Traum vom eigenen Team Fynn-Morris Giebert – der Handballer im Rollstuhl

Von Daniel Niebuhr, 11.09.2018, 17:00 Uhr
Ein Leben für den Handball: Ben-Louis, Fynn-Morris und Andreas Giebert. Foto: Daniel Niebuhr

Heide. Fynn-Morris Giebert spielt Handball – als Rollstuhlfahrer zwischen laufenden Mitspielern. Der Zehnjährige aus Heide warf in der E-Jugend Tore von der Mittellinie. Weil er nun zu alt ist, will sein Vater den Rollstuhlhandball in den Nordwesten bringen. Es ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Handball-Familie, die niemals aufgibt.

Plötzlich ist da dieser Handball, und um Fynn-Morris Gieberts Selbstbeherrschung ist es geschehen. Eigentlich war der Ball nur als Dekoration für das Pressefoto gedacht, doch nun flitzt der Zehnjährige über den Parkplatz am Rand der Delmenhorster Innenstadt und demonstriert, was er damit so alles anstellen kann. Er dreht ihn auf der Hand, er führt seine Trickwürfe vor, und er zeigt, was sein Vater meint, wenn er vom „Wumms“ seines Sohnes spricht: Wenn Fynn-Morris Giebert einen Ball gegen die Mauer feuert, möchte man lieber nicht die Mauer sein.

Dieser Junge, das sieht man selbst oder gerade in diesen Momenten, ist so sehr Vollbluthandballer, wie man es als Zehnjähriger sein kann – und dennoch ist ihm eine Sache noch nie passiert, die für seinen Sport eigentlich so typisch ist: In seinen fast drei Jahren als Handballer hat er einige Zweikämpfe hinter sich, doch auf das Parkett gefallen ist er noch kein einziges Mal. Allen, die behaupten, das würde daran liegen, dass er im Rollstuhl sitzt, entgegnet Vater und Trainer Andreas Giebert salopp: „Es kommt nicht darauf an, ob man fährt, sondern wie man fährt.“ Und sein Sohn weiß ohne Zweifel, wie es geht.

In der E-Jugend zusammen mit Bruder Ben-Louis

Man sagt wohl nicht zu viel, wenn man behauptet, dass Fynn-Morris aus Heide vielleicht der ungewöhnlichste Handballer ist, den man in deutschen Hallen je gesehen hat. Seit 2015 spielt er für den VfL Bad Zwischenahn – an der Seite seines 16 Monate jüngeren Bruders Ben-Louis und als einziger Rollstuhlfahrer zwischen laufenden Mitspielern. Er war ein Teil der E-Jugend, die sein Vater trainierte, und in der Regionsliga immer ein Publikumsliebling, jedenfalls bis zum Sommer. Denn inzwischen ist er für die E-Jugend zu alt geworden, eine D-Jugend gibt es in seinem Club nicht – und selbst wenn, wäre es für ihn nicht mehr lange so weiter gegangen. „Es war immer Goodwill der anderen Mannschaften, dass er mitspielen durfte“, sagt Andreas Giebert. Was sich in der E-Jugend noch unbürokratisch lösen ließ, wäre in der D-Jugend aber ungleich schwerer, meint er: „Irgendwann geht es nicht mehr, auch aus Rücksicht vor den anderen Vereinen.“

Mit „offenem Rücken“ geboren

Es wäre jedoch eine bittere Ironie, wenn die Karriere eines Zehnjährigen nur wegen seines Alters enden würde – denn er hat in seinem Leben schon jetzt ganz andere Hindernisse überstanden. Fynn-Morris lebt mit einer Behinderung, die ihm angeboren ist: Er kam mit dem Wirbelsäulendefekt Spina bifida zur Welt. Die Fehlbildung, die als „offener Rücken“ bekannt ist, tritt in Mitteleuropa durchschnittlich bei einem von 1000 Kindern auf – dass es ihres trifft, erfuhren die Gieberts am Tag vor der Geburt. „Es war ein Schock“, bekennt Andreas Giebert. Seitdem kämpft sein Sohn in zeitintensiven Therapien um seine Beweglichkeit. Mittlerweile kann er laufen, ein paar Schritte, aber der Rollstuhl wird sein Begleiter bleiben.

Der Sport war es bis jetzt ebenfalls, was bei diesen Genen auch keine Überraschung ist. Vater Andreas, der seine Söhne inzwischen allein erzieht und seit April in Heide wohnt, ist Handballer alter Schule; in den 80-ern und 90-ern, als noch jedes Dorf seine eigene Mannschaft hatte, hat er alle Hallen im Raum Oldenburg gesehen – nicht nur seine trockenen Siebenmeter waren damals gefürchtet. Er ist Schiedsrichter seit dem Teenager-Alter und hat inzwischen über 1000 Spiele gepfiffen, später wurde er Trainer und Funktionär. „Handball ist mein Leben“, sagt der 42-Jährige. Seine Kinder hatten also keine Wahl.

Schalke 04 als zweite Leidenschaft

Sein älterer Sohn hat nicht nur seinen Enthusiasmus geerbt, sondern auch sein Talent. Fynn-Morris ist aufmerksamer Verteidiger, Ballverteiler und Torschütze – gelegentlich auch von der Mittellinie. „Ich weiß, wo ich hinwerfen muss“, sagt er. In seiner Altersklasse am besten unter die Latte.

Dass er mitspielte, hat nie jemanden gestört, auch wenn die Gesetze der Sportart in seinem Fall an natürliche Grenzen stoßen – wann einem rollstuhlfahrenden Handballer ein Schrittfehler abgepfiffen werden sollte, steht im 93 Seiten langen Regelwerk des Deutschen Handball-Bundes nirgendwo. „Ist mir auch noch nie passiert“, sagt Fynn-Morris. „Ich spiele sowieso lieber schnell ab.“

Wenn er Tore warf, gab es immer Szenenapplaus, scherzhaftes Kopfschütteln erntete er höchstens wegen des königsblauen Speichenschutzes mit dem übergroßen Schalke-Emblem – noch so eine Leidenschaft, die Andreas Giebert seinen Söhnen vermacht hat. „Wir mussten den Schutz schon einige Male austauschen, weil irgendwelche Jungs es witzig fanden, dagegen zu treten“, sagt Vater Giebert.

Mannschaft aus dem Spielbetrieb verschwunden

Seine Mannschaft mischte in der vergangenen Saison vorne mit und gewann vier ihrer zwölf Turniere. Weil aus Altersgründen nun weder für eine E- noch für eine D-Jugend genügend Spieler da sind, verschwand die einzige männliche Bad Zwischenahner Nachwuchsmannschaft aus dem Spielbetrieb. Ein Gnadengesuch auf eine weitere E-Jugend-Saison außerhalb der Wertung wurde vom Handball-Verband Niedersachsen abgelehnt. Also trainieren die Zwischenahner jetzt immer freitags nur für sich.

Die Gieberts, die handball-verrückten Schalke-Fans, kämpfen allerdings zusammen gegen Fynn-Morris’ Karriereende und planen dafür etwas im Nordwesten Einmaliges: die Gründung eines Rollstuhlhandball-Teams. „Diese Idee gefällt mir mit jedem Tag besser“, sagt Andreas Giebert. Sein Traum wäre eine gemischte Mannschaft aus behinderten und nicht-behinderten Sportlern, die alle im Rollstuhl spielen: „So machen wir Inklusion mal andersherum.“

Was im weltweit verbreiteten Rollstuhlbasketball kaum ein Problem wäre, erfordert im Handball allerdings geradezu missionarischen Aufwand. Es gibt zwar einen Weltverband, in Deutschland mit der RSG Hannover aber nur ein Team und nicht einmal ein Regelwerk. Für erste Gespräche mit Vereinen tourten die Gieberts schon durch Delmenhorst und den Landkreis Oldenburg und stießen überall auf offene Ohren. Der lokale Branchenriese TSG Hatten-Sandkrug hat ebenso Interesse wie die TS Hoykenkamp und die HSG Grüppenbühren/Bookholzberg, bei der er schon Jugendleiter ist. Er macht auch in den Medien mobil, sucht Unterstützer bei Facebook und hatte schon den Oldenburger Fernsehsender O1 beim Training – unter der Mailadresse projekt.rollstuhl.handball@web.de sammelt er Anfragen. Und seine Zuversicht ist ansteckend. „Das wird funktionieren“, sagt er. „Ich glaube, dass viele Eltern behinderter Kinder sich auch in den Rollstuhl setzen würden. Wir müssen nur am Ball bleiben.“ Daran hat es in seiner Familie ja noch nie gelegen.

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