Fußball-Oberliga So lief das aufregende Jahr von Atlas Delmenhorst

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Harmonisches Duo: Der neue 2. Vorsitzende Bastian Fuhrken (links) und Klubchef Manfred Engelbart träumen mittelfristig von der Regionalliga – und kurzfristig vom Einzug in den DFB-Pokal. Foto: Rolf TobisHarmonisches Duo: Der neue 2. Vorsitzende Bastian Fuhrken (links) und Klubchef Manfred Engelbart träumen mittelfristig von der Regionalliga – und kurzfristig vom Einzug in den DFB-Pokal. Foto: Rolf Tobis

Delmenhorst. Fußball-Oberligist SV Atlas Delmenhorst erlebt mal wieder ein Jahr mit außergewöhnlichen Momenten. Die Kino-Dokumentation, der Kampf um den Klassenerhalt, der Umbruch im Sommer, der Traum vom DFB-Pokal und die Entlassung von Jürgen Hahn: Langweilig wurde es 2018 beim SVA nicht.

Wie das Jahr 2018 war? Bastian Fuhrken muss nicht lange überlegen. „Sehr, sehr aufregend“, sagt der 2. Vorsitzende des SV Atlas Delmenhorst. Und Klubchef Manfred Engelbart stimmt in diesen Tenor mit einem Schmunzeln ein: „Es wird nie langweilig bei uns. Aber das ist auch gut so. Stillstand bedeutet Rückstand – und den wollen wir nicht.“ Beim Fußball-Oberligisten ist immer etwas los. Sei es auf dem Platz oder hinter den Kulissen. Sei es unter den Fans – oder wie bei dem schon fast jährlichen personellen Paukenschlag in der Herbstzeit. Aber der Reihe nach.

Anfang des Jahres dreht sich beim SVA alles um die Dokumentation „Die Rückkehr des SV Atlas“, die eine Kölner Produktionsfirma um die gebürtige Delmenhorsterin Melina von Rönn, Tochter von Schatzmeister Thomas von Rönn, gedreht hat. Dreimal wird der Film im Delmenhorster Maxx-Filmpalast gezeigt, später läuft er in gekürzter Version im NDR. „Das war einmalig“, geht Fuhrken beim Rückblick auf die Doku das Herz auf. „Der Film hat gezeigt, was wir in den vergangenen Jahren alles geleistet haben.“

Architekt des sportlichen Erfolges ist seit Sommer 2013 Trainer Jürgen Hahn. Am 8. März dieses Jahres verkündet der SV Atlas vor dem Punktspielauftakt beim TuS Bersenbrück per Pressemitteilung die vorzeitige Verlängerung des bis 2019 laufenden Vertrages Hahns bis zum Sommer 2020. „Jürgen ist ein fester Bestandteil für die Zukunft. Nur so kann der Verein weiterhin erfolgreich sein“, erklärte der SVA. Es bleibt jedoch nur bei einer mündlichen Vereinbarung. Schriftlich fixiert wird die weitere Zusammenarbeit nie – wohl auch deshalb, weil sich schon das anbahnt, was zur Trennung von Hahn im November führen wird.

Im Abstiegskampf wird die Stimmung negativer

Ob der Trubel um die Dokumentation etwas den Fokus für die Oberliga-Rückrunde verdrängte? Vielleicht. Vielleicht lag es aber auch an der sehr durchwachsenen Vorbereitung auf den zweiten Saisonteil. Fakt ist: Der SV Atlas kommt im Frühjahr nicht in Tritt. Spielerisch liegt nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Taktgeber Musa Karli vieles im Argen. Und noch viel schlimmer: Der SV Atlas steckt nach einer Serie von sieben sieglosen Spielen plötzlich im Abstiegskampf. „Wir hatten viereinhalb Jahre Sonnenschein, jetzt ziehen zum ersten Mal auch dunkle Wolken auf“, sagt Trainer Hahn.

Die Stimmung kippt. Bei der Mannschaft, in der sich im Training Unzufriedenheit breitmacht. Und auch bei Teilen der Fans. Tiefpunkt ist das gruselige 0:2 gegen den Kellerkonkurrenten TuS Sulingen, als Atlas das schlechteste Spiel in der Ära von Trainer Jürgen Hahn zeigt. Hunderte Zuschauer verlassen vorzeitig das Stadion. Der Block H skandiert sarkastisch: „Oh, wie ist das schön.“ Andere Fans wiederum fordern die Mannschaft auf: „Wir wollen euch kämpfen seh’n.“ Coach Hahn ist über Ausmaß der Kritik überrascht und kritisiert die „Heckenschützen“ aus einigen Reihen der Fans für ihre „unkorrekten Kommentare“.

Im direkten Umfeld bleibt es jedoch ruhig. „Ich war sicher, dass wir den Klassenerhalt schaffen, wenn sich kein weiterer Leistungsträger verletzt“, sagt Fuhrken rückblickend. Der im Februar gewählte Präsident Manfred Engelbart, der wie Leistungsfußball-Chef Fuhrken offensiv das Thema Regionalliga angeht, besucht fortan jedes Training. Ein Bowling-Abend beschwört den Teamgeist.

Und tatsächlich: Der SV Atlas kämpft sich aus dem Abstiegssumpf. Schlüsselspiel ist der packende 3:2-Heimerfolg gegen den Tabellenführer SC Spelle-Venhaus. Atlas belegt die ganze Saison über keinen Abstiegsplatz. Und feiert am vorletzten Spieltag mit einem 5:0 über die SVG Göttingen den Klassenerhalt. Als einziger Aufsteiger. Atlas wird am Ende Neunter. Und kann seinem langjährigen Torjäger Dominik Entelmann am letzten Spieltag beim 2:2 gegen Arminia Hannover sogar noch einen emotionalen Abschied bescheren.

Gesprengtes Erfolgsduo: Trainer Jürgen Hahn (links) wurde beim SV Atlas nach viereinhalb Jahren überraschend entlassen, sein langjähriger Co und Kumpel Marco Büsing darf bleiben. Foto: Rolf Tobis

„Die Rückrunde war zäh. Sie hat viele Nerven gekostet“, räumt Boss Engelbart ein. Der einstellige Tabellenplatz sei indes „angesichts unseres Etats aller Ehren wert“ gewesen. Der Umbruch im Sommer ist dennoch unausweichlich. Neun Spieler verlassen den Kader. Acht Neue kommen. Darunter auch hochkarätige Neuzugänge wie die früheren U-Nationalspieler Karlis Plendiskis (SSV Jeddeloh) und Leon Lingerski (VfB Oldenburg) oder das Toptalent Tom Schmidt (BV Cloppenburg).

Die Vorfreude auf die neue Saison ist groß. Mit seinen Neuzugängen erhöhte Atlas die individuelle Qualität und die Quantität im Kader. Im Angriff ist der SVA zwar noch zu sehr von Mittelstürmer Marco Prießner abhängig. Doch die Abwehr ist dank der Neuzugänge nicht mehr so anfällig. Der Lohn: Atlas steht am Ende des Jahres auf Rang vier. Und ist im reformierten Niedersachsenpokal nur noch zwei Siege vom DFB-Pokal-Einzug entfernt.

Friede, Freude, Eierkurchen – könnte man meinen. Doch der SV Atlas wäre nicht der SV Atlas, wenn er nicht im Herbst seinen jährlichen personellen Paukenschlag verkündet. 2016 verließ Sportdirektor Jörg Rosenbohm den Verein, 2017 wurde Leistungsträger Dennis Janssen suspendiert – und 2018? Feuerten die Blau-Gelben ihren Erfolgscoach Jürgen Hahn. Drei Tage nach einem 2:0 über den BV Cloppenburg. Wegen „Abnutzungserscheinungen“, wie Klubchef Manfred Engelbart der Presse verkündet.

Rauswurf kommt für Hahn völlig überraschend

Während Hahn von seinem Aus vor dem Training wegen seiner nachweislich herausragenden sportlichen Erfolge völlig überrascht wird, hatten sich Engelbart und Fuhrken den Schritt lange überlegt. „Es war ein schleichender Prozess“, sagt Engelbart, ohne näher auf die Gründe einzugehen. Doch aus Mannschafskreisen war schon länger vernehmbar, dass es zwischenmenschlich mit Hahn nicht mehr passte. „Die Freistellung von Jürgen war schon sehr emotional für mich“, sagt Fuhrken.

Am 16. Dezember stellen Engelbart und Fuhrken den neuen Cheftrainer vor. Im zweiten Saisonteil wird der 49-jährige Olaf Blancke den Oberligisten betreuen. Er wechselte vom Ligarivalen BV Cloppenburg zum SV Atlas, wo er einen Vertrag mit einer eineinhalbjährigen Laufzeit unterschrieb.

Nicht nur sportlich muss der 33-Jährige Fuhrken vieles managen, sondern auch im Hintergrund. Vor allem, was infrastrukturelle Fragen betrifft. Den fehlenden Kunstrasenplatz in den Wintermonaten kompensiert Atlas seit bald drei Jahren in Kooperation mit dem Hockeyclub. Doch auch in diesem Sommer tat sich unerwartet eine neue Baustelle für die Stadionnutzer auf. Denn der Hauptplatz und ein Nebenplatz waren nach Schäden an der Grasnarbe, ausgelöst durch einen Unkrautvernichter, für einige Wochen gesperrt.

Die Lösung: Atlas wich für Trainingseinheiten und (Test-)Spiele auf die Anlagen des Delmenhorster TB und des Delmenhorster BV aus. Fuhrken spricht von einer „erfreulichen Zusammenarbeit“. Dass der neugründete SVA in der Stadt weniger kritisch gesehen wird als noch vor einiger Zeit, freut ihn. „Wir kämpfen gegen immer weniger Widerstände.“

Für Fuhrken, der sich im vergangenen Jahr als Unternehmer in die Selbstständigkeit wagte, war das Jahr 2018 „sehr Kräfte zehrend“. Er sagt mit einem Schmunzeln: „Ich habe mich noch nie so auf die Feiertage gefreut.“ Runterfahren und erholen, Kraft tanken und neu sammeln – Fuhrken weiß, dass er die freien Tage gut gebrauchen kann. Denn auch 2019 dürfte beim SV Atlas nicht langweilig werden. Das ist sicher.


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