Mitmachkongress "Utopival" Wie in Ganderkesee eine Woche lang ohne Geld und Konsum gelebt wird

Nach dem gemeinsamen Kochen auf dem "Utopival" in Heide gehört auch das Abwaschen dazu, das Damian ebenso wie die anderen Teilnehmer gerne übernimmt. Foto: Christopher BredowNach dem gemeinsamen Kochen auf dem "Utopival" in Heide gehört auch das Abwaschen dazu, das Damian ebenso wie die anderen Teilnehmer gerne übernimmt. Foto: Christopher Bredow

Heide. Die Idee klingt utopisch: Eine Welt ohne Geld und Konsum, sondern ökologisch, solidarisch und tauschlogikfrei. Beim Mitmachkongress "Utopival" im Ganderkeseer Ortsteil Heide leben 100 Menschen gerade genau nach diesen Prinzipien.

Es ist tatsächlich ein wenig wie eine andere Welt, die Gäste betreten, wenn sie in diesen Tagen das "Utopival" im Ganderkeseer Ortsteil Heide besuchen. Mitten in einem Wohngebiet haben sich rund 100 Menschen auf einem großen Privatgrundstück zusammengefunden, um von Sonntag bis Samstag gemeinsam eine Woche lang auszuprobieren, wie alternative Lebensweisen aussehen können.

Fünf Motive prägen das Leben auf dem "Utopival" in Heide

"Wir haben fünf Motive: tauschlogikfrei, vegan, drogenfrei, ökologisch und solidarisch", erklärt Damian, einer der Teilnehmer an der sechstägigen Veranstaltung im Freien, umgeben von Bäumen und direkt an einem See gelegen. Eine Welt ohne Geld, Konsum und Hierarchien: Es ist im wahrsten Sinne eine Utopie, die die aus allen Ecken Deutschlands und sogar aus der Schweiz und den Niederlanden nach Ganderkesee gereisten Menschen hier ganz konkret leben.

Komposttoiletten sind gewöhnungsbedürftig

Geschlafen wird in Zelten, gewaschen wird sich in Eimerduschen mit Brunnenwasser oder im See und gegessen werden gerettete Lebensmittel, die gemeinsam vegan gekocht werden. Gewöhnungsbedürftig sind laut Damian allein die auf dem Gelände stehenden selbst gebauten Komposttoiletten: "Aber das ist auch kein Problem", sagt er.

Auf dem Gelände des "Utopvals" stehen mehrere selbst gebaute Komposttoiletten. Foto: Christopher Bredow

Dass auf dem "Utopival" alles ohne Zwänge und mit großer Lockerheit läuft, ist zu merken, wenn man das Gelände wie am Donnerstag am "Tag der offenen (Garten-)Tür" als Gast betritt. Am Empfang sprechen gerade noch acht Menschen über den Ablauf des Tages, der Außenstehenden und Interessierten einen Einblick in das Leben auf dem "Utopival" geben sollte. Zeit für eine herzliche Begrüßung und das Anbieten von Kaffee und Kuchen ist dennoch da.

Kernteam hat nur Vorbereitungen übernommen

"Anarchistische Besprechungen" nennt Damian solche Gespräche wie am Empfang: "Es gibt keinen Chef, der etwas von oben vorgibt. Wir tauschen uns untereinander aus und treffen gemeinsam Entscheidungen. Hier kann sich jeder einbringen." Ein aus sieben Personen bestehendes Kernteam hat die Vorbereitung der Veranstaltung übernommen und unter anderem für das Essen gesorgt.

Findus, eine der Mitorganisatorinnen, hat dafür Kontakt mit Großherstellern aufgenommen: "Sie überlassen uns Lebensmittel, die sonst in der Tonne gelandet wären." Auch deswegen ist das "Utopival" für alle Teilnehmer komplett kostenlos. Und das Essen ist so viel, dass sie das Leben hier keinesfalls als Verzicht bezeichnen würde: "Ganz im Gegenteil: Wir leben hier im Überfluss und können gar nicht alles aufessen", sagt Findus.

Zusammenkommen von Gleichgesinnten

Das Wort Verzicht ist ohnehin keines, das die Teilnehmer hier in den Mund nehmen würden – auch nicht in Bezug auf Smartphones und Laptops, die während der Seminarwoche Sendepause haben sollen, oder Drogen wie Alkohol und Zigaretten, die wenn überhaupt nur in bestimmten Bereichen konsumiert werden dürfen. "Ich empfinde es eher als krasse Bereicherung, hier mit Gleichgesinnten zusammenkommen zu können, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam diese Utopie zu leben", sagt Damian.

Rund 100 Menschen sind nach Heide gekommen. Auf dem "Utopival" werden auch Geburtstage in der Gemeinschaft gefeiert. Foto: Christopher Bredow

Gespräche über zukunftsfähige Gesellschaft

Dabei stehen die Themen Nachhaltigkeit, Klimawandel und Umweltschutz im Mittelpunkt des "Utopivals". Kritisch will sich die Gruppe noch bis Samstag unter dem Motto "Zeit für Veränderung" mit der Frage auseinandersetzen, wie eine zukunftsfähige Gesellschaft von morgen aussehen kann – mit geringem Ressourcenverbrauch und reduzierten CO2-Emissionen. "Umweltfreundlich eben", sagt Damian.

Dafür gibt es Workshops, in denen über alternative Lebensweisen gesprochen werden kann. Viel wichtiger als das Sprechen ist aber das Ausprobieren, bestätigt Teilnehmer Jonas: "Wenn man alleine ist und sich mit dem Klimawandel beschäftigt denkt man oft, dass man eh nichts ändern kann", sagt er: "Hier aber kommt man mit Menschen zusammen, die alle in die gleiche Richtung gehen. Das ermutigt und motiviert einen." Abseits der Workshops gibt es Gemeinschaftsaktionen wie Spiele, Tänze, Akrobatik-Vorführungen oder Konzerte.

Viele Teilnehmer schauten am Donnerstag bei einer Theateraufführung zu. Foto: Christopher Bredow

Privatgrundstück in Heide als Veranstaltungsort

Ermöglicht hat das "Utopival" unter anderem Ilse, die nach 2016 in diesem Jahr zum zweiten Mal ihr Grundstück für den Mitmachkongress zur Verfügung gestellt hat. "Es ist schön, solche Leute bei sich zu haben. Das erlebt man sonst so nicht und es bereichert einen auch selbst", sagt sie. "Wir sind dankbar, hier sein zu können", bekräftigt Mitorganisatorin Findus.

Ideen können mit in den Alltag genommen werden

Und was bleibt am Ende der Woche, wenn es raus aus der Utopie zurück in den Alltag geht? "Man nimmt Freundschaften, viele Ideen und neuen Mut mit, diesen alternativen Lebensstil auch zuhause umzusetzen", erklärt Jonas. "Es ist natürlich der Wunsch, dass sich dem noch mehr Menschen anschließen", sagt Damian. Das Ziel der Veranstaltung sei das aber nicht: "Jeder kann frei entscheiden und hier wird die Möglichkeit gegeben, zu lernen, wie man alternativ und umweltfreundlich leben kann." Und das sei mit Blick auf die Zukunft eine wertvolle Erfahrung.


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