Werden Handballer benachteiligt? Delmenhorster Vereine streiten um Sportstättenförderung

Von Frederik Böckmann


Delmenhorst. Werden gewisse Sportarten oder gar Vereine in Delmenhorst bei der Renovierung ihrer Anlagen bevorzugt? Ja, klagt Jürgen Janßen als Vorsitzender der HSG Delmenhorst. Diesen Vorwurf weisen sowohl die Stadt als auch der SV Atlas, der TV Jahn und der Stadtsportbund entschieden zurück.

Die Verbandsliga-Herren der HSG Delmenhorst streben mit aller Macht zurück in die Oberliga, die Frauen spielen eine ordentliche Saison in der Landesliga und mit sechs Jugendmannschaften auf Landesligaebene und höher gehört der Nachwuchs ohne Zweifel zu den qualitativ und quantitativ stärksten Vereinen in den Handball-Regionen Oldenburg und Bremen: Wenn Jürgen Janßen auf seine insgesamt neun Leistungsmannschaften blickt, dann dürfte der Vorsitzende der Handballspielgemeinschaft nicht ganz so viel zu meckern haben. Im Gegenteil, es macht ihn stolz. Beim Blick auf die Haushaltspläne der Stadt Delmenhorst 2017 und 2018 vergeht Janßen allerdings – wieder einmal – seine gute Laune. 

Denn die Stadt Delmenhorst wird zum siebten Mal in Folge keine Renovierung der Stadionhalle vornehmen. Janßen und seine Vorstandskollegen hatten dies schon vermutet, die Empörung ist beim HSG-Chef dennoch groß. „Für mich ist das ein klares Zeichen der Stadt Delmenhorst, dass sie kein Interesse an unserer Arbeit hat. Anders kann man das Verhalten der Stadt nicht mehr interpretieren“, schimpft Janßen. Es könne nicht sein, dass „ein überregionaler Werbeträger wie die HSG Delmenhorst mittelfristig aus der Stadt gedrängt werden soll“.

Flutlicht vs. Hallensanierung

Jürgen Janßen ist durchaus bewusst, dass die Stadt Delmenhorst „durch die Investition beziehungsweise die Übernahme des Krankenhauses in eine Kostenfalle“ hineinkomme. Jedoch beschleiche ihn das Gefühl, dass für die Fußballer „immer wieder Geld da ist und sie keine Einschränkungen hinnehmen müssen“.

Dabei nennt Janßen zwei jüngste Beispiele: Die im vergangenen Jahr beschlossene Sanierung und der Ausbau der Umkleidekabinen für 400 000 Euro im Stadion (die allerdings zu 90 Prozent aus dem Integrationsfond des Landes bezahlt wird). Und die Renovierung der Flutlichtanlage an den Trainingsplätzen am Stadion für 132 000 Euro (plus weitere Investitionen für die Zukunft).

Versprechungen an Atlas und Jahn?

Sein Verein, sagt Janßen, sei indes 2015 und 2016 stark durch den Flüchtlingsstrom betroffen gewesen und habe zwischenzeitlich 48 Prozent der Trainingszeiten abgeben müssen. In dieser Zeit hätte die HSG Delmenhorst jedoch keine Hilfe von der Stadt bekommen. Und: Nach einem Gespräch der HSG-Verantwortlichen mit dem Fachbereich Schule und Sport im August 2017 habe man sich auch über die Renovierung der in einem „sehr schlechten Zustand“ (Janßen) befindlichen Stadionhalle unterhalten. „Man hatte uns versprochen, dass wir ein Gespräch mit dem Fachbereich Bau bekommen sollen, das jedoch nie stattgefunden hat. Man hat uns nicht einmal in irgendeiner Form in Kenntnis gesetzt, dass eine Renovierung nicht mehr stattfinden soll“, schüttelt der HSG-Vorsitzende den Kopf.

Ein Punkt, der Jürgen Janßen gewaltig stört, ist dieser: Der Delmenhorster Oberbürgermeister Axel Jahnz habe keine Zeit für Gespräche mit den HSG-Verantwortlichen, könne diese aber mit dem SV Atlas Delmenhorst über die Fluchtlichtanlage im Stadion führen. „Für mich ist die Handschrift des OB zu sehen, der diese dem SV Atlas und dem TV Jahn versprochen hatte“, kritisiert Janßen, der dem Oberbürgermeister damit indirekt unterstellt, die Fußballer zu bevorzugen.

SV Atlas: „Kritik an Fußballern nicht zielführend“

Bastian Ernst, Marketing-Vorstand beim SV Atlas und CDU-Ratsmitglied, kann die Handballer, aber auch die übrigen Sportler verstehen, „dass sie vereinzelt meinen, die Fußballer werden bevorzugt“. Allerdings müsse er der Behauptung, der Oberbürgermeister würde den SV Atlas bevorzugen und habe dem SVA etwas versprochen, „entschieden zurückweisen. Schließlich hat er gar nicht die Position, so etwas alleine zu entscheiden. Die Maßnahmen wurden in den zuständigen Gremien und nicht in irgendwelchen Hinterzimmern beschlossen“, betont Ernst.

Er könne die Handballer „nur herzlich einladen, die Ausschüsse zu besuchen und auch die Einwohnerfragestunde zu nutzen. Es ist immer schade, wenn die eine Sportart auf die andere mit dem Finger zeigt, weil es einfach auch nicht zielführend ist.“ Atlas versuche, im und am Stadion die Situation zu verbessern, was nicht nur dem SVA zu Gute kommt, sondern auch den anderen Stadion-Nutzern TV Jahn, RW Hürriyet, KSV Hicretpor und Tur Abdin sowie den Schulen.

TV Jahn: „Strukturierte Arbeit statt Vorwürfe“

Wie Atlas-Vorstand Ernst kann auch Marco Castiglione als Abteilungsleiter beim TV Jahn keine Übervorteilung der Fußballer in Delmenhorst erkennen. Im Gegenteil. Angesichts der Wetterverhältnisse in den Monaten November bis März müssten sich die Kicker „irgendwelche Notlösungen ausdenken, da kaum Trainingsflächen im Stadtgebiet verfügbar sind“. Das drücke auf die Seele der Fußballer. Castiglione sagt, dass die Sportler sich „nicht gegenseitig Vorwürfe machen, sondern gemeinsam zum Wohle möglichst aller handeln“ sollten. „Die HSG Delmenhorst ist ein wichtiges Mitglied unserer städtischen Sportkultur“, betont Castiglione. „Wir Fußballer wollen bestimmt nicht, dass dem Handball irgendetwas vorenthalten wird.“

Der Abteilungsleiter geht sogar noch einen Schritt weiter: Er wünscht sich, dass die Sportler ihre Interessen bündeln, um sie gemeinsam vor den Entscheidungsträgern der Stadt zu verteidigen. Dann gäbe es die Chance, Projekte umzusetzen, wie zum Beispiel den Bau einer modernen Mehrzweckhalle. „Aber dafür helfen keine Vorwürfe. Man muss gut strukturiert arbeiten. Der Stadtsportbund wäre zum Beispiel die richtige Plattform, um den Entscheidungsprozess in Gang zu setzen.“

Stadtsportbund versteht HSG Delmenhorst, aber ...

Der Stadtsportbund sieht ebenfalls nicht, dass gewisse Sportarten oder Vereine bei der finanziellen Förderung ihrer Sportstätten bevorzugt werden, sagt SSB-Chef Holger Fischer. Er könne Jürgen Janßen und die HSG Delmenhorst verstehen, die bei ihrem Anliegen der Sanierung der Stadionhalle „immer wieder vertröstet werden“. Fischer sagt aber auch: „Wir sehen die in vielen Hallen und an vielen Sportstätten dringende Sanierung, wissen natürlich aber auch um die schlechte Haushaltlage der Stadt.“

Handballer und Fußballer seien sportliche Aushängeschilder in der Stadt, man dürfe aber auch die besonderen Erfolge anderer Sportarten nicht aus den Augen verlieren. Fischer stellt klar: „Jeder Verein hat seine Berechtigung, finanziell unterstützt zu werden.“ Würden Clubs mit Problemen bei den Sportstätten an den SSB herantreten, versuche der Stadtsportbund, mit der Stadt zu sprechen. Als „Poltergeist“ fortwährend auf Defizite in Hallen oder an Sportgeländen hinzuweisen, sei hingegen kontraproduktiv, findet Fischer.

Stadionhalle wird saniert, wenn es die Finanzen zulassen

Zurück zur HSG Delmenhorst und zur Stadionhalle: Dass vom zuständigen Fachbereich der HSG Delmenhorst ein Gespräch ins Aussicht gestellt wurde, „um ihn als Hauptnutzer an den Planungen zur Sanierung der Stadionhalle“ zu beteiligten, bestätigte Stadtsprecher Timo Frers. Mit Beschluss des „Sparhaushalts 2018“ habe es allerdings aus finanziellen Gründen keine weiteren aktuellen Überlegungen gegeben.

Der Stadtverwaltung sei „selbstverständlich bewusst“, dass eine baldige Renovierung der Stadionhalle notwendig ist, erklärte Stadtsprecher Frers. „Diese ist jedoch maßgeblich abhängig von den weiteren finanziellen Möglichkeiten der Stadt.“ Einen neuen Termin mit allen Nutzern der Stadionhalle – neben der HSG sind dies auch der Delmenhorster TV und der Hockeyclub Delmenhorst – will die Stadt in Kürze persönlich erörtern. „Der Termin wird schon organisiert“, sagt Frers. Der Zustand des Hallenbodens war auch für den HC Delmenhorst zuletzt zum Thema geworden.

Stadionhalle kurz vor dem „Crash“?

Jürgen Janßen erwartet von der Stadt, dass „sie uns flankierende Maßnahmen aufzeigt, damit es nicht zum Crash kommt und die Stadionhalle geschlossen werden muss. Wir erwarten eine verlässliche Zusage für die Zukunft.“ Angesichts der finanziellen Schwierigkeiten des Krankenhauses „müssen wir mal wieder einsehen, dass wir ein Opfer bringen müssen“, sagt HSG-Chef Janßen. „Wie wir jedoch von der Stadt behandelt werden, kann echt nicht sein.“