Prozess um Betrug im Klärwerk Mit Mopeds und Karpfenzucht häuslich eingerichtet

Von Ole Rosenbohm

Zwei Angeklagte sollen ein Klärwerk um eine sechsstellige Summe betrogen haben. Vor dem Landgericht Oldenburg ist die Beweisaufnahme abgeschlossen worden. Symbolfoto: David Ebener/dpaZwei Angeklagte sollen ein Klärwerk um eine sechsstellige Summe betrogen haben. Vor dem Landgericht Oldenburg ist die Beweisaufnahme abgeschlossen worden. Symbolfoto: David Ebener/dpa

Wildeshausen/Oldenburg. Im Prozess um jahrelangen Betrug in einem Klärwerk ist vor dem Landgericht Oldenburg die Beweisaufnahme abgeschlossen worden. Dieses Strafmaß erwartet die beiden Angeklagten, darunter ein 54-jähriger Wildeshauser.

Der heute 62-jährige Mann hatte sich fast häuslich eingerichtet in seinem Betrieb, einer zu einer Mülldeponie gehörenden Sickerwasser-Kläranlage des Abfallwirtschaftsbetriebs des Landkreises Vechta (AWV): In Hallen soll der passionierte Schrauber mehrere Mopeds aufbewahrt haben, sein ehemaliger Chef erinnerte sich in seiner Aussage am Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg zudem an eine Angelausrüstung, die er nach der fristlosen Entlassung seines Angestellten dort aufgefunden habe. Und in einem nicht mehr gebrauchten Becken soll der Klärwärter gar eine Karpfenzucht angelegt haben. Der 62-Jährige ist mit einem 54 Jahre alten Wildeshauser angeklagt wegen Bestechung und Bestechlichkeit. Sie sollen den AWV jahrelang betrogen haben.

Angeklagte sind geständig

Mit der Aussage des langjährigen Geschäftsführers endete am Donnerstag die Beweisaufnahme. Plädoyers und Urteil sollen am 9. Dezember folgen. Zu einer Haftstrafe wird es wohl nicht kommen: Nach einem Verständigungsgespräch und umfassenden Geständnissen dürfen die Angeklagten von Bewährungsstrafen ausgehen.

Der 62-Jährige hatte zugegeben, jahrelang Lieferscheine des selbstständigen Wildeshauser Handwerkers abgezeichnet zu haben, ohne dass die aufgeführten Pumpen tatsächlich besorgt oder eingebaut wurden. Den Gewinn – laut Anklage knapp 100.000 Euro – haben sie sich geteilt, gaben sie zu.

Teurer Schwindel

Vermutlich ist der Schaden aber größer. Immerhin hat der Wildeshauser in seinem abgeschlossenen Zivilverfahren einem Vergleich zugestimmt, dem AWV 220.000 Euro zurückzuerstatten. Und der Geschäftsführer führte in seiner Zeugenaussage jetzt an, sein Betrieb habe allein in den Jahren 2012 bis 2014 jährlich 189.000 Euro im Schnitt an den Handwerker ausgezahlt. Nachdem der Schwindel aufflog, seien die Kosten für ähnliche Dienstleistungen auf 51.000 Euro jährlich gesunken.

Angeklagter machte sich unersetzbar

Die Aussagen von Chef, Angestelltem und Selbstständigem decken sich insoweit, dass sich der 62-Jährige seit seiner Einstellung 1995 offenbar den Status eines quasi Unersetzbaren schuf. Der Mann – „höchst engagiert“ und bei Problemen „fast verbissen nach Lösungen“ suchend, so der Zeuge – zeigte ein solch überragendes technisches Verständnis, dass der AWV schon befürchtete, andere Firmen könnten ihn abwerben. Kein einziger Praktiker agierte in der Betriebshierachie über ihm, selbst der damalige Deponieleiter erfüllte fast ausschließlich Verwaltungsaufgaben.

Als der 62-Jährige vorschlug, den selbstständigen Wildeshauser als exklusiven Zulieferer und Handwerker zu beauftragen, wurde die Idee ebenso angenommen wie auch so gut wie jeder andere seiner Vorschläge – inklusive aller Auftragsvergaben. Und gegen die Mopeds und die Karpfen sagte auch keiner was.


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