Patchwork in Perfektion SV Tur Abdin Delmenhorst trotzt der Personalnot

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Erlebten eine aufregende Saison: Can Blümel (2. links), der sich im Winter verletzte, Michael Sen und Paul Leis (rechts). Foto: Rolf TobisErlebten eine aufregende Saison: Can Blümel (2. links), der sich im Winter verletzte, Michael Sen und Paul Leis (rechts). Foto: Rolf Tobis

Delmenhorst. Vier Kreuzbandrisse, eine Offensive, die fast komplett ausfällt – und dennoch spielen die Delmenhorster die zweitbeste Fußball-Saison ihrer Geschichte.

Um zu erklären, was in dieser Saison passiert ist, wählt Stefan Keller eine Anekdote, die ihm vor einiger Zeit passiert ist. Der Manager des SV Tur Abdin wurde von einem Jungen angesprochen, der ihn als Vertreter des Delmenhorster Bezirksligisten identifizierte und ihm einige Dinge erzählte, die selbst den routinierten Keller gerührt haben. „Viele junge Spieler“, berichtet er, „antworten auf die Frage, wo sie irgendwann mal spielen wollen, nicht mit ,Atlas‘ oder irgendeinem anderen Verein. Viele sagen ,Tur Abdin‘. Und das macht mich stolz.“

Herausragende Saison

Es hat sich, so viel lässt sich aus dieser Geschichte ableiten, in der Stadt offenbar herumgesprochen, dass der Klub eine herrausragende Saison hingelegt hat. Die zweitbeste seiner 33-jährigen Geschichte sogar: Nur 2003, bei der Bezirksliga-Vizemeisterschaft, waren die Aramäer noch besser. Der dritte Rang, den sich Abdin auf der Zielgeraden der aktuellen Spielzeit geholt hat, ist allerdings mindestens ebenso hoch zu bewerten. Man könne dem ganzen Team nur ein großes Lob aussprechen, findet Trainer Andree Höttges, um in seiner unnachahmlichen Art festzustellen: „Für ganz oben fehlt aber ein Stück, das hat jeder gesehen.“

Der Zusammenhalt als großes Plus

Der Stolz in der Stimme des Übungsleiters ist jedoch nicht zu leugnen. Mit einer Mannschaft, die praktisch von der Vorbereitung an mit schweren Verletzungen zu kämpfen hatte und dem große Teile der etatmäßigen Offensive nicht zur Verfügung standen, hat Höttges 61 Punkte geholt und die hoch ambitionierten Klubs Heidmühler FC und TuS Obenstrohe hinter sich gelassen. Mit Can-Dennis Blümel und Aho Hanno fehlten zwei der drei besten Torschützen des Vorjahres monatelang mit Kreuzbandrissen, William Celik und Christian Kaya ereilte diesselbe Verletzung, dazu kamen ein Milzriss von Daniel Karli und ein Wadenbeinbruch von Manuel Celik – neben den üblichen kleineren Blessuren. Statt zu klagen, baute Höttges seine Elf – vermutlich still leidend – fast Woche für Woche um und betrieb Patchwork in Perfektion. Seine Not-Aufstellungen holten sogar mehr heraus, als man vorher von der 1A-Mannschaft erwartet hätte. „Wir mussten die Last umverteilen“, erklärt er. „Es ging für uns nur über den Zusammenhalt.“

Motivierende Reden auf der Saisonabschlussfeier

Den zelebrierte man auch bei der Abschlussfeier am vergangenen Samstag im Haus von Abdin-Urgestein Michael Sen. Zum Rahmenprogramm gehörten neben dem Pokalfinale Dortmund gegen Wolfsburg diverse motivierende Reden, mit denen der Teamgeist beschworen wurde. „Es war geil“, fand Keller.

Eingeschworene Truppe

Das Bild der eingeschworenen Elf hat sich in der Szene inzwischen verbreitet. Abdin wird wahrgenommen, wie Keller erzählt: „Früher hieß es ,Tur-Ab-was?‘. Was soll das sein? Heute schaut man auf uns.“ Was aber auch zum Nachteil werden könnte. Mit Can Blümel und Toptorschütze Simon-Josef Matta sind zwei wichtige Spieler ziemlich begehrt. Blümel hat nach dk-Informationen schon Kontakt zum Bremen-Liga-Vizemeister Brinkumer SV, auch für Matta liegen lose Anfragen vor. „Wir legen niemandem Steine in den Weg, wir beraten nur“, sagt Keller zu eventuellen Abgängen.

Gesamtprojekt entwickelt sich

Der Verein wirkt gefestigt genug, um selbst prominente Abwanderer kompensieren zu können. Das Gesamtprojekt entwickelt sich stetig weiter. Kapitän Daniel Karli hat inzwischen in nur einem halben Jahr eine C-Jugend auf die Beine gestellt, die schon in der kommenden Saison starten soll. Dass damit auch eine Voraussetzung für die Landesliga erfüllt ist, ist nur eine Randerscheinung, mehr (noch) nicht. „Wir werden nicht von der Meisterschaft reden. Mit Vereinen wie Atlas können wir uns finanziell nicht messen“, sagt Keller. „Wir haben andere Ziele. Die werden wir im Sommer neu formulieren.“


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