Gespräch mit Linda Bahr und Astrid Grotelüschen Wieso die Vorsorge vor dem Tod so wichtig ist

Koordinatorin Linda Bahr (links) und die CDU-Bundestagsabgeordnete Astrid Grotelüschen (rechts) im Gespräch über das Sterben und die Vorsorge. Foto: Niklas GolitschekKoordinatorin Linda Bahr (links) und die CDU-Bundestagsabgeordnete Astrid Grotelüschen (rechts) im Gespräch über das Sterben und die Vorsorge. Foto: Niklas Golitschek
Niklas Golitschek

Ganderkesee. Der Sterbeprozess eines Menschen bringt auch für die Angehörigen zahlreiche Herausforderung mit sich. Aus eigener Erfahrung wissen die CDU-Bundestagsabgeordnete Astrid Grotelüschen und Linda Bahr, Koordinatorin des Hospizkreises Ganderkesee-Hude, wie wichtig es ist, darauf vorbereitet zu sein.

Sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen, ist nicht leicht. Gerade in Zeiten von Patientenverfügungen, Betreuungen und immer mehr Möglichkeiten ist es jedoch umso wichtiger, sich damit auseinanderzusetzen. Was kann ich, was meine Familie tun? Um mit all diesen Fragen nicht allein dazustehen, können Anlaufstellen, Informationsseiten oder auch Broschüren helfen.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete für Delmenhorst, Oldenburg Land und Wesermarsch, Astrid Grotelüschen, beschäftigt sich seit Langem mit der Arbeit der Hospizdienste in ihrem Wahlkreis. So kam am Rande einiger Besuche auch der Austausch mit dem Hospizkreis Ganderkesee-Hude über ihre eigenen Erfahrungen im Freundes- und Familienumfeld zustande.

Überlegungen für das eigene Ende

Grotelüschen bestätigt, wie wichtig es ist, sich auf diesen Moment vorzubereiten und vorzusorgen, Vollmachten und Verfügungen parat zu haben. Dem pflichtet auch Linda Bahr, Koordinatorin des Hospizkreises bei. Sie seien eine Art der Fürsorge für einen selbst und auch die Angehörigen. „Überlegungen was man sich für sein eigenes Ende wünscht und was auf keinen Fall geschehen soll, geben jedem Menschen Sicherheit. Damit lässt es sich gut weiterleben“, sagt Bahr. Zumal sich diese Unterlagen auch im Nachhinein noch ändern oder ergänzen ließen.

Astrid Grotelüschen bestätigt, wie entscheidend und vor allem auch entlastend es sei, alles geregelt und besprochen zu haben. „Wenn jemand im Sterben liegt, muss es jeder ohnehin erst einmal verkraften. Daher ist es wichtig, sich vorher über den eigenen Willen auszutauschen.“

Viele schwere Entscheidungen

Durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit kommt man möglicherweise völlig unverhofft in die Situation, dass nur wenig oder keine Zeit bleibt, um zu reagieren und diese Vorsorge selbst zu treffen. Die Familie steht dann unerwartet vor vielen schweren Entscheidungen. „Trotz der eigenen Betroffenheit und Trauer muss man handeln und das ist schwer“, erinnert Grotelüschen sich. Das bestätigt auch Linda Bahr vom Hospizkreis aus ihren Begleitungen: „Wer die Vollmacht hat, muss innerlich damit leben können, sie umzusetzen.“ Deshalb sollte mit den Angehörigen über die Beweggründe der einzelnen Entscheidungen gesprochen werden, damit der Wille nachvollziehbar sei.

Eine ebenso schwere, aber andere Situation ergibt sich, wenn der Sterbeprozess Zeit für Gespräche und Entscheidungen lässt. Auch dann kann allerdings zum Beispiel durch eine Erkrankung wie eine Demenz des Betroffenen eine Absprache nur bedingt möglich sein. Astrid Grotelüschen ist dankbar, dass sie die Erfahrung einer guten Regelung machen konnte. Die gesamte Familie hatte sich mit der Situation auseinandergesetzt und gegenseitig gestützt. Auch der Wunsch, zuhause zu sterben, konnte so erfüllt werden. Bis dahin versuchte die Familie, die Zeit noch so schön wie möglich zu gestalten.

Der letzte Wille

Trotz einer klaren Entscheidung innerhalb der Familie kann eine Umsetzung schwierig werden, weil jeder mit dem Willen umgehen können muss. Etwa dann, wenn etwa das Leben durch künstliche Ernährung verlängert werden könnte. „Das kann zu einer emotionalen Achterbahnfahrt werden“, so Astrid Grotelüschen. „Auf der einen Seite gibt es die klare Entscheidung. Auf der anderen Seite die tatsächliche Umsetzung.“ Dann fallen Sätze wie: "Das können wir doch nicht machen." Der Wille der betroffenen Person müsse aber respektiert werden, auch wenn dies viel abverlange. Bahr bestätigt: „Es geht ums Sterben zulassen, den Prozess nicht zu unterbrechen.“ „Das ist der Moment, in dem man es mit sich selbst ausmachen muss“, schildert Grotelüschen. Der Familie habe dabei auch die Unterstützung der Hausärztin geholfen, die gleichzeitig Palliativmedizinerin war. Für diese bestmögliche Begleitung sei man unendlich dankbar gewesen.

Auch Bahr kennt solche Gewissenskonflikte von den Begleitungen mit dem Hospizkreis Ganderkesee-Hude. „Das Nichtstun ist manchmal das Tun“, sagt sie. Das sei manchmal schwer anzunehmen und auszuhalten, weshalb gerade in solchen Situationen die Unterstützung durch ambulante Dienste wie dem Hospizkreis hilfreich sein könne. Damit ließen sich die Bedürfnisse aller Beteiligten klären und im besten Fall in Einklang bringen.

Ein Gefühl der Geborgenheit

Bahr ist auch davon überzeugt, dass die Menschen selbst im Endstadium noch viel wahrnehmen, auch die Grundstimmung. Deswegen: „Wir können etwas tun und sind nicht hilflos ausgeliefert.“ Bei den Grotelüschens waren das beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten, das aufleben lassen alter Rituale, um dem Sterbenden das Gefühl der Geborgenheit und Gemeinsamkeit zu geben. „Zudem ist es tröstlich, wenn man etwas tun kann“, hält sie fest.

Dass Astrid Grotelüschen diesen Einblick gewährt, hat auch einen Grund: „Es ist nicht einfach, aber man muss darüber reden – vorher.“ Manche Dinge wie zum Beispiel eine Patientenvollmacht oder die Klärung, wer der Bevollmächtigte sein wird, brauchten juristische Unterstützung oder einfach Zeit. Linda Bahr hat dazu auch den ein oder anderen Tipp parat. Denn in einer Patientenverfügung lasse sich gar nicht alles bis ins letzte Detail festhalten: „Man darf auch etwas offenlassen.“ Die künstliche Ernährung komplett abzulehnen halte sie beispielsweise für schwierig. „Bei bestimmten Erkranken kann es sinnvoll sein, zur Überbrückung eine Magensonde zu legen“, sagt Bahr. Sie empfiehlt daher, einen bestimmten Zeitraum festzulegen, nach dem die bevollmächtigte Person gemeinsam mit dem Arzt über das weitere Vorgehen entscheiden soll.

Die richtige Balance

Um den Willen der betroffenen Person durchzusetzen, bedürfe es dabei durchaus Standhaftigkeit und Durchsetzungsvermögen: „Ärzte tun viel Positives. Manche können es jedoch schwer ertragen, einen Menschen sterben zu lassen, ohne alle medizinischen Möglichkeiten auszuschöpfen.“ Hier die richtige Balance zu finden, sei manchmal schwierig und auch in jedem Einzelfall unterschiedlich.

Rückblickend kann Grotelüschen nur empfehlen, rechtzeitig alles zu klären und zu regeln. Trotz der inneren Konflikte und vieler emotionaler Momente habe dies die Familie getragen. „Bei uns hat die Klarheit den Zusammenhalt gestärkt.“


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