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15.07.2018, 19:36 Uhr KOLUMNE

Warum Didier Deschamps Frankreich zum WM-Titel führte

Von Tino Polster

Ein pragmatischer Stratege: Didier Deschamps führte Frankreich als Trainer zur Fußball-Weltmeisterschaft. Foto: dpa/SecoEin pragmatischer Stratege: Didier Deschamps führte Frankreich als Trainer zur Fußball-Weltmeisterschaft. Foto: dpa/Seco

Der Sportjournalist und gebürtige Delmenhorster Tino Polster analysiert exklusiv für das „Delmenhorster Kreisblatt“ die Fußball-Weltmeisterschaft – und erklärt, warum Frankreich Fußball-Weltmeister wurde und was ihm sonst noch von der WM hängenblieb. Der langjährige Medienchef Medienchef des Bremer Fußball-Bundesligisten arbeitet u. a. für das Sportportal DAZN.

Liebe dk-Leser,

die französische Guillotine köpft heroische Kroaten. Der „General“, wie sie Didier Deschamps nennen, steht jetzt in einer Linie mit Brasiliens Mario Zagallo und Franz Beckenbauer, die einzigen, die den Goldpokal als Spieler und als Trainer gestemmt haben.

Deschamps war als Fußballer mehr Kämpfer als Künstler, ein pragmatischer Stratege: „Ich habe den Fußball nie des Spielens wegen gespielt, sondern immer des Gewinnens wegen.“ Seine Franzosen wurden genau so Weltmeister! Aber auch, weil sie beides können, ein nüchternes 1:0 wie ein begeisterndes 4:3 gegen Argentinien oder ein 4:2 gegen die Kroaten. Was bleibt sonst noch von dieser WM?

Ein buntes Bild ohne Gewaltexzesse. Dann ist da Panama in meinem Kopf. Diese unbändige Freude über ihr erstes WM-Tor trotz einer 1:6 Niederlage gegen England: Ja, Fußball kann immer noch „unschuldig“ sein. Und gerechter. Der Videobeweis brachte Strafstöße wie nie und zähmte die Spieler.

Aber es gab auch zu viele Partien, die der Erwähnung gar nicht wert waren. Verteidigen können auf dem Niveau mittlerweile alle. So gut, dass die Deutschen und die Spanier ihren Ballbesitzfußball auf dem Taktikfriedhof zur Ruhe betten sollten. Die Weltordnung des Fußballs scheint ein wenig aus den Fugen.

Zum ersten Mal seit 1930 sind weder Brasilien noch Deutschland unter die letzten Vier gekommen, die allesamt aus Europa stammten. Und das, obwohl so große Fußballnationen wie Italien und die Niederlande sich noch nicht einmal für die Titelkämpfe qualifizieren konnten.

Afrika und Asien spielen auch weiterhin keine Rolle, Südamerika enttäuscht. Vielleicht auch deshalb, weil die Schiedsrichter sich durchweg großzügig zeigten bei der Leitung der Spiele. Das hat mir gut gefallen. Wie oft haben wir den „sterbenden Schwan“ gleich wieder hochflattern sehen, wenn klar wurde, der Pfiff blieb erfreulicherweise aus.

Immer schlimmer dagegen die Inszenierung bei Auswechslungen: Küsschen schön und gut, aber Umarmungen für jeden Mitspieler, Referee inklusive – einfach nur nervig, wie die Auftritte unserer Mannschaft. Man hätte es ahnen können.

Seit dem deutschen Champions-League-Finale 2013 in Wembley ging es bereits mit dem deutschen Klubfußball stetig bergab. Die größten Fehler werden immer im Erfolg gemacht, dem Nährboden für Selbstzufriedenheit und –überschätzung. Es fehlte an Mut und Power und einem Plan. Ich bin gespannt, was Joachim Löw, ein Mann mit zweifellos großen Verdiensten, sich nun einfallen lässt.


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