70 Jahre Berufsförderungswerk Eine berufliche Chance für Kriegsversehrte

Meine Nachrichten

Um das Thema Ganderkesee Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Blick in eine Werkstatt des heutigen BFW in den 50er Jahren: Körperlich Behinderte wurden beruflich qualifiziert. Archivfoto: Hermann WeizsäckerBlick in eine Werkstatt des heutigen BFW in den 50er Jahren: Körperlich Behinderte wurden beruflich qualifiziert. Archivfoto: Hermann Weizsäcker

Bookholzberg. Die alten Tribünen und das einstige Kulissendorf der Freilichtbühne Stedingsehre sind eine Hinterlassenschaft der dunkelsten Zeit in der deutschen Geschichte. Mit dem vom nationalsozialistischen Gauleiter Carl Röver vorangetriebenen Projekt der Kultstätte auf dem Bookholzberg sollte nicht nur ein monumentaler Rahmen für die Aufführung des plattdeutschen Historienspektakels „De Stedinge“ geschaffen werden.

Geplant war die Anlage auch als Schulungszentrum der Partei. Auf dem Gelände ist heute das Berufsförderungswerk Weser-Ems (BFW) der Stiftung des Landes Niedersachsen für berufliche Rehabilitation beheimatet.

Es ist somit in der Tat ein Bildungszentrum entstanden, aber mit einem völlig anderen Hintergrund. In den ersten Jahren der Einrichtung waren es Kriegsversehrte, also eine Gruppe von Menschen, die die Kriegspolitik der Nazis am eigenen Leib zu spüren bekamen, die hier eine berufliche Perspektive im Zivilleben eröffnet bekamen. Auch an diese Anfänge beruflicher Qualifizierung von Menschen mit einer Behinderung in Bookholzberg hat das BFW am Donnerstag mit einem Festakt zu seinem 70-jährigen Bestehen erinnert.

Kanadische Einheiten nutzten 1945 die Stedingsehre-Gebäude

Auf dem Stedingsehre-Areal hatten nach Kriegsende im Frühjahr 1945 zunächst Einheiten einer kanadischen Division Quartier bezogen. Sie nutzten das Gästehaus mit rund 200 Betten und die mehr als 20 Häuser des Spieldorfes.

Eine Truppenschule mit Werkstätten für Maler, Klempner, Schlosser und Elektriker wurde eingerichtet, in denen kanadische Soldaten auf die Eingliederung in einen Zivilberuf vorbereitet wurden. Aber auch mehr als 100 deutsche Arbeiter profitierten davon, sie wurden für Hilfs- und Wachdienste beschäftigt.

34 Kriegsversehrte 1946 erste Umschüler

Einen schweren Rückschlag bedeutete das Großfeuer im Sommer 1946, das das Gästehaus zerstörte. Die kanadischen Soldaten wurden nach Oldenburg verlegt, und die deutschen Hilfskräfte standen unvermittelt ohne Arbeitgeber da. Abhilfe schuf die Verwirklichung einer Idee des Regierungsrats Eilers aus dem Arbeitsamt Oldenburg: Die noch vorhandenen Gebäude des Spieldorfes sollten künftig für die Umschulung Schwerbeschädigter genutzt werden. Noch im selben Jahr wurde in den von den Kanadiern übernommenen Räumlichkeiten die Umschulung von 34 Kriegsversehrten begonnen.

Umorientierung ab den 50er Jahren

Die Umschüler absolvierten zunächst sechsmonatige Vorbereitungskurse, wie einer historischen Übersicht des BFW zum 70-jährigen Bestehen zu entnehmen ist. Die Kriegsversehrten erlernten die Berufe des Feinmechanikers, Elektromaschinenbauers, Gärtners oder Schneiders. In den folgenden Jahren kamen weitere Ausbildungsberufe hinzu.

Zu Anfang der 50er Jahre steuerte die „Landesversehrtenberufsfachschule“ in eine schwierige Phase: Durch das Ausbleiben der Kriegsversehrten sank die Schülerzahl erheblich. Die Schließung konnte durch eine Umorientierung zur Klientel der zivilen Körperbehinderten abgewendet werden. Ab den 60er Jahren wurde die Einrichtung, die 1972 in Berufsförderungswerk Bookholzberg (seit 1992 Weser-Ems) umbenannt wurde, kontinuierlich weiterentwickelt, pädagogisch an veränderte Bedingungen angepasst und baulich erweitert.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN