedlich, doch sie treffen alle auf die Angehörigen derselben ländlichen sozialen Gruppe zu: Heuerleute, im mittleren Niedersachsen auch Häusler, in Westfalen Kötter genannt, stellten als unterbäuerliche Schicht in vielen Dörfern des Nordwestens lange Zeit die Mehrheit der Bevölkerung.

Diese Schicht hatte sich im 17. Jahrhundert aus den nicht erbberechtigten Bauernkindern gebildet. Über beinahe vier Jahrhunderte prägte das Heuerlingswesen in starkem Maße die ländliche Gesellschaft in unserer Region. Und auch zu Beginn des 20. Jahrhundert war es noch nicht verschwunden: Noch 1927 sind im Amt Delmenhorst 184 Heuerlingsfamilien gezählt worden, was 8,1 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in dem Verwaltungsbezirk entsprach. Weiter südlich, im Amt Vechta, fristeten sogar noch 2105 Heuerlingsfamilien (43,5 Prozent) ein kärgliches Dasein.

Alles andere als bäuerliches Idyll

„Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!“, dieser früher bekannte Ausspruch verdeutlicht die prekäre Stellung der Häusler, die nur über geringe Flächen Land zur Bewirtschaftung verfügen konnten und die Pacht auf dem Hof des Bauern abtragen mussten.

Der Ausspruch fand zugleich Verwendung als Titel für ein gleichermaßen wissenschaftlich fundiertes wie anschauliches Buch über das Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland. Der Historiker Dr. Helmut Lensing und der pensionierte Schulleiter und Hoferbe Bernd Robben zeichnen darin mit zahlreichen zeitgenössischen Berichten und Illustrationen ein eindrucksvolles Bild vom Leben auf dem Land fernab jeglichen bäuerlichen Idylls.

Altes Rauchhaus in Varrel noch bis 1962 bewohnt

Wie bescheiden sich die Wohnverhältnisse der Heuerleute noch bis in die 1950er Jahre darstellten, kann in Stuhr-Varrel besichtigt werden. Dort ist ein altes Heuerlingshaus, das „Rauchhaus“ an der Grünen Straße, erhalten geblieben. „Noch bis 1962 war es bewohnt“, berichtet Jürgen Timm, der innerhalb des Fördervereins Gut Varrel die Rauchaus-Gruppe gegründet hat. Die Ehrenamtlichen kümmern sich regelmäßig um die Instandhaltung des kultur- und sozialhistorisch bedeutsamen Gebäudes, das die Gemeinde 1988 erworben hatte.

Das alte Rauchhaus ist um 1825 aus Altmaterial ohne nennenswerte technische Hilfsmittel errichtet worden. Es ist beengt, die Bewohner lebten mit ihren wenigen Tieren – in erster Linie Hühner und Ziegen – unter einem Dach mit einem offenen Feuer.


Das Buch mit dem Untertitel „Betrachtungen und Forschungen zum Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland“ (324 S.) ist im Buchhandel (ISBN 978-3-9817166-7-2) für 24,90 Euro erhältlich.

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