Turner in der Selbstfindung Der Geist des alten Jahn wird nicht mehr überall gelebt

Von Daniel Niebuhr

Ganz in Weiß: die erste Turngruppe des TV Jahn mit (hinten von links): A. Brandner, Hermann Czerner, Fr. Richter, Karl Hyduk, A. Siekiera, Franz Niedfeld sowie (vorne von links) August Hesse, R. Lippert, A. Richter auf einem historischen Foto von 1914. Foto: TV JahnGanz in Weiß: die erste Turngruppe des TV Jahn mit (hinten von links): A. Brandner, Hermann Czerner, Fr. Richter, Karl Hyduk, A. Siekiera, Franz Niedfeld sowie (vorne von links) August Hesse, R. Lippert, A. Richter auf einem historischen Foto von 1914. Foto: TV Jahn

Delmenhorst. Viele Vereine haben ihre Wurzeln im Turnen – doch der Geist des alten Jahn wird nicht mehr überall gelebt. Im Nachwuchsbereich gibt es große Probleme. Es gibt jedoch auch viele Positivbeispiele: Die Clubs sind bereits dabei, das Turnen neu zu erfinden.

Ob dem alten Friedrich Ludwig Jahn das gefallen hätte? Eine Frau, die 25 gestandene Herren durch die Sporthalle scheucht? Nach allem, was man über den Turnvater weiß, hätte er vermutlich eher seine mächtige Nase gerümpft über diese Männergymnastikgruppe des nach ihm benannten TV Jahn Delmenhorst, die sich jeden Mittwoch trifft – und von Anastasia Winkelmann angeführt wird. Wo Frauen in der Turnbewegung doch ursprünglich nicht vorgesehen waren.

Man darf allerdings davon ausgehen, dass die schwungvolle 32-Jährige auch den Turnvater persönlich noch auf die Yogamatte bekommen hätte. Anastasia Winkelmann leitet die Gruppe seit viereinhalb Jahren und verlangt ihren Sportlern zwischen 40 und 85 Jahren konditionell einiges ab – trotzdem sind immer 25 bis 30 Männer dabei und halten sich mit Turnen, Gymnastik und Volleyball fit. „Der Sport und die Gemeinschaft helfen einem, körperlich und geistig in Form zu bleiben“, sagt Gruppensprecher Helmut Schulz. Viel näher als hier kann man Jahns berühmtem Sinnspruch – dem „frisch, fromm, fröhlich, frei“ – 207 Jahre nach Begründung der Turnbewegung wohl nicht kommen.

Deutscher Turnerbund verliert in vier Jahren 90.000 Mitglieder

Allerdings sind Jahns Grundsätze im Jahr 2018 nicht überall so lebendig wie in der Sporthalle am Blücherweg – der Turnvater, könnte man sagen, hat schon einmal bessere Zeiten erlebt. Im Deutschen Turnerbund sind zwar immer noch 4,9 Millionen Sportler organisiert, der Bundesverband hat in den vergangenen vier Jahren aber fast 90000 Mitglieder verloren.

In Delmenhorst sieht man im Kleinen die gleiche Entwicklung: Mit dem Delmenhorster TV, dem TuS Heidkrug, dem TV Jahn, dem Delmenhorster TB und dem TV Deichhorst tragen fünf der sechs größten Vereine das Turnen in ihrem Namen, der Turnkreis ist mit 4001 Mitgliedern auch immer noch der größte Fachverband der Stadt, doch der Trend zeigt klar nach unten.

Gerätturnen ist out

Holger Fischer, der dem Stadtsportbund und dem Turnkreis vorsteht, sagt es knallhart: „Besonders das klassische Turnen an den Geräten ist out. Wir haben große Probleme, vor allem die männlichen Jugendlichen zu begeistern.“ Und der alte Jahn trägt sogar eine Mitschuld, wenn man Fischer glaubt: „Eiserne Disziplin war immer ein zentrales Element beim Turnen, zu Jahns Zeiten war das natürlich noch wesentlich straffer als heute. Aber viele wollen sich dem jetzt nicht mehr stellen.“ Dabei, sagt Fischer nicht zu Unrecht, „ist das Turnen die Grundlage für fast alle anderen Sportarten“.

Delmenhorster Erfolge gibt aber durchaus. Für die vergangenen Bezirksmeisterschaften im Gerätturnen hatten sich Mädchen vom DTB, DTV und dem TuS Heidkrug qualifiziert, sie gewannen immerhin drei Medaillen. Der DTB richtet jedes Jahr wieder sein Pokalturnen aus, zuletzt mit respektablen 76 Teilnehmern.

Kampf gegen Sportstudios und Ganztagsschulen

Alle Vereine haben ähnliche Mitbewerber um die Gunst des Nachwuchses: Ganztagsschulen und vor allem Sportstudios. „Als Verein stehen wir seit Jahren in Konkurrenz zu den Fitnessstudios“, sagt Jahn-Vorsitzender Uwe Raß. „Ein Verein muss sich in gewisser Weise auch neu erfinden.“

Sein Club dient dafür als gutes Beispiel. Am 14. März 1909 wurde der ursprüngliche TV Jahn von 35 Männern gegründet – größtenteils zugewanderte Katholiken –, die auf „volkstümliche Übungen und Wettkämpfe“ aus waren, wie es in der Chronik heißt. Damals wurde vor großem Publikum an Pferd und Barren geturnt; wer sich unsittlich verhielt, so die Chronik, sei „es nicht wert, noch als Mitglied betrachtet zu werden“. Als nach dem Ersten Weltkrieg die ersten Ballsportler kamen und die Turner weniger wurden, warf man auf der Generalversammlung 1920 die Ballsportler mit 26:19 Stimmen raus – „weil wir nun einmal ein Turnverein sind“.

Sportliche Herren – angeführt von einer Frau: Die Männergymnastikgruppe des TV Jahn Delmenhorst trifft sich jeden Mittwochabend. Das Foto entstand am 14. März 2018 – auf den Tag genau 109 Jahre nach der Gründung des Vereins. Foto: Daniel Niebuhr

Inzwischen ist der TV Jahn ein bunter Club mit zwölf verschiedenen Sportarten und Mitgliedern aus vielen Ländern und Altersschichten. Der Verein steht auch für die Weiterentwicklung der Jahn’schen Idee: Im Programm finden sich dem Turnen verwandte Sporttrends wie Zumba und Bokwa. „Man muss mit der Zeit gehen“, sagt Raß. Sein Verein hat 1623 Mitglieder, fast 2200 waren es mal in den 80ern – „aber so geht es ja vielen“.

Zumindest in der Männergymnastik wird Vereinstreue vorgelebt. Die Gruppe existiert seit 58 Jahren und beugt möglicher Langeweile mit regelmäßigen Fahrten und Wanderungen vor. „Toleranz und Freundschaft stehen an erster Stelle“, sagt Helmut Schulz. „Wir machen Sport gegen die Einsamkeit.“ Klingt nach einer Gruppe, in der sich auch Turnvater Jahn wohlgefühlt hätte. Mit einer Frau als Vorturnerin hätte er sich schon irgendwie arrangiert.