Ganderkeseer können helfen Flüchtlinge wollen Zukunft für Kinder

Ein Orientierungs- und Deutschkurs als Brücke in ein neues Leben: Leiterin Sandra Baba macht Flüchtlinge mit dem Alltag in Deutschland vertraut und bittet Ganderkeseer um Unterstützung. Foto: Katja ButschbachEin Orientierungs- und Deutschkurs als Brücke in ein neues Leben: Leiterin Sandra Baba macht Flüchtlinge mit dem Alltag in Deutschland vertraut und bittet Ganderkeseer um Unterstützung. Foto: Katja Butschbach

Ganderkesee. In Ganderkesee untergekommene Flüchtlinge müssen sich an ein ganz neues Leben gewöhnen. Sie wollen vor allem Deutsch lernen und für sich und ihre Kinder ein gutes Leben aufbauen. Ganderkeseer können Flüchtlingskindern helfen.

16 Menschen sitzen erwartungsvoll in Sandra Babas Sprachkurs für Asylbewerber. An der Tafel stehen Begriffe wie „der Junge“ und „das Mädchen“: Die Flüchtlinge sollen etwas über die deutsche Sprache und Kultur lernen und so leichter den Weg in ein neues Leben finden.

Die meisten Flüchtlinge in dem Kurs kommen aus Syrien, drei aus Algerien. Ihre Schicksale sind sehr verschieden, aber in einem Punkt sind sie alle gleich: Die Menschen mussten ihre Heimat verlassen und stehen nun vor dem Unbekannten.

Seit Ende November kommen die Flüchtlinge regelmäßig zwei- bis dreimal die Woche zusammen. Nach einem Beschluss des Kreistags finanziert der Landkreis den Kurs. Auch Bürger helfen: Baba zeigt auf Blöcke, Ordner und Stifte, die gespendet worden sind. Die Kursbesucher können sich je nach Bedarf davon nehmen.

Baba ist für die Flüchtlinge, so berichtet sie, eine Brücke in das neue Land. Denn sie selbst ist wie alle Kursbesucher Araberin und versteht die Unterschiede zwischen den Kulturen – und die Probleme der Jugendlichen. Die Situation der Schüler, die nach Deutschland geflohen sind, sei nicht leicht: In ihren Heimatländern haben sie viel für die Schule gelernt, hatten gute Noten. Hier verstehen sie die Sprache kaum. „Sie haben das Gefühl, ganz falsch eingestuft zu sein. Sie denken, sie können mehr.“ Viele seien „total deprimiert“ und wollten zurück in ihr Heimatland.

Flüchtling Khaled Thabet berichtet, dass eines seiner Kinder 19 Jahre ist, studieren möchte und dafür rasch die Sprache lernen muss. Helfen können hier laut Baba Bürger, da die Schule nicht alles auffangen könne. Sie regt an, dass Menschen zu den Jugendlichen nach Hause kommen und dort mit ihnen lesen. Ganderkeseerin Astrid Fuchs, die sich ebenfalls für Flüchtlinge stark macht, erklärt, dass dies „auch ohne Arabisch zu sprechen möglich“ sei.

Die Flüchtlinge haben in Ganderkesee bislang gute Erfahrungen gemacht, sagt Baba. Schwierig sei für sie, dass es beim Nachholen der Familie einige Hürden gibt. Auch im Alltag stehen die Flüchtlinge immer wieder vor Problemen – teilweise müssen sie mit dem Rad bei starkem Regen viele Kilometer von ihrer Unterkunft bis zum Kursort zurücklegen. Ungünstige Abfahrtszeiten öffentlicher Verkehrsmittel machten es den Flüchtlingen unmöglich, diese zu nutzen.

Die Flüchtlinge beschäftigt auch die Situation in den Heimatländern. Ahmad Deeb aus Damaskus berichtet, dass es in seiner Heimatstadt im Alltag extrem gefährlich war – wohin man auch fuhr, überall fielen Schüsse. Dreimal wäre er selbst fast getroffen worden. Immer gerate man zwischen die Fronten – die Regierung nehme an, dass man zur Opposition halte, und umgekehrt. Straßen seien hermetisch abgeriegelt. Nader Kaisser fürchtete in dem Chaos vor allem um seine Kinder. Im Nachbarstaat Libanon sei die Situation dann noch schlimmer gewesen – man sei unfreundlich behandelt worden, habe keine Unterstützung erfahren.

Viele der Kursbesucher haben noch Familie in Syrien. Andere haben nach einer längeren Odyssee wieder zueinander gefunden. Asalah Al Aydi hat mit ihrem Mann vier Kinder. Er flüchtete mit zwei Kindern nach Deutschland, sie und die anderen zwei Kinder kamen erst einige Zeit später nach.

Alle haben Wünsche und Ziele. Rouwaida Aladalba (44) sagt: „Sprache, Sprache, Sprache. Das ist die Brücke.“ Baba bestätigt: „Ich sage, sie sollen die Sprache fressen, nicht lernen.“ Denn ohne Sprache seien die Flüchtlinge kaum handlungsfähig. Khaled Thabet (50) meint: „Mir sind meine Kinder wichtig, dass sie sich integrieren, gute Chancen kriegen und ihren Weg finden.“ Seinen Weg gehen will auch Amjad Khzam (25): Er möchte studieren, eine gute Arbeit finden, selbstständig sein und eine Familie gründen.

Der 100-stündige Kurs, der die ersten Schritte auf diesem Weg ermöglichen soll, läuft noch bis Ende Januar. Danach geht es für die Flüchtlinge je nach Aufenthaltsstatus mit anderen Kursen oder Projekten weiter. Und für Menschen, die im ersten Kurs nicht unterkommen konnten, beginnt im Januar oder Februar ein neuer.

Thabet sagt: „Wir werden uns gut integrieren, friedlich leben und mitarbeiten.“ Baba meint: „Die Menschen werden in Ganderkesee bleiben.“ Man solle ihnen beim Start ins neue Leben helfen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN