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12.07.2018, 20:01 Uhr KOLUMNE

Frankreich ist reif für den WM-Titel

Von Tino Polster

Ist für den dk-Kolumnisten Tino Polster der Spieler der WM: der Franzose Kylian Mbappé. Foto: dpa/David VincentIst für den dk-Kolumnisten Tino Polster der Spieler der WM: der Franzose Kylian Mbappé. Foto: dpa/David Vincent

Der Sportjournalist und gebürtige Delmenhorster Tino Polster analysiert exklusiv für das „Delmenhorster Kreisblatt“ die Fußball-Weltmeisterschaft. Der langjährige Medienchef Medienchef des Bremer Fußball-Bundesligisten arbeitet u. a. für das Sportportal DAZN sowie die TV-Sender sportdigital und SPORT1 sowie die DFL.

Liebe Leser,

Ronaldo, Messi und Neymar sind reif für die Insel – Mbappé für‘s Finale. Der 19-jährige Franzose dürfte zum Maß aller Dinge werden und die drei schillernsten Figuren des Weltfußballs schon bald vom Sockel kippen. Was viele Teams im gesamten Turnier nicht schafften, Kylian Mbappé gelang es gleich mehrfach: Uns mit seinen Aktionen ungläubiges Staunen und pure Freude in’s Gesicht zu zaubern! Intergalaktische Klasse am Ball und im Antritt, wenn da nicht diese neymar’schen Anfälle wären. Aber: Rotzfrech kommt weiter, im Fußball oft genug.

Diese Weisheit sollte auch den Verantwortlichen des DFB zu denken geben. Typen, an denen man sich reiben konnte, wurden dem Team vorenthalten – Sandro Wagner beispielsweise und Leroy Sané. Beide nicht stromlinienförmig genug für den auf glatt gebügelten Kader.

Finaleinzug der Kroaten ist eine Sensation

Nun streiten sich also Frankreich und Kroatien um den wertvollsten Pokal der Welt. Das hat Belgien nicht verdient. De Bruyne und Co. sind Opfer der Auslosung geworden, das Halbfinale zwischen England und Kroatien war für mich nur ein Spiel um Platz drei. Kroatien im Finale, eine der größten Sensationen der WM-Historie. In etwa so, als wenn Werder noch mal Deutscher Meister würde. Ein so kleines Land: 4,2 Millionen Einwohner, nur die Teams von Panama, Uruguay und Island repräsentierten bei diesen Titelkämpfen einen Staat mit noch weniger Menschen. Das Geheimnis der Kroaten, sie wollen es wirklich mehr als alle anderen. Beispiel Luca Modric: Ein sehr feiner Fußballer, aber gleichzeitig auch ein Kämpfer wie ich bei vergleichbaren Kickern mit dem DFB-Emblem keinen gesehen habe. Aber ihr Bester heißt Ivan Perisic. Ex-Wolfsburger und Dortmunder – wenn Wille Berge versetzt! Die Engländer hatten am Ende nichts mehr entgegenzusetzen, auch weil sie Harry Kane quasi durchschleppen mussten. Der bisher beste Torschütze der WM wirkt völlig leer. Ganz im Gegensatz zu Mbappé, der vielleicht schon bald Ronaldos Nachfolger bei Real wird. Bei ihm und dem gesamten französischen Team hat man den Eindruck, sie könnten eigentlich immer noch mehr. Und: Die Männer von Didier Deschamps, Weltmeister von 1998, haben nicht nur einen Tag mehr Erholungspause, sie mussten bisher auch deutlich weniger in die Waagschale werfen als der Finalgegner. Kroatien geschlaucht durch die kraftraubende Spielweise, mehr noch durch dreimaliges Nachsitzen. Eine vierte Verlängerung in Folge wird es für sie kaum geben. Frankreich ist nach 20 Jahren wieder reif für den Titel.