Falschaussage vor Landgericht Oldenburg? Viele Widersprüche nach Schlägerei vor Heidemark-Tor

Von Ole Rosenbohm

Symbolfoto: dapSymbolfoto: dap

Grossenkneten/Oldenburg. Vor dem Landgericht in Oldenburg stehen sich zwei Familien gegenüber. Es geht um versuchten Totschlag.

Vierter Tag im Prozess um eine fast tödlich verlaufene Schlägerei zwischen zwei bulgarischen Familien vor den Toren des Putenverarbeiters Heidemark in Großenkneten – und zum zweiten Mal wird der zuständige Oberstaatsanwalt wohl ein Verfahren wegen Falschaussage eines Zeugen einleiten. Es wird viel gelogen in dem Prozess, auch viel geschwiegen, sich aber natürlich auch oft tatsächlich nicht mehr erinnert. Denn der Angriff hat schon vor viereinhalb Jahren stattgefunden. Irgendwann verschwimmen Erinnerungen, sind kaum mit der Wahrheit vergleichbar.

Vorfall liegt lange zurück

Das Verfahren wirkt absurd kompliziert – nicht nur weil der Vorfall so lange her ist, sondern auch, weil in ihm Vertreter beider Familien wegen versuchten Totschlags auf der Anklagebank sitzen (je einer) und drei weitere aus beiden Familien auf der Seite der Nebenkläger.

Viele Widersprüche

Am Dienstag sagt einer dieser Nebenkläger aus. Auch die Aussagen des 58-Jährigen widersprechen sich – mit denen von anderen Zeugen, oft auch mit seinen eigenen, die er bereits vor der Polizei oder im abgebrochenen und ans Landgericht verwiesenen Prozess vor dem Amtsgericht Wildeshausen gemacht hatte. Dennoch ergibt sich ein Bild.

Schützend auf blutenden Vater geworfen

Demnach fuhr der Mann an diesem Ostersamstagabend 2015 mit vier weiteren Personen zum Heidemark-Tor: zwei Söhnen, einem Neffen, einem weiteren Kollegen. Dort angekommen, tauchten Mitglieder der angreifenden Familie auf, zwangen den 58-Jährigen („Eine Falle“) zum Ausstieg, traten und schlugen auf ihn ein. Der Mann wurde lebensgefährlich verletzt. Sein Sohn, 32, sagt, er habe sich schützend auf seinen blutüberströmten Vater geworfen: „Ich dachte, er wäre tot.“

Falschaussage?

Dieser 32-Jährige muss das neue Verfahren wegen Falschaussage befürchten. Im Kern geht es um die Frage, ob er etwas mitbekommen hatte, dass sein angeklagter Bruder beim Angriff der acht, zehn oder 15 Vertretern der anderen Familie (so genau ist das nicht klar) ein Messer zog und zwei Gegner niederstach. Seine Antwort: Nein, davon habe er nichts mitbekommen.

Auch nicht, dass sein Bruder, der Angeklagte, schon vor der Fahrt damals befürchtete, angegriffen zu werden, zumal der wenig zuvor schon zusammengeschlagen wurde, dass der Bruder deshalb ein Messer einsteckte, dass er es überhaupt dabei hatte und auch benutzte. Auch nicht, dass sein Vater sich mit einer Kette wehrte.

Niemals miteinander gesprochen?

Was aber Richter und Staatsanwalt am gravierendsten fanden, war, dass der 32-Jährige behauptete, auch nach dem Überfall niemals mit seinem Bruder über das Geschehene gesprochen zu haben, ihn nie gefragt habe, warum er überhaupt angeklagt sei. Das, sagte der Richter, sei „so weit ab, dass ich sagen muss, es ist gelogen“.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN