dk-Spurensuche „Stedingsehre“ Vom Bookholzberger Propagandaort der Nazis zum Lernort

Von Thomas Deeken


Bookholzberg. Einst war die Freilichtbühne „Stedingsehre“ in Bookholzberg ein Propagandaort der Nazis. Im Mai nächsten Jahres soll ein Informations- und Dokumentationszentrum im Spieldorf eröffnet werden.

Sie sollte das „Oberammergau des Nordens“ werden und als „weltanschauliche und politische Kraftquelle aller Menschen“ im Raum Weser-Ems wirken. In Wahrheit wurde aus der Freilichtbühne „Stedingsehre“ in Bookholzberg vor mehr als 80 Jahren ein Propagandaort der Nazis. „Seit 2005 bemüht sich der regionale ,Arbeitskreis GeschichtsOrt Stedingsehre‘ innerhalb der regioVHS darum, den einstigen NS-Wallfahrtsort zu entmythologisieren und ihn als Informationszentrum und außerschulischen Lernort zu entwickeln“, sagt Dr. Wiebke Steinmetz, Kunsthistorikerin der regioVHS. Es mussten allerdings viele weitere Jahre vergehen, bis die Planungen konkreter werden konnten. Der Stand heute: Zum internationalen Museumstag am 13. Mai 2018 soll das Informations- und Dokumentationszentrum Stedingsehre im Haus Nummer elf des Spieldorfes seine Pforten öffnen.

„Stedingsehre“ zwischen 1934 und 1937 errichtet

Mit großem baulichen Aufwand wurde von 1934 bis 1937 das Spieldorf „Stedingsehre“ errichtet. Dort entstanden eine Kirche, 14 Gebäude in Fachwerk-Architektur, Deich und Wasserlauf vor einer riesigen Tribünenanlage, die rund 10.000 Besuchern Platz und auch einen Blick ins Stedinger Land bot. Anlass für den Bau war das Theaterstück „De Stedinge“ von August Hinrichs aus Oldenburg über die Schlacht der Stedinger Bauern gegen das Heer des Bremer Bischofs, die sich zum 700. Mal jährte.

Vermutlich mehr als 200.000 Besucher

Vermutlich haben mehr als 200.000 Besucher die Theateraufführungen gesehen. „Das plattdeutsche Stück wurde damals weitgehend begeistert aufgenommen, auch wenn viele Gäste möglicherweise ,abkommandiert‘ waren“, heißt es in Geschichtsaufzeichnungen. 1935 fanden neun aufwendig inszenierte Theateraufführungen unter der Leitung des Oldenburger Oberspielleiters Gustav Rudolf Sellner mit Schauspielern des Staatstheaters Oldenburg und Hunderten von Komparsen für die Massenszenen aus den umliegenden Orten statt.

Schulungen für Parteifunktionäre der NSDAP

Erst 1937 war der Bau der Freilichtbühne mit Spieldorf und Tribünen fertig. Eingeweiht wurde sie als „Niederdeutsche Gedenkstätte Stedingsehre“ von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. In diesem Jahr fanden weitere 13 Theateraufführungen sowie Massenkundgebungen der NSDAP statt. Ein Jahr später folgten im Spieldorf Schulungen für Parteifunktionäre. Zu einem Ausbau als Schulungszentrum der Partei in ganz großem Stil kam es allerdings wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Eine der letzten Aktionen: eine Sonnenwendfeier, unterstützt von Alfred Rosenberg, einem der führenden Ideologen der NSDAP.

Kirche und ein Haus im Spieldorf im Krieg zerstört

1943 zerstörte eine Fliegerbombe die Kirche und ein Haus des Spieldorfes. Die restlichen Gebäude sind bis heute erhalten. In den Sechziger- und Siebzigerjahren folgten zwar noch ein paar publikumswirksame Musikveranstaltungen wie das Internationale Beat-Fest 1967 und das Internationale Musikfest 1975 statt. „Überlegungen, das Freilichttheater zu reaktivieren, sind vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Vorgeschichte nicht realisiert worden“, weiß Kunsthistorikerin Steinmetz.

Aus der Vergangenheit lernen

Dafür hat sich die Idee immer weiter entwickelt, einen Lernort einzurichten, an dem vor allem junge Menschen über die Zeit der Nationalsozialisten informiert werden, um aus der Vergangenheit zu lernen. „Dort wollen wir zeigen, wie leicht man durch ,die rechte Ecke‘ verführt werden kann“, sagt Dietmar Mietrach, Vorsitzender des Fördervereins Informationszentrum Freilichtbühne Bookholzberg. Ein Problem, das aktueller denn je ist – nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen Ländern Europas wie Ungarn und Polen sowie anderen Teilen der Welt.

In Bookholzberg soll die Geschichte mit modernen Mitteln aufbereitet werden. Es sollen zahlreiche Urkunden, Schriften, Fotos, Filme und sogar Geschirr mit Nazi-Symbolen präsentiert werden. Der Start ist zunächst einmal im Haus elf vorgesehen. Perspektivisch werden auch die Gebäude acht und neun in die Planungen mit einbezogen. Darüber hinaus sind Kostümführungen übers Gelände geplant.

Finanzierung muss jetzt geregelt werden

Nach Zustimmung von allen Seiten, von Lehrern und Schülern zahlreicher Schulen aus der gesamten Region, von Politik ,Verwaltung und vielen politik- und geschichtsinteressierten Personen, geht es jetzt um die Finanzierung des Projekts.“Es ist alles im Fluss“, sagt Mietrach, der für die einmalige Einrichtung des Zentrums eine Summe von inzwischen 86.000 Euro errechnet hat und nach bisherigen Gesprächen mit den einzelnen Einrichtungen optimistisch ist, dass über LEADER, Oldenburgische Landschaft, Stiftungen, Landkreis, Gemeinde und Förderverein alles zusammenkommt

Mietrach setzt auf Land Niedersachsen

Knifflig wird es dagegen bei den laufenden Kosten in Höhe von 12.190 Euro jährlich. Mietrach setzt nicht nur auf Spenden, Gemeinde Ganderkesee und Landkreis, sondern auch auf die Nachbargemeinde Lemwerder. Geht es doch bei „Stedingsehre“ auch um einen Teil der Geschichte der Lemwerderaner. Und er hofft, dass er wegen der Bedeutung eines derartigen Dokumentationszentrums über die Landkreis-Grenzen hinaus auch das Land Niedersachsen begeistern kann. Jetzt setzt er auf die Landtagsabgeordneten der Region – sodass dem Start im Mai 2018 nichts mehr im Wege stehen sollte.

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Die Öffnung des Informations- und Dokumentationszentrums ist zunächst von Freitag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr sowie für Gruppen nach Vereinbarung vorgesehen. Mittelfristig sind Öffnungszeiten von Dienstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr geplant.

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