Besonderes Förderprojekt Rentnerin aus Varrel ist Teil eines Technik-Tandems

Von Andreas hapke

Die Seniorin Erika Schmidt mit Tandem-Partner Axel Jesse und Christin Brümmer von Pro Dem.     Foto: Andreas HapkeDie Seniorin Erika Schmidt mit Tandem-Partner Axel Jesse und Christin Brümmer von Pro Dem. Foto: Andreas Hapke

Stuhr. Erika Schmidt und Axel Jesse sind ein Technik-Tandem. Die 90-Jährige aus Varrel will online Urlaub planen,

"Wenn ich alt bin, werde ich nur nörgeln. Das wird lustig“ – Ein Schild mit diesem Spruch begrüßt die Besucher der Varrelerin Erika Schmidt. Seit Kurzem zählt sie schlappe 90 Jahre und ist somit im besten Alter für Witze über das Alter. Und sie ist im besten Alter, um noch einmal etwas Neues kennenzulernen. Dabei unterstützt sie der ebenfalls in Varrel lebende Axel Jesse. Gemeinsam bilden die beiden ein sogenanntes Technik-Tandem im Rahmen des Förderprojekts „Digitalisierung im ländlichen Raum“. 

Online-Angebote nutzbar machen

Es zielt darauf ab, dass Senioren die Online-Angebote für sich nutzbar machen und von ihr profitieren. Im Fall von Erika Schmidt müsste es heißen: noch mehr davon profitieren, denn Mitglied eines sozialen Netzwerks war sie auch vorher schon.

Die Varrelerin steht noch mitten im Leben. Ihre monatlichen Ausflüge zur Bremer Glocke sind nur ein Beispiel für ihre Unternehmungslust. „Dafür habe ich ein Jahresabonnement“, sagt die rüstige Rentnerin. An solchen Tagen steuert sie ihr Auto bis zum Roland-Center und steigt dort in die Straßenbahn Richtung Domshof um.

Zur Sache

Technik-Tandem
Im Rahmen der Förderung „Digitalisierung im ländlichen Raum“ haben das Diakonische Werk Diepholz-Syke-Hoya und der Verein Pro Dem das Projekt Technik-Tandems ins Leben gerufen. Die Ziele: Senioren den Einstieg in die digitale Welt zu erleichtern und ihnen zu helfen, die Angebote für sich nutzbar zu machen sowie seriöse von unseriösen Diensten zu unterscheiden. Die Förderung beinhalt die Schulung von fünf technikaffinen Ehrenamtlichen und die Anschaffung von zehn Tablets, um fünf Tandems einzurichten. Da zwei Teilnehmer bereits über Tablets verfügten, starteten sogar sechs Tandems.

Doch was, wenn Erika Schmidt mal woanders hin möchte mit dem öffentlichen Personennahverkehr? Dann würde sie sich gerne im Internet über die Fahrpläne schlaumachen. Und da kommt ihr Tandem-Partner Jesse ins Spiel. Er möchte der Rentnerin zeigen, wie man im Netz nach den richtigen Fahrplänen sucht. Die App des Verkehrsverbunds Bremen/Niedersachsen hat er seiner „Schülerin“ bereits auf das Tablet gespielt, ebenso die der Gemeinde Stuhr. Weitere Anwendungen sollen folgen. „Wir sind auf allen Gebieten unterwegs“, sagt Jesse.

Das ist auch bitter notwendig vor dem Hintergrund der Pläne, die Erika Schmidt noch für ihr Leben hat. „Im Sommer möchte ich unbedingt Urlaub in Prien am Chiemsee machen. Davon würde sie sich gerne mal Fotos im Internet ansehen. Mehr noch: „Ich würde gerne mal nach Pensionen suchen. Ich will können, was andere mit ihren Handys machen.“

Vorsicht vor Datendieben

An Jesse soll das nicht scheitern. „Das kommt alles noch. Wir sind noch lange nicht fertig“, kündigt er an. Schritt für Schritt wolle er seiner Tandem-Partnerin die notwendigen Dinge beibringen. Einen wesentlichen Schwerpunkt seiner Arbeit bildet die Sicherheit im Netz, der Schutz vor den Machen- schaften von Datendieben und Betrügern.

Doch manchmal muss gar keine böse Absicht dahinterstecken, damit der Nutzer etwas falsch macht. Kürzlich habe sie sich eine Weile auf der Seite eines Hörgeräteherstellers aufgehalten und sollte plötzlich persönliche Daten eingeben, erzählt Erika Schmidt. „Mein Sohn sagte, dass ich dann vielleicht was kaufen müsse.“ In einem solchen Fall hilft auch die Sicherheitssoftware nicht, die Jesse auf ihrem Tablet aufgespielt hat. Da hilft nur erhöhte Aufmerksamkeit. Dafür möchte Jesse die Seniorin sensibilisieren. Wenn sie Angst habe oder „auf einmal alles weg ist“ auf dem Bildschirm, dann rufe sie bei Jesse an, sagt Erika Schmidt.

Kurzlehrgang absolviert

Speziell für das Projekt hat der 64-Jährige gemeinsam mit weiteren fünf technikversierten Ehrenamtlichen einen Kurzlehrgang bei einem EDV-Spezialisten absolviert. Vier Schulungen à drei Stunden sind das laut Jesse gewesen. Was das Thema angeht, sei er ein Stück weit vorgeschädigt: „Ich bin bei der Telekom im Bereich Sicherheit tätig gewesen. Gewisse Dinge waren mir nicht unbekannt“, sagt Jesse. 2015 hat er nach eigener Auskunft seine passive Altersteilzeit begonnen und danach als ehrenamtlicher Fahrer bei Pro Dem angefangen. „Ich wollte aber noch mehr machen.“ Das Technik-Tandem kam da wie gerufen.

Erika Schmidt war bereits im Besitz eines Tablets, als sie von dem Projekt in der Zeitung las. Sie hatte sich das Gerät angeschafft, um über die geschlossene Nutzergruppe Threema Kontakt zu ihrer Familie in München zu halten. Zusätzlich zu den täglichen Telefonaten, die sie mit ihrem Sohn führe. So könnten ihr auch die Enkel schreiben. Würde sie sich mal längere Zeit nicht melden, heiße es in der Gruppe gleich: „Wer weiß, wo Omi steckt?“

Auf einer Wellenlänge

Jesses Engagement trifft bei Erika Schmidt auf fruchtbaren Boden. Alles, was er der Seniorin erklärt, schreibt sie in ihrem Notizbuch nieder. „Wir sind auf einer Wellenlänge“, sagt er. 

Fünf Mal haben sich Schmidt und Jesse bereits getroffen. Das ist gar nicht so leicht, denn die Rentnerin hat ihre festen Termine. Dienstags ein Kurs für den Muskelaufbau, donnerstags die Hockergymnastik, beides beim TuS Varrel. Zwischendurch mal eine mehrtägige Bootsfahrt mit ihrer Schwester nach Straßburg, und den Einkauf erledigt Erika sie natürlich auch selbst.

Das Ziel des Projekts, die Lebensqualität der Senioren zu steigern, wird laut Erika Schmidt erreicht. „Das ist so. Gerade im Winter, wenn es früh dunkel wird, profitiere ich vom Tablet.“ Die Abende seien lang. „Und vor 23.30 Uhr gehe ich nicht ins Bett.“

Handy am Steuer tabu

Inzwischen kann sich die Seniorin auch vorstellen, einen Internetkurs zu besuchen, zum Beispiel über das Mehrgenerationenhaus. Oder ihr Nothandy gegen ein schickes Smartphone einzutauschen.

Alles kann, nichts muss, nur eins darf nicht: Niemals würde sie mit dem Handy in der Straßenbahn telefonieren: „Das“, sagt sie nach den Erfahrungen mit ihren Bremen-Fahrten, „ist total fürchterlich.“


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