Silvester im Krankenhaus Patientin in Stenum will Jahreswechsel verschlafen

Patientin Ruth Weinhold (vorne) zeigt Dr. Wilfried Dick, Schwester Sarah Bruning und Assistenzarzt Mohammed Essam (hinten, von links) Bilder ihrer Familie. Foto: Katja ButschbachPatientin Ruth Weinhold (vorne) zeigt Dr. Wilfried Dick, Schwester Sarah Bruning und Assistenzarzt Mohammed Essam (hinten, von links) Bilder ihrer Familie. Foto: Katja Butschbach

Stenum. Ruth Weinhold hat lange unter Schmerzen im Knie gelitten. Jetzt ließ sie sich in der Stenumer Fachklinik operieren, bleibt auch an Silvester in der Klinik. Als Zeugin Jehovas lehnt sie Bluttransfusionen ab: Die Klinik ist auf derartige Situationen eingestellt.

Wenn es Mitternacht wird und das neue Jahr beginnt, kümmern sich in der Stenumer Orthopädie-Klinik zwei Schwestern und ein Assistenzarzt um insgesamt vier Patienten, die bis zum 5. Januar bleiben – eine der Patientinnen ist die 82-jährige Ruth Weinhold.

Die Seniorin ist am 22. Dezember operiert worden: ein altes künstliches Kniegelenk musste ausgetauscht werden. Am Vortag des Silvesterabends sitzt sie munter auf ihrer Bettkante und erzählt von ihrer Familie – und von ihrem Glauben: Sie ist Zeugin Jehovas und darf deshalb keine Bluttransfusion annehmen. Über das Verbindungskomittee der Zeugen Jehovas, das sich um diese Fragen kümmert, kam sie in Kontakt mit der Klinik.

„Wir haben relativ häufig Patienten aus dieser Glaubensgemeinschaft“, sagt Dr. Wilfried Dick, Leitender Arzt des Departments Endoprothetik, Fuß- und Unfallchirurgie. Er traf die Patientin am 10. Dezember.

„Ich habe es vor Schmerzen nicht mehr ausgehalten“, sagt die 82-Jährige. Acht Monate lang litt sie unter diesen starken Schmerzen. „Nichts hat geholfen, nicht die schwersten Tabletten.“ Morphium wollte sie nicht, berichtet die Seniorin. „Ich war seelisch und moralisch fertig.“ Und so war sie sehr glücklich, schnell einen Termin für die Operation zu bekommen. Dass sie dann Silvester in der Klinik sein würde, störte sie nicht. Weihnachten feierten die Zeugen Jehovas ohnehin nicht. Um sie herum hätten alle gestaunt, dass sie „mit einem Juchhe“ in die Klinik ging. Zu ihrem Arzt Dr. Dick habe sie sofort Vertrauen gefasst.

Die Operation bei Ruth Weinhold verlief dem Mediziner zufolge nicht anders als andere OPs auch – kein Schritt wurde ausgelassen oder hinzugefügt. Dick hatte allerdings einen Assistenten dabei, der sich ausschließlich um die Blutungskontrolle kümmerte. Generell werde in der Klinik auf diesen Punkt viel Wert gelegt. Bei Ruth Weinhold habe er aber im Hinterkopf gehabt, dass hier keine Bluttransfusion möglich wäre.

Eingesetzt werden darf allerdings der Cellsaver, ein Gerät, in dem während einer Operation aus der Wunde austretendes Blut des Patienten gereinigt und ihm dann wieder zugeführt wird. Bei einer Knie-OP, meint Dick, werden generell nur sehr selten Bluttransfusionen notwendig.

Dass an Silvester noch Patienten in der Klinik sind, ist nicht selbstverständlich. Vor einem Jahr waren die Krankenzimmer leer. Die vier Patienten, die jetzt noch in Stenum sind, liegen alle auf Station 1. Die Stationen 2 und 3 werden grundgereinigt, berichtet Kliniksprecherin Daniela Wolff.

Weinhold, die sonst den Jahreswechsel mit ihrer Familie feiert, erklärt mit einem Lächeln, dass sie heute Abend nicht bis Mitternacht wach bleiben möchte. Sie hat einen Stapel Fotos ihrer Familie bei sich – sie hat einen Sohn, zwei Enkel und vier Urenkel.

Die Nachtschwester sieht laut Schwester Sarah Bruning um Mitternacht in die Zimmer, wünscht denen, die wach sind, ein frohes neues Jahr. Wer mag, kann auch ins Schwesternzimmer kommen und dort mit alkoholfreiem Sekt mit den Schwestern und Assistenzarzt Mohammed Essam anstoßen. Eigentlich feiere er sonst mit der Familie, sagt Essam. In diesem Jahr sei aber alles anders. Auch Dick hat schon viele Weihnachtstage und Silvesterabende im Rettungswagen, im Krankenhaus oder im OP verbracht: „Wenn man Dienst hat, hat man Dienst“, sagt er. Für diesen Beruf habe man sich entschieden.


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