Delmenhorster Fußballer üben Druck aus „Die Zeit ist reif für Kunstrasenplätze“

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Sie ziehen gemeinsam an einem Strang: (von links) die Fußballer Benjamin Sen (SV Tur Abdin), Michael Wild (TuS Heidkrug), Zeki Tiryaki (RW Hürriyet), Bernd Hannemann (TV Jahn), Bastian Fuhrken (SV Atlas), Ahmet Sonuvar (RW Hürriyet), Hamid Mehrdadi (Delmenhorster TB), Jürgen Stöver (TuS Hasbergen), Turhan Erdogan (KSV Hicretspor), Daniel Voß (Borussia), Thomas Luthardt (SV Atlas), Klaus Bischoff (DBV) und Marco Castliglione (TV Jahn). Foto: Frederik BöckmannSie ziehen gemeinsam an einem Strang: (von links) die Fußballer Benjamin Sen (SV Tur Abdin), Michael Wild (TuS Heidkrug), Zeki Tiryaki (RW Hürriyet), Bernd Hannemann (TV Jahn), Bastian Fuhrken (SV Atlas), Ahmet Sonuvar (RW Hürriyet), Hamid Mehrdadi (Delmenhorster TB), Jürgen Stöver (TuS Hasbergen), Turhan Erdogan (KSV Hicretspor), Daniel Voß (Borussia), Thomas Luthardt (SV Atlas), Klaus Bischoff (DBV) und Marco Castliglione (TV Jahn). Foto: Frederik Böckmann

Delmenhorst. Spielabsagen- und fehlende Trainingszeiten, Mitgliederabwanderung und sportliche Wettbewerbsnachteile: Die zunehmenden Platzsperren sorgen bei den zwölf Delmenhorster Fußballvereinen für mächtig Frust. Eine Lösung für diese Probleme soll der Bau von zwei Kunststoffplätzen werden.

Auch Marco Castiglione musste ein wenig schmunzeln. „Endlich sind wir Fußballer uns mal einig“, sagte der Abteilungsleiter des TV Jahn, als er am Dienstagabend die Gesprächsrunde mit Vertretern von fast allen Fußballvereinen der Stadt Delmenhorst im Vereinsheim des TuS Hasbergen eröffnete.

Einigkeit in der Sache – das war in den vergangenen Jahrzehnten unter den zwölf Fußballklubs in der Stadt nicht unbedingt üblich. Doch nach einigen Führungswechseln in den Abteilungen und Vereinen und mit neuen, jungen Gesichtern sprechen die Vorstände beim aktuell vielleicht wichtigsten, aber auf jeden Fall bewegendsten Thema nun mit einer Stimme und wollen ihr Anliegen gemeinsam voranbringen: den Bau von zwei Kunstrasenplätzen in Delmenhorst. „Daran führt kein Weg mehr vorbei“, betonte Castiglione. „Wenn man den Fußball-Standort Delmenhorst langfristig sichern möchte, brauchen wir Wetter unabhängige Spiel- und Trainingsmöglichkeiten.“

Nach einem relativ milden Winter und auch nicht besonders überdurchschnittlichen vielen Niederschlägen in den vergangenen Monaten habe die „katastrophale Platzsituation bei allen Vereinen“ (Castiglione) die Dringlichkeit von Kunstrasenplätzen für die laut Stadtsportbund rund 3150 Fußballer erneut mehr als deutlich gemacht. „Die Zeit ist reif“, sagte Jahns Fußballchef. „Deshalb fordern wir gemeinsam die Stadtverwaltung und die Delmenhorster Politik auf, zwei Kunstrasenplätze zu bauen.“

Das gemeinsame Ziel aller Klubs ist dieses: Bereits im Haushaltplan für 2019 soll das Geld für zwei Kunststoffplätze bereitgestellt werden. Wie das zu finanzieren sei, damit solle sich zu allererst die Stadtverwaltung beschäftigen, erklärt Marco Castiglione. Nach seinen Erfahrungen koste ein Kunstrasenplatz zwischen 500.000 bis 800.000 Euro. Auch die Standortfrage sei sekundär, sagt der Jahner, der sich schon seit längerem tief in die Kunstrasen-Thematik eingearbeitet hat.

Zuletzt praktisch nur in fünf Monaten Fußball möglich

2016 war das Anliegen der Fußballer bei einigen Politikern und Parteien bereits ein Wahlkampf-Thema. 2017 stand der „Bau eines Kunstrasenplatzes in Delmenhorst“ auf der Tagesordnungspunkt im Sportauschuss, wurde dann aber aufgrund der finanziellen Situation der Stadt von den Politikern ausgebremst – unter anderem wohl auch, weil die Fußballer nicht an einem Strang zogen, so ihre Vermutung. „Man hat uns auch ein bisschen gegeneinander ausgespielt“, meinte Hasbergens Vorsitzender Jürgen Stöver. Das soll jetzt anders werden. „Der Prozess darf nicht einschlafen“, sagt Castiglione. „Wir müssen das Thema in unseren Vereinen und in der Stadt am Leben halten.“

Bernd Hannemann, Leiter der Frauenfußball-Abteilung beim TV Jahn, erinnerte Oberbürgermeister Axel Jahnz an seine kurze Rede auf der vom dk und dem SSB in der vergangenen Woche ausgerichteten Sportlerehrung, dass Delmenhorst eine Sportstadt sei. „An diesen Worten muss sich der OB dann auch messen lassen“, sagte Hannemann.

Die Argumente pro Kunstrasenplatz fallen vielschichtig aus – sportlich, integrativ, vereinsfördernd. Das offensichtlichste mache sich natürlich in den Spielplänen bemerkbar, erklärte Thomas Luthardt als Spielausschuss-Chef im Kreis Oldenburg-Land/Delmenhorst und Obmann beim SV Atlas. Kunstrasenplätze könnten Spielabsagen minimieren. Gefühlt könne man aktuell ja nur in fünf Monaten im Jahr spielen und trainieren – im August, September, Oktober, April und Mai, sagt Luthardt. „Im Winter sind die Plätze nicht bespielbar, im Sommer im Juni und Juli von der Stadt zur Regeneration gesperrt.“

Nachholspiele unter der Woche sind ein Problem

Die vielen Nachholspiele in allen Klassen werden vor allem bei Teams mit Schichtarbeitern zum Problem. Im Rhythmus Sonntag-Mittwoch-Sonntag fielen unter der Woche ständig Spieler aus beruflichen Gründen aus. Andreas Seven, neuer Vorsitzender beim SV Tur Abdin, verdeutlichte dieses Problem anhand von Abdin II, das in der 2. Kreisklasse noch 15 Spiele in nur noch zehn Wochen absolvieren muss: „Die Hälfte der Mannschaft arbeitet bei Mercedes. Unter der Woche bekommen wir kaum elf Spieler zusammen.“ Nichtantreten kostet nicht nur Strafgelder und Punkte, sondern bedeutet im Zweifelsfall auch den Zwangsabstieg.

Während Turhan Erdogan als Vorsitzender des KSV Hicretspor den integrativen Charakter der Fußballer vor allem bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutlich machte, wies Bastian Fuhrken als SVA-Sportvortand darauf hin, dass besonders die Hobbymannschaften und Oldies in den Vereinen unter den Spiel- und Trainingsabsagen sowie Verlegungen leiden. „Die Hobbyfußballer müssen gegenüber den Leistungsteams zurückstecken. Aber das machen sie auch nicht mehr lange mit.“

Denn zusätzlich zu ihren Mitgliedsbeiträgen zahlen die Spieler die Kosten für Ausweichtermine auf auswärtigen Kunstrasenplätzen, in der Soccerhalle oder im Fitnessstudio selbst. „Das geht auf Dauer nicht gut“, hat auch Jürgen Stöver „eine gewisse Unruhe“ in seinem Verein erkannt und sprach allen Anwesenden damit aus der Seele: „Wenn die Fußballer nicht auf den Platz dürfen, laufen uns die Mitglieder weg.“ Das sei ein „massives Problem“ und bereite „arge Probleme“.

Kunstrasen in Stenum würde auch Delmenhorst indirekt betreffen

Die geografische Nähe zum VfL Stenum sei auch für Delmenhorster Eltern immer ein Argument, ihre Kinder im Nachbarverein anzumelden, beobachteten die Delmenhorster Fußballer. Denn die Kirchweg-Kicker stehen seit Jahren für ein familiäres Flair, hervorragende Jugendarbeit – und haben jetzt ihre ersten Planungen für einen möglichen Kunstrasenplatz-Bau aufgenommen. „Ab der D-Jugend können die Spieler ohne Probleme die fünf Kilometer mit dem Rad von Delmenhorst nach Stenum fahren“, veranschaulichte Michael Wild, stellvertretender Jugendleiter beim TuS Heidkrug.

Michael Wild machte in Richtung Delmenhorster Politik und Verwaltung auch dies deutlich: „Ein Kunstrasenplatz ist kein Luxusproblem. Vom Kunstrasen profitieren alle Fußballer, von den Minis bis zu den Oldies. Ein Kunstrasenplatz schafft Trainingszeiten für alle Altersklassen.“

Und der sportliche Wettbewerbsnachteil ohne Kunstrasen? Der sei im Vergleich zu den Vereinen aus Bremen, der Wesermarsch oder Ostfriesland, aber auch mit Blick auf die mit Kunststoffplätzen ausgestatteten Vereine FC Huntlosen, TSV Großenkneten und seit kurzem auch FC Hude, TuS Vielstedt und SF Wüsting natürlich gegeben, klagten die Vereinsvertreter.

Jahn-Frauen würden ohne Kunstraen keine Zweitliga-Lizenz mehr erhalten

Jahns Bernd Hannemann verdeutlichte am Beispiel der höchstspielenden Delmenhorster Fußball Mannschaft ein weiteres Problem: „Wir sind als Frauen-Zweitligist auch ein Werbeträger für die Stadt.“ Wenn dem TVJ nach dem Abstieg in die Regionalliga möglicherweise die Rückkehr in die 2. Liga wieder gelingen sollte, „dann würden wir gar keine Lizenz erhalten“, sagte Hannemann. Denn der DFB schreibt ab der in der kommenden Saison eingleisigen 2. Liga einen Kunstrasenplatz als Ausweichspielstätte vor.

Wenn die Fußballer nicht auf den Platz dürfen, laufen sie uns weg

Sachlich in der Wortwahl, aber deutlich in der Thematik – so wollen die zwölf Delmenhorster Fußballvereine das Thema weiter begleiten. Castliglione drückte es abschließend so aus: „Wir müssen uns nicht dafür schämen, was wir fordern. Aber wir meinen es ernst. Wir lassen uns nicht länger hinhalten.“


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