246 Kilometer von Athen nach Sparta Thomas Eberhardt absolviert legendären Spartathlon


Bookholzberg/Athen. Ultraläufer Thomas Eberhardt schafft es von Athen nach Sparta in weniger als 36 Stunden. Der Bookholzberger trotzt Trugbildern und mörderischen Steigungen, Hitze und den eigenen Zweifeln. „Iron Tom“ ist der König der Qualen.

In der Nacht kamen die Halluzinationen. Thomas Eberhardts Körper ist zwar einiges gewöhnt, die griechischen Berge hatten ihn irgendwann aber doch an die Grenzen des Menschlichen gebracht. 18 Stunden war der Bookholzberger beim legendären Spartathlon schon unterwegs, als er jemanden im Gebüsch stehen sah. „Da waren irgendwelche Gestalten, aber die habe ich mir nur eingebildet. Das war die Müdigkeit“, erzählt er. „Im Gehen wurde es nur schlimmer, also habe ich lieber wieder Tempo gemacht. Irgendwann hatte ich es dann überstanden.“ Es gibt offenbar nichts, vor dem Thomas Eberhardt nicht weglaufen kann.

Der 54-Jährige hat die wahrscheinlich härteste Prüfung seines Sportlerlebens hinter sich. Er zählt seit dem 10. Oktober zur Elite der Ultraläufer, die den legendären Spartathlon innerhalb des Zeitlimits zuende gebracht haben. 36 Stunden haben die Teilnehmer Zeit, um die 246 Kilometer von Athen nach Sparta zu laufen – genau die Strecke, die der griechische Bote Pheidippides der Legende nach 490 vor Christus während der Perserkriege zurückgelegt haben soll. Hätte er gewusst, dass sich Extremsportler aus aller Welt dieser Qual 2500 Jahre später freiwillig stellen – Pheidippides hätte wohl den Kopf geschüttelt.

Dritter Start beim Spartathlon nach zwei Fehlversuchen

Genau 35 Stunden und eine Minute brauchte Eberhardt, um die selbst bei Ultraläufern gefürchtete Prüfung zu bestehen. Es war bereits sein dritter Versuch: 2009 musste er vor der enormen Anstrengung nach 150 Kilometern kapitulieren, 2012 wurde er wegen Überschreiten der Zwischenzeitgrenze nach 159 Kilometern disqualifiziert. „Das nagt an einem. Ich musste dieses Mal ins Ziel kommen“, sagt er.

Doch der Weg dahin war weiter, als er selbst befürchtet hatte. Die gesamte Saison über hatte sich Eberhardt auf den Karrierehöhepunkt vorbereitet,(Fahrrad-)Marathons(Fahrrad-)Marathons und 24-Stunden-Läufe absolviert – die Tortur des Spartathlons allerdings war unplanbar. „Ich hatte die Nacht davor vor Aufregung kaum geschlafen. Als es um 7 Uhr losging, war ich schon wieder hundemüde“, berichtet er. Schon auf dem ersten Teil der Strecke wurde ihm außerdem klar, dass seine Verpflegungsstrategie nicht durchdacht war, oder nicht durchdacht genug. Er hatte zwar mehr als genug Energie-Gele dabei, die jedoch nur Übelkeit auslösten, sagt er: „Ich habe sie alle weggeschmissen.“ Und dann einfach nichts mehr gegessen.

3000 Höhenmeter mit mörderischen Steigungen zu laufen

Dennoch lief Eberhardt sich zunächst ein gutes Polster heraus, und auch die Rückenschmerzen, die ihn in der Vorbereitung geplagt hatten, „die waren schon nach 60 Kilometern rausgelaufen“ – doch als es in die Berge ging, wurde es zäh. 3000 Höhenmeter mussten bezwungen werden. Bei mörderischen Steigungen von mehr als zehn Prozent und Temperaturen von über 30 Grad war an Laufen nicht zu denken, „jedenfalls nicht für mich, ich konnte nur gehen“. Zur Abkühlung sammelte er die Flaschen vom Wegesrand ein und goss sie sich über den Kopf – wenn ihm nicht schon ein anderer zuvorgekommen war.

Der größte Gegner steckt für einen Ausdauersportler aber immer in ihm selbst. Eberhardts Kopf meldete sich immer lauter, je weiter er kam. Dutzende Male habe er aufgeben wollen, sagt er: „Aber soll ich ein drittes Mal nach Hause kommen, ohne es geschafft zu haben? Wenn man sich denkt, was für ein Blödsinn das ist, sich sowas anzutun, dann ist das der Anfang vom Ende.“ Stattdessen drehte Eberhardt den Gedanken um: „Wenn du jetzt durchhälst, dachte ich, dann musst du nie wieder hierherkommen.“

Autogrammjagd auf der Strecke

Zumindest am Tage bekam er überwältigende Unterstützung von den griechischen Zuschauern, die nicht nur klatschten und riefen, sondern auch um Autogramme baten. „Die Begeisterung ist groß. Für die Griechen ist das eine Riesen-Sache“, erklärt der Lauf-Veteran. Allerdings könne man ja auch nicht ewig Unterschriften geben, schließlich gab es ein Zeitlimit einzuhalten.

Das gelang Eberhardt dann schließlich um kurz nach 18 Uhr am zweiten Tag. Dass Sieger Andrzej Radzikowski da schon seit zwölf Stunden im Ziel war – theoretisch also schon die Hälfte seines Rückwegs geschafft hätte –, war nur eine Nebensache. Unter den 30 Deutschen, die am Start gestanden hatten – und den 20, die angekommen waren – wurde Eberhardt 14., der Beste war der Thüringer Peter Flock, der etwas mehr als 28 Stunden brauchte.

Keine Party nach großer Erschöpfung

Eine gemeinsame Party gab es nicht, die Erschöpfung schlug die Feierlaune nach 246 Kilometern dann doch um Längen. Schlaf gab es aber auch in den Tagen nach dem Rückflug wenig, sagt Eberhardt und bekennt etwas überraschend: „Die Erleichterung ist da, aber ich hatte mir das Gefühl noch besser vorgestellt. Vielleicht kommt der Stolz in den nächsten Monaten.“

Er kann sich vielleicht damit trösten, das es dem Boten Pheidippides, dem ersten Spartathlon-Finisher, 2500 Jahre vorher genauso ergangen ist – sein Lauf war sogar gänzlich umsonst. Er sollte in Sparta Hilfe für die von Persern bedrohten Athener holen. Die Spartaner zogen aber erst nach sechs Tagen los – doch da war die Schlacht bereits vorbei.


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