Star im Fußball-Entwicklungsland Mustafa Azadzoys verrückter Aufstieg geht weiter

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Gerade auf Heimatbesuch – und demnächst Profi in der Thai League: Mustafa Azadzoy. Foto: Daniel NiebuhrGerade auf Heimatbesuch – und demnächst Profi in der Thai League: Mustafa Azadzoy. Foto: Daniel Niebuhr

Delmenhorst. Fußball-Profi Mustafa Azadzoy ist in der höchsten thailändischen Liga angekommen. Der Delmenhorster schafft mit seinem Verein Chainat Hornbill den Aufstieg und schließt sich dann dem Topclub Chiangrai United an. Der afghanische Nationalspieler lebt den Profi-Traum in einem Land, in dem der Fußball langsam erwacht.

Am Samstag wird Mustafa Azadzoy wohl mal wieder vor dem Bildschirm sitzen – und aus der Delmenhorster Heimat möglicherweise miterleben, wie sich knapp 9000 Kilometern Luftlinie entfernt sein nächster, großer Karriereschritt ergibt. Im thailändischen Nationalstadion spielt Bangkok United ab 19 Uhr Ortszeit im thailändischen FA-Cup-Finale gegen Chiangrai United – der Pokalchampion darf ab Mitte Januar in der asiatischen Champions League mitmischen. Sollte der Sieger Chiangrai heißen, darf man Azadzoy herzlich gratulieren, dass er vor einer Woche einen Zwei-Jahres-Vertrag bei dem Verein aus dem Norden des Landes unterschrieben hat. „Ich drücke die Daumen. Champions League zu spielen, hätte was“, sagt er.

Neuer Verein: Chiangrai United

Zumindest wäre es ein netter Bonus für den 25-Jährigen, dessen verrückter Aufstieg gerade seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Mitte Oktober ist Azadzoy mit dem Zweitligisten Chainat Hornbill Meister geworden und in die Thai League aufgestiegen, einen Monat später nahm er das Angebot aus Chiangrai an, einem Club mit deutlich höheren Ambitionen. „Das ist ein etablierter Verein, der um die Meisterschaft mitspielen will“, sagt Azadzoy. In der am Wochenende abgelaufenen Saison reichte es immerhin zu Rang vier unter den 18 Teams.

Für Azadzoy, der gerade auf Heimatbesuch ist, wird es die schon dritte Saison in dem Fußball-Entwicklungsland, in dem der Delmenhorster sein Glück gefunden hat. Bis 2016 kickte er in Deutschland in der Regional- und Oberliga und schien dem Profifußball vergleichsweise fern, bis er im Juni 2016 nach Thailand wechselte – und durch die Hintertür seinen Traum wahr machte. „Ich habe mein Leben auf Fußball ausgerichtet“, sagt er. „Man wird belohnt, wenn man nie aufgibt und immer auf dem Boden bleibt.“

Elf Tore, zwölf Vorlagen, sechsmal Man of the Match

Thailand mag im internationalen Fußball nur eine Nebenbühne sein, dort aber ist Azadzoy ein kleiner Star. Den Drittligisten Nara United schoss er 2016 zur Vizemeisterschaft, dieses Jahr gelang mit seinem neuen Verein Chainat Hornbill der Wiederaufstieg in die erste Liga. Azadzoy traf elfmal, bereitete weitere zwölf Tore vor und wurde sechsmal zum Man of the Match gewählt. „Ich habe mich ganz gut eingelebt“, glaubt er. In jedem Fall gut genug, um nach Ablauf seines Ein-Jahres-Vertrags in Chiangrai eine neue Heimat zu finden. „Dass sie mich geholt haben, ist schon eine Ehre“, findet er. „Bisher war ich einer der erfahrensten Spieler. Bei denen bin ich jetzt der No-Name.“

Tatsächlich wird in einem für thailändische Verhältnisse luxuriösen Kader um den ehemaligen brasilianischen Erstligaspieler und Toptorschützen Felipe Azevedo erstmals in seiner Karriere um seinen Stammplatz bangen müssen. In Thailand dürfen zwar nur fünf ausländische Spieler im Kader stehen, dennoch ist das Niveau in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. In dieser Saison schaffte es mit Meister Muangthong United nach vier Jahren mal wieder ein Thai-Club ins Achtelfinale der Champions League, die von arabischen, chinesischen, japanischen und koreanischen Vereinen dominiert wird. Der Zuschauerschnitt lag ligaweit zuletzt bei knapp unter 5000, zu Topspielen sind aber auch mal über 30.000 Fans im Stadion, dazu werden alle Partien im Fernsehen übertragen. „China und Japan sind beim Fußball weiter, da würde ich auch gern irgendwann spielen. Aber Thailand wacht auch langsam auf“, sagt Azadzoy.

Stamm in der Nationalmannschaft

In jedem Fall ist die Thai League Schaufenster genug für die afghanische Nationalmannschaft, in der er zur Stammbesetzung gehört. Vor einer Woche verpasste das Team die Qualifikation zur Asienmeisterschaft durch ein 0:0 in Vietnam – in Abwesenheit von Azadzoy, der da zur Vertragsunterschrift in Chiangrai war. Bis Ende des Jahres hält er sich in Chainat fit, ab Januar beginnt dann die Vorbereitung in Chiangrai – und der Kampf um die Startelfplätze. „Auf diesem Level haben alle Spieler Talent. Es wird auf Details ankommen“, meint er. Und auf Hitzeresistenz – denn selbst im Dezember liegt die Durchschnittstemperatur in der 70.000-Einwohner-Stadt bei 26,6 Grad und die Luftfeuchtigkeit bei fast 80 Prozent. „Das Training ist brutal“, sagt Azadzoy.

Ein wenig Abkühlung bei seiner Familie im spätherbstlichen Norddeutschland tut da auch mal ganz gut. Nebenbei konnte er sich über den Fußball in Delmenhorster informieren, für deren (aktuell ruhende) Stadtauswahl er 2016 noch gegen Werder Bremen spielte. „Das ist eine fußballverrückte Stadt. Ich freue mich, dass mit Atlas ein Verein jetzt höherklassig spielt“, sagt er. Velleicht ist der aktuelle Oberligist in einigen Jahren sogar mal eine Option. Nach seinem Karriereende plant er eine Fortsetzung seines in Bremen begonnenen Studiums der europäischen Wirtschaft und Verwaltung. Aber erstmal wolle er seinen Profi-Traum leben – vielleicht bald in der Champions League.


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