Lüttich-Bastogne-Lüttich Quartett des RV Urania beim ältesten Rennen der Welt

Von Daniel Niebuhr

Axel Kalkowski, Michael Pauer, Christian Evers und Axel Mehrtens von Urania erreichten bei Lüttich-Bastogne-Lüttich das Ziel. Foto: Urania/EversAxel Kalkowski, Michael Pauer, Christian Evers und Axel Mehrtens von Urania erreichten bei Lüttich-Bastogne-Lüttich das Ziel. Foto: Urania/Evers

Delmenhorst. Vier Sportler des RV Urania überstehen das älteste Radrennen der Welt. Die Delmenhorster bringen 4400 Höhenmeter bei Lüttich-Bastogne-Lüttich hinter sich – an der Seite von Ex-Tour-Stars.

Im Ziel war natürlich wieder alle Qual vergessen. Da saßen die vier Mentalitätsmonster vom RV Urania bei Pizza und Rotwein, genossen die laue belgische Frühlingsluft und tauschten schon die ersten Geschichten ihrer gerade vollbrachten Heldentat aus – nach über zehn Stunden des Leidens war es ihnen auch gegönnt.

Christian Evers, Michael Pauer, Axel Kalkowski und Axel Mehrtens hatten immerhin das älteste Radrennen der Welt hinter sich gebracht. Den Frühjahrsklassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich gibt es seit 1892, seit 2014 dürfen am Tag vor dem Profirennen auch Hobbyradsportler die brutale Strecke in Angriff nehmen. 274 Kilometer (24 mehr als im Profirennen) durch hügeliges Gelände mit 4400 Höhenmetern und elf großen Anstiegen mit schauderhaften Steigungen von bis zu 22 Prozent warteten auf Evers, Pauer, Kalkowski und 2500 weitere Unerschrockene, die um 6.30 Uhr in Lüttich an den Start gingen. „Es gilt als eines der härstesten Rennen der Welt – eine echte Hausnummer“, erklärt Evers.

Auch Jalabert und Schleck dabei

Clubchef Mehrtens begab sich wie 4300 Leidensgenossen aus 56 Nationen – darunter auch Ex-Zeitfahrweltmeister Laurent Jalabert aus Frankreich und der zweifache Tour-de-France-Etappensieger Fränk Schleck aus Luxemburg – auf die kürzere 154-Kilometer-Distanz, dafür setzte er sich gleich an die Spitze des Rennens – wenn auch nur für einen guten halben Kilometer.

Vor Bastogne mussten die Delmenhorster den legendären Cote de Saint-Roch erklimmen, ein 1200 Meter langer und bis zu 22 Prozent steiler Anstieg – „die Kraft wurde schon beim Anblick weniger“, sagte Evers. Doch er erreichte den Gipfel ohne abzusteigen, auch wenn er auf dem Weg von einem Auto zur Seite gehupt wurde, das sich im ersten Gang den Hügel hochquälte. „Das war erst der zweite von elf Anstiegen. Da war ich mir nicht mehr sicher, ob wir am Ziel ankommen“, berichtet Evers.

Am Rande der Kapitulation

Am vier Kilometer langen Cote de la Redoute, dem Scharfrichter des Rennens, passierte das Urania-Trio diverse Wohnmobile von Radsport-Fans, die für das Profirennen am nächsten Tag gekommen waren. „Ich habe mir auf den schmalen, eingezäunten Sträßchen Meter für Meter erobert“, sagt Evers.

An der letzten Verpflegungsstation – nach neun Anstiegen – stand er bei sommerlichen 28 Grad trotzdem kurz vor der Kapitulation. „Die Luft war raus“, gesteht er. „Ich hätte mich abholen lassen.“ Was nicht nur ihm so ging. „Neben uns übergab sich jemand. Auf dem Platz wankten müde Gestalten von den Fahrrädern zu den großen Vier-Mann-Pinkeleimern.“

Kalkowski hielt schließlich die rettende Motivationsrede, und das Urania-Trio kämpfte auch die letzten beiden Hügel nieder. „Aber wie müde muss das ausgesehen haben?“, sagt Evers. Selbst die Zielgerade hatte noch eine Steigung von sechs Prozent, doch nach 10 Stunden und 20 Minuten war es schließlich vorbei – was einen Schnitt von fast 27 Stundenkilometern bedeutete. „Wir waren alle sehr, sehr happy. Es ist schon komisch, wie schnell man die Leiden vergisst“, philosophiert Evers