Verein startet Fan-Umfrage Ist der SV Atlas Delmenhorst noch Kult genug?

Im Delmenhorster Stadion werden die leeren Plätze mehr – der SV Atlas ist aber immer noch mit Abstand der Fan-Krösus der Fußball-Oberliga. Foto: Rolf TobisIm Delmenhorster Stadion werden die leeren Plätze mehr – der SV Atlas ist aber immer noch mit Abstand der Fan-Krösus der Fußball-Oberliga. Foto: Rolf Tobis

Delmenhorst. Weil der Zuschauerschnitt des Fußball-Oberligisten SV Atlas Delmenhorst stagniert, hat der Verein eine Umfrage gestartet. Der Heimtermin am Samstag und die Bundesliga kosten den Club nachweislich Besucher. Allerdings klagt Atlas als noch immer größter Fan-Magnet der Oberliga auf sehr hohem Niveau.

Es war eigentlich alles angerichtet an diesem 15. September. Als der SV Atlas in der Fußball-Oberliga gegen den MTV Wolfenbüttel spielte, schien die Spätsommersonne über dem Delmenhorster Stadion, Werder Bremen hatte auch frei – man erwartete allgemein mal wieder eine Besucherzahl im vierstelligen Bereich. Am Ende ergab die offizielle Zählung 681 anwesende Fans, was am sechsten Spieltag immer noch mit Abstand der Liga-Bestwert war – aber die Club-Verantwortlichen dennoch aufschreckte.

Seitdem läuft bei Atlas eine Debatte, über die viele Vereine den Kopf schütteln würden. Der Fan-Magnet der Oberliga ist sich selbst nicht mehr Fan-Magnet genug und hat seinen Anhang sogar zu einer Umfrage gebeten. Die Zahlen seien „im Vergleich zu anderen Amateurvereinen zwar immer noch sehr gut, aber eben nicht für den SVA“. Der Trend zeige trotz der starken Saison „nochmals weiter nach unten“, bekennt der Verein auf seiner Internetseite. Dort können die Fans in einer Umfrage erklären, was sie vom Stadionbesuch abhalten würde. Die vorgeschlagenen Gründe sind die Klassiker, über die seit Jahren diskutiert wird. Sollen die Heimspiele lieber sonntags statt samstags stattfinden? Ist die Bundesliga im Fernsehen attraktiver? Sind die Preise zu hoch? Oder hat Atlas seinen familiären Charme oder gar seinen Kult verloren?

Zuschauerschnitt von 817 seit 2015/16

Bisher sind nur Zwischenergebnisse bekannt, die aber in einige eindeutige Richtung zeigen: Der Heimspieltermin am Samstag gefällt vielen nicht – sei es wegen beruflicher Verpflichtungen oder wegen der zeitgleichen Bundesliga. „Wir wissen natürlich, dass der Sonntag günstiger wäre“, sagt Marketingvorstand Bastian Ernst. „Wir haben aber nicht immer die Wahl. Hinter einem Spiel steht ein großes Helfer-Team, das sich samstags besser zusammenholen lässt.“

Unabhängig von der Umfrage leidet Atlas zweifellos auf hohem Niveau. Seit der Saison 2015/16 kamen im Schnitt zu den 48 Bezirks-, Landes- und Oberliga-Heimspielen 817 Fans in die Arena an der Düsternortstraße – eine im Amateurfußball spektakuläre Zahl. 810 waren es in den bisherigen drei Partien der laufenden Oberliga-Saison, was mit gewaltigem Vorsprung Platz eins bedeutet, selbst in der Regionalliga wäre man damit Sechster.

Bei Werder-Spielen 262 Zuschauer weniger

Einige Faktoren aus der Umfrage lassen sich aber statistisch doch nachweisen. Seit dem Aufstieg in die Bezirksliga spielt Atlas durch den Samstags-Termin regelmäßig am gleichen Tag wie der übergroße Nachbar Werder, der auch in Delmenhorst die Fans ins Weserstadion oder vor den Fernseher zieht. Die 17 zeitgleichen Spiele seit 2015/16 verfolgten durchschnittlich 646 Schaulustige und damit satte 262 weniger als die Partien ohne Werder-Spiel als Konkurrenz. „Die Bundesliga zieht den Amateuren generell die Fans ab, das wird durch die vielen Anstoßzeiten auch mehr“, sagt Bert Drewes vom Atlas-Fan-Club Blau-Gelb reloaded.

Drewes gehört zu den Atlas-Anhängern alter Schule, er war schon in den Achtzigern und Neunzigern Dauergast bei den Delmenhorster Auftritten. Für ihn spielt die Entscheidung, die Heimspartien größtenteils am Samstag auszutragen, eine wesentliche Rolle. „Ich arbeite selbst im Einzelhandel. Ich kann den Laden am Samstag ja nicht wegen Atlas zuschließen“, sagt er. „Ich kenne einige, die wegen der Arbeit samstags nicht immer Zeit haben.“

Mehr Publikum an Sonn- und Feiertagen

Tatsächlich kommen an Sonn- und Feiertagen mehr Fans als an Samstagen, seit dem Bezirksliga-Aufstieg nämlich durchschnittlich 1120. 2018 ist bisher das Spiel gegen den SSV Vorsfelde mit etwas über 1000 Zuschauern das bestbesuchte – auch weil es am Ostermontag stattfand. Allerdings spielen auch der KSV Hicretspor, RW Hürriyet, der SV Tur Abdin und die Frauen des TV Jahn auf der Anlage – sie alle wollen zu ihrem Recht kommen. „Am einfachsten wäre es, wenn wir freitags spielen würden. Die Stimmung wäre immer großartig, und die anderen Tage wären für die Stadionnachbarn frei“, sagt Ernst – wohl wissend, dass es dafür eine Flutlichtanlage auf dem Hauptplatz bräuchte.

Andere mögliche Kritikpunkte – wie der Eintrittspreis von 8,50 Euro für einen Sitzplatz – spielten für die Fans der Umfrage zufolge bisher keine Rolle. Dafür aber sehr wohl die Gegner in der Oberliga – denn in der Landes- und Bezirksliga gab es mehr Derbys. Wie lange man noch abstimmen kann, steht noch nicht fest, weil die kommenden Tage noch wertvolle Erkenntnisse liefern. Am Samstag (an dem Werder beim VfB Stuttgart aufläuft) steigt das Spitzenspiel der zweitplatzierten Delmenhorster gegen Tabellenführer HSC Hannover, vier Tage später das Niedersachsenpokal-Viertelfinale gegen den FC Hagen/Uthlede – am fanmäßig vielversprechenden Tag der deutschen Einheit. „Das sind zwei Knallerspiele. Wer da nicht kommt, den kriegen wir auch nicht mehr“, glaubt Ernst.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN