„Der SVA hat ein Problem“ Heiße Debatte um die Fanszene des SV Atlas Delmenhorst

Meine Nachrichten

Um das Thema Lokalsport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Stand im Zentrum der Diskussion: die Atlas-Fangruppe Block H, die den Delmenhorster Club auswärts und zuhause unterstützt. Foto: Rolf TobisStand im Zentrum der Diskussion: die Atlas-Fangruppe Block H, die den Delmenhorster Club auswärts und zuhause unterstützt. Foto: Rolf Tobis

Delmenhorst. Ein Diskussionsabend um Rechtsradikalismus im Fußball bringt eine emotionale Debatte um den Ruf der Fans des SV Atlas Delmenhorst. Die Anhänger müssen sich von den Referenten im AWO-Zentrum unbequeme Fragen stellen lassen, verteidigen sich und den Verein aber leidenschaftlich. Das Dilemma des Vereins ist allerdings da.

Alexander Gauland hat am Donnerstag das schöne Brinkum besucht, was nicht direkt etwas mit dem Delmenhorster Fußball zu tun hat. Der AfD-Politiker – beziehungsweise die Demonstration gegen seinen Auftritt – war allerdings dafür verantwortlich, dass in der Begegnungsstätte der Delmenhorster Arbeiterwohlfahrt zeitgleich etliche Plätze freiblieben. Ein Großteil des potenziellen Publikums zeigte lieber auf der Straße Flagge als beim Vortrag zum Rechtsextremismus im Fußball mitzudiskutieren; die Debatte, die sie verpassten, hatte es aber in sich – vor allem, wenn man es mit dem SV Atlas Delmenhorst hält.

„Kampf um die Kurve“ war der etwas pathetische Titel, den die Referenten Pavel Brunßen und Jan Krieger dem Abend gegeben hatten. Unter den 13 Zuhörern waren neben drei Gründungsmitgliedern der Atlas-Fangruppe Block H auch das ehemalige Vorstandsmitglied Bernd Idselis und mit Manuel Paschke der Delmenhorster Bundestagskandidat der Linken. Schon während Brunßen, unter anderem Chefredakteur des Fanmagazins Transparent, einen Überblick über die bundesweite Hooligan- und Ultraszene gab, begann eine Diskussion, die später noch deutlich intensiver wurde. Krieger, der für die in Oldenburg sitzende „Mobile Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie“ arbeitet, hatte einiges gegen die Delmenhorster Fanszene vorzubringen und begann direkt mit den Worten: „Ich will mit offenen Karten spielen. Wir haben schon Nachfragen zum SV Atlas bekommen.“

Schlechter Ruf aus den 90ern

Seit den 90ern eilt einem Teil des Delmenhorster Anhangs ein unschöner Ruf voraus. Rechtsextreme aus Bremen hätten sich damals regelmäßig bei Atlas-Spielen im Block H versammelt, erklärte Krieger – und zeigte eine im SS-Stil gemalte SVA-Fahne. Seine Aussage dazu: „Der SVA hatte und hat ein Problem.“

In der Tat stand der aktuelle Oberligist Atlas besonders in den ersten Jahren nach der Wiedergründung 2012 öfter unfreiwillig in den Schlagzeilen. Direkt im ersten Spiel gegen den VfB Oldenburg II kam es von angereisten Bremer Krawallmachern zu rechtsextremen Rufen und Handgreiflichkeiten gegen Oldenburger Ultras, später sorgten zwei Spiele gegen den Stadionnachbarn Rot-Weiß Hürriyet für Aufsehen. Hürriyet fühlte sich rassistisch beleidigt und zog 2013 wegen angeblicher Affenlaute und aus dem Block geworfener Bananen vor das Sportgericht und verlor zweimal. Krieger ließ sich zu der gewagten Aussage hinreißen, dass der Schiedsrichter wohl „Augen und Ohren geschlossen“ gehabt haben musste, was die Diskussion ins Rollen brachte. Timo Conrad sprach für Block H und verwies auf die eindeutigen Urteile des Sportgerichts: „Es sind keine Bananen geflogen, das ist jetzt mehrfach bestätigt worden. Das war einfach eine Lüge.“

„Block H ist laut, aber nicht rassistisch“

Krieger führte jedoch auch aktuelle Beispiele an, er zeigte Fotos von Fans in eindeutig rechtsextremer Kleidung im Atlas-Block und belegte mit Bildern und Facebook-Posts die Verbindung zu den Farge Ultras, einem vom Verfassungsschutz beobachteten, inzwischen aufgelösten Fanclub aus Bremen Nord, der zuletzt beim Landesliga-Spiel gegen Kickers Emden im Frühjahr erschien. „Mit solchen Bildern verliert man als Verein auch Kunden“, sagte er. In seiner Aufzählung fehlten die Krawalle nach dem Hinspiel in Emden, als sich Fans aus Essen, Bremen, aber auch aus Emden und Delmenhorst auf dem Parkplatz prügelten.

Conrad und Atlas-Anwalt Idselis verteidigten den Verein und ihre Fans allerdings leidenschaftlich. Wenn Hooligans von außen zu den Spielen kommen, sei das schwer zu verhindern. Die eigentliche Block-H-Gruppe sei „alles, aber nicht rassistisch“, sagte Conrad. „Wir sind laut und manchmal unfair zum Gegner – aber wir sind keine Rassisten.“ Tatsächlich ist auch der Verein bereits seit Jahren in der Prävention tätig, steht regelmäßig in Kontakt mit Polizei und Fans und hat selbst eine Stadionordnung formuliert. „Wir können Einzelfälle nicht ausschließen, aber es bleiben eben Einzelfälle. Eine rechte Grundtendenz schließe ich eindeutig aus“, meinte Idselis.

Hooligans anderer Vereine gegen Emden im Stadion

Die Frage nach dem Image einiger Atlas-Fans ist allerdings kompliziert – was allein die Tatsache belegt, dass sie Thema einer abendfüllenden Veranstaltung waren. Die beiden Emden-Spiele aus der Vorsaison zeigten das Dilemma: Der Delmenhorster Club zog jeweils fremde Fangruppierungen an, die im Hinspiel in Emden maßgeblich an den Ausschreitungen beteiligt waren. Im Rückspiel war deshalb ein für die Landesliga beispielloses Sicherheitsaufgebot im Stadion. „Ich muss oft die Frage beantworten, ob der schlechte Ruf von Atlas aus den 90ern auch heute noch berechtigt ist. Die Sinne der Leute sind da geschärft“, sagte Krieger. In der Tat sind Pöbeleien gegen gegnerische Mannschaft keine Seltenheit, Conrad machte aber wiederholt klar: „Rassistische Rufe sind nicht dabei, das wollen wir in Block H nicht. Wir sind eine unpolitische Gruppe.“

Unklar ist, ob es Atlas gelingt, den durchaus vorhandenen Schatten loszuwerden. Krieger machte das Angebot, dass die Atlas-Führung, die wegen einer Vorstandssitzung nicht vertreten war, jederzeit zur Beratung auf ihn zukommen könne. Dass der Verein präventiv tätig ist, nannte er „eine gute Sache“ und regte Banner gegen Rassismus im Stadion an. Klaus Pohl vom Deutschen Gewerkschaftsbund, der die Veranstaltung zusammen mit acht weiteren Institutionen organisiert hatte – darunter auch das Breite Bündnis gegen Rechts und die Föderation Demokratischer Arbeitervereine Delmenhorst –, verabschiedete die Runde mit den Worten in die Nacht: „Gut, dass es nicht so voll war. So konnten wir schön diskutieren.“ Alexander Gauland sei Dank.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN