Projekt gegen Diskriminierung René Künnemeyer vom TSV Ganderkesee engagiert sich für „FugDis“

Premiere für René Künnemeyer (hinten links): Eine Fahrt für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge zum Werder-Spiel gegen RB Leipzig war die erstes Aktion von „FugDis“, an der der Jugendtrainer des TSV Ganderkesee mitarbeitete. Foto: Lars Pingel.Premiere für René Künnemeyer (hinten links): Eine Fahrt für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge zum Werder-Spiel gegen RB Leipzig war die erstes Aktion von „FugDis“, an der der Jugendtrainer des TSV Ganderkesee mitarbeitete. Foto: Lars Pingel.

Ganderkesee. René Künnemeyer, Trainer der A-Jugend-Fußballer des TSV Ganderkesee, engagiert sich in dem Projekt „FugDis – Fußballfreund*innen gegen Diskriminierung“. Das wurde von Alex Westerkamp und Lars Zaiß, Studenten der FH Emden, gegründet. Die Fanbetreuung des SV Werder Bremen ist einer der Partner.

90 Minuten Bundesliga-Fußball im Bremer Weserstadion können so viel mehr sein als ein 3:0 des SV Werder über RB Leipzig. Das beweist eine E-Mail, die an das Projekt „FugDis – Fußballfreund*innen gegen Diskriminierung“ im Allgemeinen und an René Künnemeyer, David Knieper, Lars Zaiß und Alex Westerkamp im Besonderen gerichtet war. „Es ist auf jeden Fall eine gute Sache, den Jugendlichen, die viel durchmachen müssen, durch solche Aktionen ein Stück Normalität und Lebensfreude zurückzugeben“, schrieb Abdullah Karsi vom Leinerstift Ganderkesee. FugDis hatte für 20 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, die in Ganderkesee, Delmenhorst und Bookholzberg untergebracht sind, eine Fahrt zu dem Spiel organisiert. Die Planung und Umsetzung waren das erste sichtbare Zeichen der Mitarbeit des Oldenburgers René Künnemeyer, Jugendtrainer im TSV Ganderkesee, in dem Projekt.

FugDis soll ein Verein werden

Westerkamp und Zaiß arbeiten seit Herbst 2014 an dem und für das Projekt, das sie als „inoffiziell und privat“ bezeichnen. Doch das soll sich ändern. „Wir wollen mittelfristig einen gemeinnützigen Verein gründen.“ Deshalb suchen die FugDis-Gründer Mitstreiter. Einer ist seit Februar 2017 René Künnemeyer, Trainer der A-Junioren des TSV Ganderkesee. In seinem Verein engagiert er sich mit anderen auch dafür, Flüchtlingen die Möglichkeit zu geben, Fußball zu spielen. Schon länger unterstützt David Knieper die Initiatoren.. Schon etwas länger unterstützt David Knieper die Initiatoren. Er hatte, nachdem er FugDis an der Fachhochschule in Emden kennengelernt hatte, selbst den Kontakt zu den Gründern gesucht.

Idee entsteht während der 2014

Die Geschichte des Projekts beginnt in den Wochen zwischen dem 12. Juni und 13. Juli 2014. In Deutschland wurde wieder ein Fußball-Sommermärchen gefeiert, diesmal sogar mit dem WM-Titel für die Nationalmannschaft als Krönung. Jubel, Trubel, Heiterkeit überall. Alex Westerkamp ist ein großer Fußball-Fan. Mehr noch: Er ist ein leidenschaftlicher Fußballer. Wenn er an den Sommer 2014 denkt, kommen ihm keine Party, kein Public Viewing und keine Jubelszenen in den Sinn, sondern Fassungslosigkeit und sogar Traurigkeit.

Westerkamp, der an der FH Emden Sozialpädagogik studierte, absolvierte während der WM ein Praktikum bei dem Verein Ibis in Oldenburg. Die „Interkulturelle Arbeitsstelle für Forschung, Dokumentation, Bildung und Beratung“ nennt das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft als ein Ziel ihrer Arbeit. Sie bietet unter anderem Flüchtlingsberatung und Sprachkurse für Migranten an. „Ich habe damals viel mit Jesiden zusammengearbeitet“, erzählt Westerkamp im Frühling 2017 über das Praktikum 2014. Die waren aus ihrer Heimat im nördlichen Irak und der autonomen Region Kurdistan geflohen. Der sogenannte „Islamische Staat“ verfolgte die religiöse Minderheit, um sie zu vernichten. Geschichten von Menschen, die das überlebt hatten, hörte Westerkamp während um ihn herum ausgelassen gefeiert wurde. Sie ließen ihn nicht mehr los. „Ich konnte nicht verstehen, dass sich mehr Leute für Fußball interessieren als für einen Völkermord“, sagt er. Er wollte, musste etwas tun. In seinem Sport, für Toleranz und gegen Diskriminierung. „Es kann doch nicht sein, dass sich Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion hassen, sich deshalb sogar töten.“

Diese Gefühle wurden sein Antrieb, sich zu engagieren. Aus ihnen entstand die Idee, aus der inzwischen in Zusammenarbeit mit Lars Zaiß das Projekt FugDis geworden ist.

Trikotwerbung und Banner sollten den Toleranz-Gedanken auf die Fußballplätze tragen, überlegte Westerkamp damals zunächst. Er wandte sich an den europäischen Fußballverband Uefa, der unter dem Titel „Soziale Verantwortung“ eine Organisation aufgebaut hat, die sich mit diesen Themen beschäftigt. Konkret wurde daraus allerdings nichts.

Projektphase an der Fachhochschule Emden

Zurück an der FH Emden lernte er Lars Zaiß kennen. „Fußball-Fan, aber mehr passiv“, sagt der über sich. Westerkamp bezeichnet ihn als „Organisator“. Der war genau das, was ihm fehlte. „Ich habe zu Alex gesagt, lass uns das zu zweit in Angriff nehmen“, berichtet Zaiß von den ersten Gesprächen.

Die beiden wandten sich dann an Prof. Dr. Carsten Müller, der in Emden im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit unterrichtet und forscht. Mit dessen Frage „Wie wäre es, wenn ihr das selber macht?“ begann die Umsetzung in die Tat, also die Gründung von FugDis. In einer einjährigen Projektphase an der FH wurden die theoretischen Grundlagen erarbeitet, die Ziele formuliert. „Wir mussten uns viel Basiswissen aneignen“, erklärt Westerkamp. „Wir fühlen uns aber nach wie vor nicht als Experten“, ergänzt Zaiß.

Die Botschaft von FugDis beschreiben sie so: „Fußball und soziale Arbeit gehören zusammen und können gegenseitig voneinander profitieren. Diskriminierung in jeder Form hat nichts im und um den Fußball zu suchen. Die Fußball- und Fansozialarbeit ist in die Lehre der Sozialen Arbeit aufzunehmen.“ Mit FugDis wollen sie Aktionen und Veranstaltungen organisieren und verstetigen. FugDis soll außerdem zu einem Netzwerk werden. „Hierzu bauen wir Kontakt zu Institutionen und Personen auf, die im und um den Fußball, sei es professionell oder als Hobby, soziale Arbeit machen“, schreiben sie auf ihrer noch im Aufbau befindlichen Internetseite.

SV Werder wird erster Partner

Zaiß und Westerkamp schrieben die ersten Clubs an. „Wir wollten eigentlich im Amateurbereich beginnen, denn dort passiert so viel“, erzählt Westerkamp. „Die Resonanz war aber gleich Null.“ Also gab Zaiß ein neues Motto vor: „Wenn die Kleinen nicht beißen, gehen wir halt auf die Großen.“ Der am nächsten gelegene Große war der SV Werder. „Wir haben bei der Fan- und Mitgliederbetreuung angerufen“, erzählt Zaiß. Er und Westerkamp kamen so Ende 2015 in Kontakt mit Jermaine Green, Fanbetreuer des Bundesligisten. Das führte zu einem Ergebnis, „mit dem wir nicht gerechnet hatten“. Werders Fan- und Mitgliederbetreuung, das CSR-Management „Werder bewegt“, das FanProjekt Bremen und das Lernzentrum OstKurvenSaal vom Fanprojekt wurden zu festen Partnern. Das war der Türöffner: Weitere Fanprojekte zum Beispiel aus Düsseldorf, Mönchengladbach und Oldenburg kamen hinzu.

Zaiß und Westerkamp haben ihr Bachelor-Studium inzwischen erfolgreich abgeschlossen. Westerkamp arbeitet in Leer als pädagogische Lehrkraft für Menschen mit geistigen Handicaps, Zaiß ist Sozialarbeiter an der KGS Rastede. Sie sind in ihrem Anerkennungsjahr.

Treffen an der KGS Rastede

An der Schule im Ammerland lernte Zaiß den pädagogischen Mitarbeiter René Künnemeyer kennen, der auf dem Weg ist, sein Lehramtsstudium zu beenden. Der erzählte von seinem Trainerjob in Ganderkesee, Zaiß von FugDis. „Unsere Gedanken gehen in die gleiche Richtung“, sagt Künnemeyer. „Die Hürden liegen in der Praxis. Es ist wichtig, Flüchtlingen Sport näher zu bringen, sie aus den Einrichtungen zu holen und ihnen positive Erlebnisse zu verschaffen.“ Beim Fußballspielen, könnten Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Kultur und Hautfarbe zusammen Erfolg haben; beziehungsweise: Sie haben nur Erfolg, wenn sie zusammenspielen. Auch das seien wichtige Erlebnisse und Erkenntnisse.

Teilnehmer werden zu Werder-Fans

Aus dieser Einigkeit wurde für Künnemeyer dann die erste gemeinsame Aktion – die Fahrt nach Bremen. Die 20 Jungen waren anfangs zurückhaltend, später fast euphorisch. Für viele war es der erste Besuch in einem großen Stadion. Ganz anders als in ihren Heimatländern sei, dass viele Frauen unter den Fans waren, berichteten sie. Alkoholkonsum wäre dort absolut verboten.

Die Begeisterung und die Identifikation mit dem SV Werder wuchsen rasant. „Wir haben es geschafft, wir haben gewonnen“, jubelte Yzan nach dem Schlusspfiff. „Heimsieg“, feierte Romal das 3:0 kurz ab. „Ich hätte noch meinen Kumpel mitnehmen sollen“, sagte Sadiq. „Das hat sehr viel Spaß gemacht“, bilanzierten Qaisar, Mumtaz und Waqas.

FugDis hatte übrigens schon zum zweiten Mal eine Flüchtlingsfahrt nach Bremen organisiert. 2015/16 besuchten minderjährige Flüchtlinge aus Ostfriesland das Weserstadion.

Workshops und Seminare

Dass FugDis schon weit mehr ist als eine Theorie belegen unter anderem auch zwei Workshops mit Gastdozenten des SV Werder an der Fachhochschule Emden, ein 180-minütiges Seminar in der Fachabiturklasse Soziale Arbeit (11. Jahrgang) an der Berufsbildenden Schule in Rostrup und die Präsenz beim Inklusionsspieltag in Bremen im März. In Planung, berichtet Westerkamp, sei eine Video- und Textdokumentation „Barrierefreiheit im Stadion“ mit körperlich beeinträchtigten Menschen, wieder in Zusammenarbeit mit Werder.

Über den Fußball Vorurteile abbauen

Doch FugDis will mehr. „Wir wollen auf die Amateurplätze“, sagen die Gründer. Zum Beispiel, weil dort Integrationsarbeit geleistet wird (werden kann). Fußball hilft dabei, erklären Künnemeyer, Zaiß, Knieper und Westerkamp „auf beiden Seiten Vorurteile abzubauen“ – also zwischen Flüchtlingen und den Menschen, die schon in den Städten und Gemeinden leben, in die diese kommen. Und, genauso wichtig: Durch den Sport kommen Menschen ins Gespräch.

„Ich habe unheimlich Lust, bei FugDis mitzumachen“, sagt Künnemeyer noch. Der TSV-Trainer möchte auch Bindeglied zu kleineren Clubs werden: „Es wäre schön, wenn sich Vereine melden.“ Das würde Westerkamps Erinnerungen an den WM-Sommer 2014 natürlich nicht schöner machen, doch die Verbreitung der Ideen und neue Aktionen von FugDis, führen sicher dazu, dass er stolz auf das blicken kann, was aus Fassungslosigkeit geworden ist.


0 Kommentare