Umgang mit Tod Bestattungsmesse in Stuhr: Wie man Abschied nimmt und erinnert

Florentine Kroug hat  ihre selbst genähten Kissen aus Kleidungsstücken Verstorbener vorgestellt. Florian FabozziFlorentine Kroug hat ihre selbst genähten Kissen aus Kleidungsstücken Verstorbener vorgestellt. Florian Fabozzi
Florian Fabozzi

Delmenhorst. Eine letzte Fahrt ans Meer? Kissen aus der Kleidung Verstorbener? Und Bäume, die aus der Asche der Toten genährt worden sind? Eine Messe in Stuhr hat nun ungewöhnliche Wege aufgezeigt, sich mit dem Sterben und dem Tod zu befassen.

Die Erfüllung des letzten Wunsches ist ein Privileg, das nicht allen vorbehalten ist. Der Verein „Ambulance Service Nord“ möchte das ändern. Seit 2015 bieten die etwa 30 Ehrenamtlichen „Sternenfahrten“ an, bei denen sie fortgeschrittene Palliativpatienten an Orte ihrer Wahl fahren, um ihnen ihren letzten großen Wunsch zu erfüllen. Bei der Bestattungsmesse „Und dann…?“ im Mehr-Generationen-Haus in Brinkum stellten Mitglieder des Vereins am Sonntag ihre Arbeit vor.

Letzte Fahrt ans Meer

„Das Interesse wird immer größer“, erzählte Teammitglied Marco Seidler. Dabei wollten die meisten an den Strand, um ein letztes Mal die Meeresbrise zu spüren. Zu diesem Zweck bietet der Verein inzwischen Wattmobile an, mit denen bewegungseingeschränkte Patienten dem Meer so nah wie möglich kommen können. Zu den Zielen gehören auch Fußballstadien und Freizeitparks. Doch auch profane Wünsche wie eine Familienzusammenführung sei unter den Sterbenden verbreitet. Dem Team stehen für die Fahrten fünf spezielle Krankentransportwagen zur Verfügung, mit denen sie Ziele im Umkreis von 150 Kilometern anfahren. „Längere Fahrten wären für die Patienten zu anstrengend“, erklärte Marco Seidler. Die Patienten werden in der Regel von nahen Verwandten und Rettungssanitätern begleitet. Obwohl der Verein allein durch Spenden finanziert wird, bietet er seine Dienste kostenlos an.

Es war ein persönlicher Schicksalsschlag, der Frank Wenzlow, zweiter Vorsitzender des Vereins, die Initialzündung zu diesem Projekt gab. Als seine Frau Lissy 2014 sterbenskrank war, wollte er mit ihr noch einmal ans Meer fahren. Von Hilfsorganisationen und der Krankenkasse gab es jedoch nur Absagen. Wenzlow widmete sich fortan dem Sternenfahrten-Projekt. Seine Frau wurde posthum zur „Schirmherrin“: „Alle Krankenwagen bekamen den Namen Lissy“, erzählte Wenzlow. 

Kissen aus der Kleidung Verstorbener

Mit der Zeit nach dem Tod beschäftigt sich Florentine Kroug. Aus Kleidungsstücken Verstorbener näht sie Trostkissen für die Angehörigen. „Diese Kissen sind wie eine Brücke zu den geliebten Verstorbenen.“ Durch sie könnten die Angehörigen die Nähe der Toten spüren. Auf der Rückseite der Kissen näht Kroug kleine Taschen ein, in denen Erinnerungsstücke verwahrt werden können. Für Kinder und Jugendliche näht sie aus den Hemden und Shirts auch Puppen, die an den Verstorbenen erinnern sollen. Diese könne man überall als Glücksbringer mitnehmen. „So kann ein verstorbenes Elternteil auf symbolische Weise etwa bei der Einschulung des Kindes dabei sein“, erläuterte Kroug.

Auch die Bestatter Florian und Marlene Krause, die die Informationsmesse organisierten, wollen die Erinnerung an Verstorbene erhalten. Sie bieten die Baumbestattung „Tree of Life“ an. Hier wird die Asche des Toten zu einer Baumschule überführt, wo sie über sechs Monate in einen zuvor ausgewählten Baum eingeimpft wird. Aufgrund des in Deutschland herrschenden Friedhofszwangs wird diese Prozedur in einem der Nachbarländer durchgeführt.

Der Baum wird anschließend zurück nach Deutschland gebracht und an einem gewünschten Ort, zum Beispiel im eigenen Garten, eingepflanzt. Er werde dann, so beschreibt es Marlene Krause, ein Gedenkort „zum Weinen, Ruhen und Träumen“.


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