Die Freizeitkicker aus der Kreisliga B So kultig ist Werders unterste Mannschaft

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Bremen. Sie spielen in der Kreisliga B und haben einen schwerhörigen Bundestrainer auf der Bank: Die Hobbyfußballer aus der fünften Herren sind Werder Bremens unterste Mannschaft – und ein kickendes Unikat. . Der Verein hält als einer von nur zwei Erstligisten an seinen Freizeitkickern fest – und steht dazu.

Werder Bremen hat ein Torwartproblem – oder ein halbes, wie man’s nimmt. Der Mann, der diesen Job normalerweise macht, hat heute nämlich Schicht, da ist nix zu machen. Carsten Kupski ist hauptberuflich Lokführer, und die Deutsche Bahn hat schon genug Ärger mit unpünktlichen Zügen – mehr als eine Halbzeit ist für Kupski nicht drin, bevor die Pflicht ruft. Dass er Werder-Spieler ist, reicht einem Arbeitgeber als Ausrede heutzutage offensichtlich nicht mehr. Jedenfalls nicht, wenn man in der fünften Herrenmannschaft kickt.

Es ist der letzte Spieltag vor der Winterpause, Werder V tritt beim ruhmreichen TV Bremen-Walle 1875 II an, Vorletzter gegen Elfter der Kreisliga B, wer hier zuschaut, muss keinen Topzuschlag befürchten. Genau zehn Rumpelfußball-Romantiker haben den Kunstrasenplatz zwischen Industriegebiet und Schrebergartensiedlung im Bremer Westen gefunden, sie alle sind verwandt oder befreundet mit den Spielern – und in dicke Jacken gehüllt. Drei Grad sind es an diesem Sonntagvormittag, es nieselt, es stürmt – Trainer Simon Antonio Bernardo kennt sich mit deutscher Fußball-Lyrik aus und nennt es romantisch „Fritz-Walter-Wetter“. Glücklicherweise hat Werder nur einen Auswechselspieler, auf der überdachten Ersatzbank ist noch ausreichend Platz für sämtliche Zuschauer.

Nur noch zwei Erstligisten mit Breitenfußball

Wenn Werder Bremens unterste Mannschaft kickt, ist eigentlich alles genauso wie auf tausenden anderen Kreisliga-Plätzen der Republik – inklusive des Spielniveaus, wie die 90 Minuten zeigen werden –, und dennoch ist diese Elf auf ihre Art ein Unikat in Deutschland und irgendwie ein liebenswerter Anachronismus im modernen Fußball. Ihr Club ist einer von nur zwei wackeren Erstligisten, die noch Breitenfußball im Programm haben – Hertha BSC ist der zweite, allerdings aktuell nur mit vier Teams. Alle anderen haben ihre Hobbykicker schon vor Jahren vor die Tür gesetzt – wenn sie denn je welche hatten –, um das Geld lieber in die Profis zu stecken. Drei Vereine haben sogar ihre U23 eingestellt: Kostet nur und bringt keinen Mehrwert, argumentierte man in Leverkusen, Frankfurt und Leipzig.

„Wir sind nicht nur Bundesliga-Fußball“

Werder ist auf der einen Seite ebenfalls längst ein kapitalorientiertes Unternehmen geworden, hat auf der anderen Seite aber immer noch seinen Stammverein, der vielen Amateursportlern ein Zuhause bietet. 37 Mannschaften vertreten den Club in der aktuellen Saison in sämtlichen Altersklassen von der vierten G-Jugend bis zur Ü50. „Der Breitenfußball nimmt bei uns seit jeher einen hohen Stellenwert ein“, verkündet der erwiesen volksnahe Vorsitzende Dr. Hubertus Hess-Grunewald: „Wir sind nicht nur Bundesliga-Fußball, sondern eine wichtige sportliche Anlaufstelle für die Bewohner in der Pauliner Marsch.“ Der aktuelle Profitrainer Florian Kohfeldt wäre ohne den Breitenfußball zum Beispiel wohl nie bei Werder gelandet. Er kam einst von Jahn Delmenhorst – und war Ersatztorwart in der dritten Mannschaft.

Coach ist auch Bundestrainer – der Gehörlosen

Sein Kollege aus der Fünften hat es zwar noch nicht zum Gehaltsmillionär gebracht, er ist aber eine der erstaunlichsten Geschichten in Werders riesiger Vereinsfamilie. Simon Antonio Bernardo ist 31 und schwerhörig, er trägt in beiden Ohren Hörgeräte. Der Mann mit dem hohen Haaransatz und der Gelassenheit eines tibetischen Mönchs ist der einzige Bundestrainer in der Kreisliga B: Er reist nebenbei mit dem Junioren-Nationalteam der Gehörlosen durch die Welt, 2015 war er bei der Futsal-WM in Thailand, 2016 bei der EM auf dem Feld in Polen. „Die Kommunikation mit gehörlosen Spielern ist einfacher“, findet er. „Man verständigt sich mit Gebärden über große Distanzen. Ich habe keine Lust, permanent über den ganzen Platz zu brüllen.“

Bernardo hat früher selbst bis zur Verbandsliga gespielt; als man ihn da zum Libero machen wollte, zeigte er seinem Trainer den Vogel. Man sei doch nicht mehr in den Achtzigern. Also wurde er selbst Trainer und landete durch Zufall bei Werder – als er aus Baden-Württemberg in den Norden zog, vermittelte ihm der Bremer Verband die Mannschaft. „Für mich ist das eine ganz normale Truppe“, sagt er. „Ich laufe jetzt nicht durch die Gegend und prahle, dass ich bei Werder bin.“ Für einen Fan des VfB Stuttgart hat das W auf dem Trikot scheinbar keine übersinnliche Bedeutung.

„Viele wollen nur den Trainingsanzug“

Einigen Spielern geht es ganz anders. Als Bernardo im Februar kam, musste er erst einmal ausmisten. Zehn Spieler verließen den Verein im Sommer. „Viele wollen den Trainingsanzug mit dem Logo haben, die lassen sich dann nie mehr sehen“, berichtet der Coach. Zweimal in der Woche wird auf dem Nebenplatz am Osterdeich trainiert, wo die Profis so nah und doch so fern sind. „Wir laufen denen eigentlich nie über den Weg“, sagt Bernardo, der mit Co-Trainer Kai Andrzejewski einen 27-Mann-Kader betreut, in dem sieben verschiedene Nationalitäten spielen. „Fußball ist die Weltsprache“, sagt er und schwärmt: „Da sind viele gute Jungs dabei.“

„Wir würden alle Erste spielen“

Mohamed Mansour zum Beispiel, der Werders bester Torschütze ist und im wahren Leben Autos verkauft. Mansour hat sich vor einem Monat das Kreuzband angerissen und steht in Walle doch auf dem Platz. Eigentlich wollte Bernardo ihn gar nicht spielen lassen: „Der Junge ist Familienvater. Aber er sagt immer: Es geht schon, es geht schon. Beim Fußball kann man ihn nicht bremsen.“ Oder der hünenhafte Kim-Benjamin Kramer, der an diesem Tag zum ersten Mal Torwart sein muss, weil sich in der Halbzeit, als Stammkeeper Kupski zur Schicht muss, kein anderer findet. Oder Sascha Zimmer, der erwähnte einzige Auswechselspieler, der Getränkelieferant ist und in der ersten Halbzeit an der Seitenlinie friert – nach seiner Einwechslung wärmt er sich mit diversen überambitionierten Offensivsprints in den leeren Raum auf. Warum er bei Werder spielt? „Ich wohn halt da.“ Sein Teamkollege Moritz Witzstrock behauptet: „Wir würden eigentlich alle in der Ersten spielen, aber wir wollen unsere Jobs nicht aufgeben.“

Aushilfstorwart im Pech

Wer das Spiel sieht, bekommt daran vorsichtige Zweifel. Werder ist um Spielkultur bemüht und geht durch zwei Tore des Kapitäns mit dem spektakulären Namen Claudio Patricio Fuentealba Reveco mit 2:0 in Führung; nach dem Torwartwechsel wird zwar das Wetter besser, das Spiel aber nicht. Aushilfstorwart Kramer paddelt sich eine Flanke selbst rein und kassiert später noch einen (allerdings unhaltbaren) Freistoß.

Seine Vorderleute spielen auf Sieg, doch es fällt kein Tor mehr, auch weil die Waller Mansour mit allen Körperteilen bearbeiten: Er wird getreten, geschubst, gehalten und getriezt, bis es zum Schluss zur Rudelbildung kommt – worauf der Schiedsrichter vorsichtshalber ohne Nachspielzeit abpfeift, bevor es noch Ärger gibt. Bernardo, der die auch für Kreisliga-Standards eher durchschnittliche Darbietung größtenteils schweigend verfolgt hat, hat für diesen ungemütlichen Vormittag nur ein Achselzucken übrig. „Ein Punkt ist besser als nichts“, findet er. „Hoffentlich muss unser Torwart nächstes Mal nicht arbeiten.“ Dass die Deutsche Bahn kurzfristig Kreisliga-B-Spiele bei der Fahrplanung berücksichtigt, gilt aber leider als unwahrscheinlich.


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