SV Tur Abdin Der ewige Yüksel

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Delmenhorst. Er eckt mit seiner Meinung an. Doch wenn Personalnot herrscht, ist auf Yüksel Aslan Verlass. Als Torhüter oder als Stürmer. Der Altmeister kickt mit Unterbrechungen seit 1989 für den SV Tur Abdin – und hat dabei alle Höhen und Tiefen, Spieler und Trainer des Sportvereins erlebt. Ein Porträt.

Erst fiel Jens Dekarski aus, am morgen vor dem Auswärtsspiel beim TuS Obenstrohe meldete sich dann auch noch Ehsan Ehsani Tabar ab. Der ohnehin schon eng gestrickte Kader des SV Tur Abdin hatte am Ostermontag zusätzlich noch die Ausfälle der beiden Torhüter zu beklagen. Coach Christian Kaya grübelte die ganze Nacht, wie er für die Partie in der Fußball-Bezirksliga aufstellen sollte. Die Frage, wer im Kasten steht, bereitete ihm da trotz zweier Absagen noch das geringste Problem.

Denn Tur Abdin hat ja Yüksel Aslan. Zwar schon 45 Jahre alt und nur 1,70 Meter groß. Aber noch immer mit erstaunlichen Reflexen gesegnet. Also stellte sich Aslan trotz einer Schulterverletzung mit Schmerztabletten zwischen die Pfosten. Er hielt nicht nur das, was zu halten war. Sondern Aslan sicherte mit sensationellen Paraden auch den 2:1-Erfolg. Coach Kaya adelte den Routinier später in höchsten Tönen. „Bundesliga-Niveau.“

Vom Fliegenfänger zum Helden

Für Yüksel Aslan selbst war der Erfolg im Friesland auch eine späte Genugtuung. Bei der 3:4-Niederlage im November 2013 verschuldete der Schlussmann nämlich alle vier Gegentore. „Ich war das Gespött der Zuschauer. Die haben mich ausgelacht“, erinnert sich der Aramäer. Doch der schlechtesten Leistung seiner Laufbahn folgte fünf Jahre später eine der besten. „Das war meine süße Rache“, sagt Yüksel Aslan und lacht. „Die Zuschauer waren völlig perplex, dass so ein kleiner Mann wie ich solche Bälle halten kann.“

Diese Geschichte mit dem TuS Obenstrohe ist eine der vielen kleinen Anekdoten in der Laufbahn des Yüksel Aslan. Die bei den Delmenhorstern sicherlich auch in Jahren noch gerne und mit einem Schmunzeln erzählt werden dürfte. Erst Fliegenfänger, dann der Held – auch im Amateurfußball gibt es natürlich solche Storys. Doch der Rückblick auf diese Partie von Anfang April zeigt vielmehr dies: Wenn Yüksel Aslan bei den Aramäern gebraucht wird, ist auf ihn Verlass – und das bald drei Jahrzehnte lang.

Jetzt sind die Söhne früherer Mitspieler seine Teamkollegen

Aslan ist nicht der bekannteste Spieler der Aramäer, er war nie der beste. Aber dafür hat er wohl die ungewöhnlichste Vita beim Sportverein. Denn seit seinem Vereinsbeitritt 1989 bewegt sich der aus dem türkischen Midyat in der Provinz Mardin nahe der syrischen Grenze stammende Aslan im Dunstkreis der ersten Mannschaft. Mal gehörte er fest zum Team, mal nur dem erweiterten Kader an. Dann kickte er in unteren Mannschaften des SVT, dann war er auch für kurze Zeit bei einem anderen Verein. Aber nie richtig weg.

Wer seit drei Jahrzehnten für die Aramäer spielt, hat alles erlebt. Die Höhen und Tiefen. Die Auf- und Abstiege. Spieler und Trainer kamen und gingen. Doch Aslan blieb. Und hat als einziger mit allen Größen des Vereins zusammengespielt. Mit den Uyars, den Yousefs, den Kilics, den Celiks. Und im aktuellen Abdin-Aufgebot stehen nun mit Johannes Artan oder Manuel Celik die Söhne von Aslans früheren Mitspielern.

Nur schwer zu überwinden: Tur-Abdin-Torwart Yüksel Aslan parierte im Sommer-Testspiel gegen den SV Atlas in einem bärenstarken Spiel auch diese Chance von Steven Müller-Rautenberg. Foto: Rolf Tobis

Die schönste Zeit und erfolgreichste Zeit hatte Yüksel Aslan Mitte und Ende der 1990er in der goldenen Generation unter Trainer Claus-Dieter Meier, die nur die Landesliga-Aufstiegsrelegation nicht spielen durfte, weil dem SVT der Unterbau fehlte. Und in dieser Zeit auf Bezirksliga-Ebene hatte Aslan in seiner sportlich besten Phase auch zwei Positionen gleichzeitig inne. Nämlich des Ersatztorwarts und des Ersatzstürmers.

Aslan hatte im Tor nicht die überragende Qualität eines Arne Tscherwitschke, der damals ein Angebot aus der zweiten englischen Liga abgelehnt hatte. Er hatte auch nicht die Vollstreckerqualitäten der Angreifer Daniel Yousef und Robil Uyar. Aber: Er hielt im Tor das, was zu halten war. Und als Stürmer war Aslan dank seiner Schnelligkeit und Schusskraft durchaus ein gefährlicher Joker. Gleichzeitig in einer Bezirksliga-Mannschaft Keeper und Angreifer zu sein – das dürfte in der Region wohl einmalig sein.

Fehlende Größe mit enormer Sprungkraft kompensiert

„Ich war schon immer Torwart und Stürmer“, sagt Aslan. Angefangen bei seinen beiden Jugendvereinen DBV und Heidkrug, später dann auch im Seniorenbereich. Dass es für ihn als Torwart nicht zu mehr als einem ordentlichen Bezirksliga-Torwart gereicht hat, dem trauert Aslan schon hinterher. „Ich hätte es bis zur dritten Liga schaffen können“, glaubt er. „Leider bin ich zu klein.“ Seine fehlende Größe kompensiert(e) der frühere Bodybuilder durch seine enorme Sprungkraft.

Aslans Torhüter-Qualitäten zeigen sich vor allem in der Halle in den 5x2 Meter großen Toren. Bei drei von sechs Siegen bei der Stadtmeisterschaft stand Aslan im Tur-Abdin-Tor. Bei den aktuellen Hallen-Turnieren gehört der Oldie noch immer zu den Besten seiner Zunft. Auf Futsal hingegen, sagt Aslan klipp und klar, habe er „einfach keinen Bock“. Seine Meinung, wie die über die neue Hallenfußball-Variante, hat der Bayern-München-Fan nie zurückgehalten. Aslan sagt, was er denkt, er eckt an – bei Bedarf auch gegenüber dem Vorstand oder dem Trainer. „Wenn ich das Gefühl habe, dass ein Trainer weniger Ahnung von Fußball hat, als ich, dann sage ich ihm das auch.“ Deswegen verließ Aslan auch mal den SVT.

Der SV Tur Abdin – mehr als nur ein Sportverein

Er stürmte ein Jahr in der Bezirksklasse beim VfL Stenum unter Manni Klatte („menschlich gesehen der beste Trainer“), er spielte ein Jahr bei RW Hürriyet unter Hakan Cengiz in der Kreisliga und ein Jahr beim SV Baris in den unteren Mannschaften. Dazu kam im Spätsommer 2016 ein kurzes Intermezzo beim TSV Ippener. Weil sich der damalige neue Tur-Abdin-Torwart Torben Riechers verletzt hatte, hatte Tur Abdin plötzlich keinen Keeper. Es genügte ein Anruf von Betreuer Süleyman Celik – und Aslan war zurück in Düsternort. Bei seinem Stammverein.

„Tur Abdin lässt man nicht im Stich. Das ist wie deine eigene Familie. Das ist mein Leben. Mein Verein“, schwärmt Yüksel. „Bei uns geht es nicht um Geld, sondern darum, gemeinsam mit deinen Freunden Spaß zu haben.“ Der Torhüter-Stürmer weiß deshalb auch, was er trotz zwischenzeitlicher Differenzen am Klub hatte und hat. Als Aslan mit Anfang 20 private Probleme hatte, halfen ihm der Verein und vor allem der damalige Tur-Abdin-Vorsitzende Wahib Yousef wieder auf die Beine.

Auf dem Weg zum Aramäer-Turnier in die Gefängniszelle

Wer für Tur Abdin spielt, für den zählen aber nicht nur die Titel auf dem Feld und in der Halle. Fast schon prestigeträchtiger sind für die Delmenhorster die Aramäer-Turniere. Auch für Aslan Yüksel, der bei diesen zwei besondere Anekdoten erlebte. Die erste war nicht sportlich, sondern privater Natur. Zu der Fahrt zu einem Turnier in Holland hatte Aslan seinen Pass nicht dabei. Bei der Grenzkontrolle wurde der Delmenhorster aus dem Bus zitiert und musste einige Stunden in einer Gefängniszelle verbringen – bis Wahib Yousef dessen Spielerpass an die Grenzkontrolleure faxte und Aslan weiterreisen konnte.

Bis heute sauer ist Aslan auf den damaligen Tur-Abdin-Trainer, der ihn beim eigenen Aramäer-Turnier im Stadion nicht für den Kader nominiert hatte, dafür aber Aushilfsspieler wie Sven Apostel. Völlig angefressen schaute sich Aslan das Turnier an. Und spielte plötzlich, aufgrund von Torhüter-Problemen bei den Gegnern, erst für die Aramäer Gütersloh und dann in den entscheiden Begegnungen für die Aramäer Braunschweig.

„... die wollten mir an die Gurgel“

Und dort avancierte Aslan zum Turnier-Matchwinner für die Braunschweiger. Im Finale gegen – richtig – Tur Abdin. Im Endspiel fischte er in der regulären Spielzeit alles aus dem Tor, im Elfmeterschießen parierte er drei Strafstöße und traf selbst noch. „Meine Mitspieler waren damals erst fassungslos, und dann ziemlich sauer. Die wollten mir an die Gurgel“, erinnert sich Aslan schmunzelnd.

Diese Geschichte zeigt indes auch, dass der Delmenhorster immer ehrgeizig war – und ist. Mit seiner Rolle als dritter Keeper in der Kaya-Elf und seit Anfang des Jahres auch als Torwart-Trainer für Jens Dekarski und Ehsan Eshani Tabar hat sich der Altmeister natürlich arrangiert. Seine aktive Laufbahn beenden möchte Aslan trotzdem noch lange nicht. „Ich bin fit.“ Mindestens drei Jahre möchte er noch dem Bezirksliga-Kader angehören – und im Notfall aushelfen. Als Torwart. Oder als Stürmer. Und gerne wieder gegen den TuS Obenstrohe.


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