Sommerskispringer und Bezirksliga-Kicker Stefan Keil, der fliegende Fußballer des VfL Stenum

Meine Nachrichten

Um das Thema Lokalsport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Berne/Stenum. Stefan Keil sprang tausende Male von Schanzen in ganz Europa, startete auch einmal bei der DM, ehe ein schwerer Sturz seinen Traum vom Profi beendete. Nach einer jahrelangen Pause als Skispringer leckte der Berner aber wieder Blut – und spielt seit dieser Saison mit dem VfL Stenum erstmals Bezirksliga-Fußball.

Am letzten August-Wochenende ist Stefan Keil mal wieder „unten“. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Gepäck setzt sich der Berner dann ins Auto und fährt gemütlich die Autobahnen 1 und 45 in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen Richtung Süden. Das Ziel: das westliche Sauerland. Genauer gesagt: Meinerzhagen. Im Märkischen Kreis.

Für den Neuzugang des VfL Stenum steht dort aber weder ein Fußball-Freundschaftsspiel noch ein privater oder beruflicher Termin an. Vielmehr freut sich Keil vom 24. bis 26. August beim dortigen Ski-Club auf das Highlight seines diesjährigen Sportsommers – nämlich die Deutschen Meisterschaften der Masters im Skispringen.

Ein Fußballer aus Berne ist hobbymäßig Sommerskispringer? Es klingt zunächst in der Tat überraschend. Ist es dann aber doch nicht. Denn Stefan Keil stammt gebürtig aus Wernigerode im Harz. Und dort gibt es eben auch den Ski-Klub Wernigerode. Keil probiert in den Schul-AGs viel aus, spielte Fußball und Basketball. Doch dann fanden seine Eltern, er solle doch mal „etwas Vernünftiges“ machen. „Also haben die mich zum Skispringen geschickt“, sagt Keil und lacht. Und der jetzt 29-Jährige sollte diese Entscheidung bis heute nicht bereuen. Keil erlebte als Skispringer Höhen und Tiefen, Erfolge und Rückschläge. Doch der Reihe nach.

Sichere Landung: Stefan Keil 2017 in Willingen. Foto: Keil

Nach seinen ersten Trainingsstunden als Achtjähriger war Keil von dieser Wintersportart „sofort begeistert“. Und lernte fast täglich das ABC des Skispringens. Den Absprung, das Fliegen, die Landung – „und natürlich auch, wie man richtig hinfällt“, erzählt Keil. Die Fortschritte bei den ersten Einheiten waren gleich zu sehen, er war motiviert und gut austrainiert – und beim Fliegen, wenn anfangs auch nur über wenige Meter, floss natürlich das Adrenalin durch seinen Körper. „Dieses unglaubliche Gefühl, zu fliegen, das kann man gar nicht beschreiben“, schwärmt Keil.

Der Wenigeroder hatte Talent. Das stand außer Frage. Er wurde Harzmeister, Regionalmeister, Landesmeister. Er sprang in den Landeskader und war das Ausgehängeschild des Ski-Klubs Wenigerode. Sein Kinderzimmer stand voll mit Pokalen, Plaketten und Medaillen. Der Ordner mit den Artikeln der regionalen Zeitungen war voll.

Irgendwann war die Zeit jedoch reif, „den nächsten Schritt zu machen“, sagt Keil. Denn „wenn man das Ziel hat, Profi-Skispringer zu werden und damit sein Geld zu verdienen, dann muss man eben auf eine der Sportschulen nach Sachsen oder Bayern wechseln.“ Keil hatte das Ziel.

Mitglied im deutschen C-Kader

2001 sollte der damals 13-Jährige auf die Eliteschule des Wintersports nach Oberwiesenthal wechseln. Doch dann stürzte Keil schwer. Die Folge: Statt der Eliteschmiede in Oberwiesenthal besuchte er künftig das Sportinternat in Schierke, einem Ortsteil von Wernigerode.

Dort standen neben der Schule täglich mehrere Trainingseinheiten auf dem Programm. Es ging natürlich nicht nur ums Springen selbst, sondern auch darum, die Motorik und die Koordination zu verbessern. Stefan Keil stand im deutschen C-Kader, startete mit 16 Jahren bei der DM in Hinterzarten, sprang tausende Male von vielen bekannten Schanzen in Europa und lief natürlich auch immer mal wieder den Stars der Szene über den Weg.

Doch an die starken Leistungen vor seinem Sturz kam Stefan Keil nicht mehr heran. „Es war ein deutlicher Bruch zu erkennen“, wie er einräumt.

Der Fußballer Keil ist pfeilschnell und kopfballstark

Keil hatte keine Kraft mehr, mit der an der Sportschule Schierke erforderlichen Fokussierung seinen Sport auszuüben, zog einen Schlussstrich – und kehrte 2004 zurück zu seinen Eltern. „Zurück zu meinen Wurzeln“, wie er es ausdrückt. Die Titelsammlung wuchs zwar weiter, doch der Traum vom Profi war geplatzt. Und mit 16, 17 Jahren beendete Keil schließlich nach einer Knieverletzung seine Laufbahn als Winterskispringer. „Das war ein positiver Verzicht“, blickt er ohne Reue zurück.

Denn der Wenigeroder konzentrierte sich nun auf seine berufliche Laufbahn, machte das Abitur und fand 2007 einen Ausbildungsplatz in Berne. Jetzt arbeitet er als technischer Einkäufer in einer Reederei. Und das Skispringen? „Das schlief erst einmal ein.“ Satte acht Jahre lang.

Dafür fand er nun ein neues Hobby: nämlich den Fußball. Keil, der vorher noch nie im Verein gekickt hatte, schloss sich der Spielvereinigung Berne an. Und da er sowieso immer schon ein Faible für Ballsportarten hatte, fand sich der Quereinsteiger relativ schnell zurecht. Auch, weil ihm gewisse Automatismen vom Skispringen auch beim Fußball helfen. Da zum Beispiel die Explosivität beim Absprung von der Skischanze enorm wichtig ist, ist der mit 1,80 Metern nur mittelgroße Keil dank seiner Sprungkraft auch sehr stark im Kopfballspiel.

Bei der Nord-Westdeutschen-Mattenschanzentournee vorne dabei

Keil kickte in der ersten Mannschaft unter Uwe Neese, dann kurz bei Werder IV in der Bremenliga und die letzten Jahre unter „Magic“ Müller, wo er richtig aufblühte – und als pfeilschneller Rechtsaußen in den Testspielen gegen Stenum seinen jetzigen Trainer Thomas Baake nachhaltig beeindruckte.

Doch bevor Stefan Keil an den Kirchweg wechselte, leckte er nach seiner langen Skisprung-Pause wieder Blut. Sein Ski-Klub Wernigerode hatte auf seiner Anlage die Sprungmatten erneuert, mit seinem Heimattrainer hielt Keil immer Kontakt. Und so stieg der Berner im Mai 2017 wieder ein – indes ausschließlich als Sommerskispringer. Dort startet er in diesem Sommer bei der 36. Nord-Westdeutschen-Mattenschanzentournee in Niedersachsen, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Sachsen-Anhalt.

Zwölf Events stehen für Keil in diesem Jahr auf dem Programm. Es geht gegen die teilweise zehn Jahre jüngere Konkurrenz auf bekannten Schanzen wie Winterberg, Willingen oder Braunlage. „Ich freue mich jedes Wochenende darauf, wenn es losgeht.“ Bei den bisherigen vier Starts war Keil jeweils Dritter. Das allerletzte Risiko geht der 74 Kilogramm schwere Familienvater beim Flug mit seinen 2,64 Meter langen Skiern indes nicht mehr ein.

Trainer Baake schwärmt vom Neuzugang

Für seinen Fußball-Trainer Thomas Baake und seine neuen Mannschaftskollegen ist das Hobby von Stefan Keil und die deswegen schon fest verplanten Abwesenheiten bei einigen wenigen Punktspielen kein Problem. „Stefan ist ein überragender Mensch. Und verflucht schnell“, schwärmt Baake von seinem neuen Flügelstürmer als zusätzliche Option im bewährten 4-2-3-1-System.

Keil selbst sieht sich trotz des Sprungs vom Kreisliga-Absteiger Berne zu einem gestandenen Bezirksligisten nicht nur als Ergänzungsspieler. „Ich möchte Stammspieler werden“, betont er „Ich bin zwar kein Zauberfuß. Aber ich hänge mich immer voll rein. Ich gebe immer mindestens 110 Prozent.“ Nicht nur beim Fußball, sondern auch beim Sommerskispringen. Und erst Recht bei der Master-DM Ende August in Meinerzhagen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN