1. Fußball-Kreisklasse KSV Hicretspor Delmenhorst so fair wie noch nie

Von Andreas Bahlmann

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Timur Cakmaks (rechts) Arbeit trägt Früchte: Er trainiert aktuell das fairste Hicretspor-Team seit Einführung der Fairness-Wertung. Foto: Rolf TobisTimur Cakmaks (rechts) Arbeit trägt Früchte: Er trainiert aktuell das fairste Hicretspor-Team seit Einführung der Fairness-Wertung. Foto: Rolf Tobis

Delmenhorst. Die Fairness steht an erster Stelle, sagt Timur Cakmak, Trainer der Kreisklassen-Fußballer des KSV Hicretspor Delmenhorst. Sein unermüdliches Werben dafür trägt Früchte.

Das große Ziel hat Timur Cakmak auch nach einer holprigen Hinrunde nicht aus den Augen verloren. Wenn alles passt, sagt der Trainer, könnte für den KSV Hicretspor in der Rückrunde noch der Aufstieg in die Fußball-Kreisliga drin sein; eine erst einmal gewagte Aussage bei 14 Punkten Rückstand auf Rang zwei in der 1. Kreisklasse. Für den wahrscheinlichen Fall eines dritten Aufstiegsplatzes wären es für die Delmenhorster aber nur noch acht Zähler, Cakmak sagt dementsprechend: „Wir werden es in jedem Fall versuchen.“

Vier Neuzugänge

Vielleicht spricht auch die Freude über die vier Neuzugänge aus ihm, die er im Winter an Land gezogen hat. Stürmer Germaine Martens vom Bremen-Ligisten TSV Grolland, Verteidiger Yusuf Kamis vom TSV Ippener sowie die Mittelfeldspieler Meric Özdemir vom SV Brake II und der reaktivierte Selman Kabas verstärken den Tabellen-Siebten. „Mit ihnen haben wir gute Perspektiven“, meint Cakmak.

„Uns fehlte noch ein richtiger Stürmer. Einer, der den Ball gut behaupten, aber auch erobern kann und der auch mal alleine geht“, freut sich Cakmak auf Germain Martens. „Ich kenne ihn noch sehr gut aus meiner Zeit beim TV Jahn und weiß, was ich an ihm habe“, sagt Cakmak.

Neu beim KSV Hicretspor: Germain Martens (rechts). Foto: Rolf Tobis

Als weiteren hochkarätigen Zugang bezeichnet Cakmak den Landesliga-erfahrenen und offensiven Mittelfeldspieler Özedmir. Özdemir arbeitet in Brake, wohnt aber mit seiner Familie in Delmenhorst. Er spielte seit 2013 beim SVB, aber aus beruflichen Gründen reichte es zuletzt nicht mehr für die erste Braker Herren, dem aktuellen Tabellenzweiten der Bezirksliga II. So wurde er nur noch sporadisch in der Reserve eingesetzt. „Bei Meric merkt man, dass er schon höher gespielt hat, der ist immer anspielbar. Er ist ein Denker, der sowohl Tore schießen, als auch vorbereiten kann. Wir müssen ihn nur wieder fitter kriegen, weil er momentan nur Luft für 50 bis 55 Minuten hat,“ kommentiert der 41-jährige Cakmak die körperliche Fitness des 25-Jährigen.

Der 20-jährige Kabas spielte beim Blumenthaler SV in der Regionalliga-A-Jugend, verlor dann aber die Lust am Leistungs-Kicken und legte eine Schaffenspause ein. Nach Gesprächen mit Timur Cakmak kehrte aber die Motivation zurück und Kabas sei nun eine qualitativ gute Option für das defensive Mittelfeld.

Der Hicret-Coach hat allerdings nicht nur die sportliche, sondern auch noch eine andere Tabelle streng im Blick, mit der er bislang zufrieden sein kann. Im Fair-Play-Ranking der Liga ist Hicretspor Achter, was spektakulärer ist, als es klingt: Denn mit einer Wertung von 2,57 Minuspunkten pro Partie ist die Mannschaft aktuell die fairste der Vereinsgeschichte seit Einführung der Fairnesswertung. „Bei mir steht das Fair-Play immer an erster Stelle“, sagt Cakmak. „Ich sage meinen Jungs: Wenn wir unsere Spiele zu elft beenden, dann kommen auch die sportlichen Erfolge.“

In zwölf Jahren sechsmal Letzter beim Fair-Play

Sein Verein hat in dieser Hinsicht aber keine ruhmreiche Historie. In den vergangenen zwölf Jahren war Hicretspor beim Fair-Play sechsmal Schlusslicht und dreimal Vorletzter – teilweise war selbst landesweit der letzte Platz nicht weit. Noch in der Vorsaison gab es nach zwölf Platzverweisen Rang 981 von 1000 in Niedersachsen. 2011/12 war, damals ebenfalls mit Rang acht, die einzige Top-Ten-Platzierung überhaupt – nicht ganz zufällig war es mit Platz vier in der Kreisliga die erfolgreichste Saison des Clubs.

Momentan stehen die Delmenhorster erst bei 33 Verwarnungen und einer Gelb-Roten Karte wegen Meckerns, ohne Zweifel ein Verdienst von Cakmak, der nach seiner Rückkehr auf den Trainerstuhl im Januar 2017 eine andere Kultur eingeführt hat. Und zwar eine, die der Vorstand teilt. „Ich habe vor dem Saisonstart alle Mannschaften angesprochen und eindringlich klar gemacht, dass das höchste und wichtigste Ziel, das wir als Verein erreichen können, der erste Platz in der Fairnesstabelle ist“, bekräftigt Turhan Erdogan, der seit fünf Jahren Vorsitzender ist. Er kennt die Probleme natürlich auch: „Wir sind ein Migrations-Klub und manche unserer Spieler sind heißblütige Jungs. Aber wir müssen Vorbild für alle sein. Leider lief das in der Vergangenheit nicht immer so gut. Das müssen wir nachhaltig ändern.“

Cakmak wirbt für Fairness

Daran arbeitet Cakmak auch im Training. Wenn es hitzig wird, unterbricht er das Spiel sofort. „Ich sage dann: Wenn ihr streiten wollt, laufen wir. Oder wollen wir Fußball spielen? Das klappt immer besser und ich bin manchmal überrascht, wie schnell die Jungs das auch in den Spielen lernen.“ Er ist selbst Fußballer genug, um Verständnis für den einen oder anderen Ausreißer zu haben. „Natürlich soll man mit dem Sport auch beruflichen oder privaten Stress abbauen können, das ist wichtig. Aber man muss auch mal einfach die Klappe halten und sich auf dem Feld zurücknehmen können. Das gebietet der sportliche Respekt.“

Sportlich und in Sachen Fairness läuft der vor der Saison geforderte Umbruch größtenteils planmäßig. Nach dem sang- und klanglosen Abstieg aus der Kreisliga nach 16 Jahren ist der Club enger zusammengerückt. „Fast alle wollten beim Neuanfang helfen. Klar hatten wir auch Abgänge, aber ich brauchte keinen Spieler rauszuschmeißen. Alle waren und sind bereit, zu lernen“, freute sich Cakmak.

Einige Rückschläge jedoch bringen den Spielertrainer immer wieder ins Grübeln – die heftigen Niederlagen wie das 6:9 gegen den SC Colnrade, das 0:4 beim TV Falkenburg oder das 0:5 gegen den FC Hude II fuchsen Cakmak: „In der Kreisliga standen wir hinten drin und die Gegner kamen auf uns zu. In der Kreisklasse stehen aber alle tief gegen uns. Das müssen die Jungs erst lernen.“

Nächste Gelegenheit ist das Heimspiel gegen den SV Tungeln am 25. Februar, mit dem Hicrepsor als letzte Mannschaft der Liga in die Punktspiele einsteigt – und seine Aufholjagd startet. „Wenn es mit dem Aufstieg nicht klappt, dann vielleicht in der nächsten Saison“, sagt Cakmak: „Ich weiß zwar nicht, wie lange ich hier noch als Trainer bleiben werde, aber Hicretspor ist mein Heimatverein, für den ich alles gebe.“


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