Hier wird Menschen in Not geholfen Wiederbelebung per Telefon in der Oldenburger Großleitstelle

Von dpa

Leitstellendisponent Pascal Ledda in der Großleitstelle Oldenburg-Land: Er gehört zu denjenigen, die Menschen in Not helfen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpaLeitstellendisponent Pascal Ledda in der Großleitstelle Oldenburg-Land: Er gehört zu denjenigen, die Menschen in Not helfen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Landkreis Oldenburg/Oldenburg . In der Großleitstelle Oldenburg, die auch für den Landkreis Oldenburg und die Stadt Delmenhorst zuständig ist, wird entschieden, wann Rettungswagen, Notarzt oder Feuerwehr eingesetzt werden sollen.

Das Aufleuchten einer roten Lampe über dem Schreibtisch von Pascal Ledda verrät, dass ein Notruf eingegangen ist. Der Mitarbeiter der Großleitstelle Oldenburger Land lässt sich den genauen Unfallort beschreiben und fragt, was passiert ist. „Ein Mann hat mit seinem Auto meinen Traktor gerammt“, berichtet der Anrufer, der die 112 gewählt hat. Schnell zeigt sich, dass der Verletzte bei Bewusstsein ist. Doch kann er sich selbst aus dem Auto befreien? Von dieser Information hängt ab, ob Ledda auch die Feuerwehr schicken muss. Der Anrufer versucht, die Autotür zu öffnen. Schon während dieser Sekunden schickt Ledda einen Rettungswagen los. Welches der mehr als 1500 Fahrzeuge aus dem Einsatzgebiet am schnellsten vor Ort sein kann, schlägt ihm ein spezielles Computerprogramm vor. Dann gibt es Entwarnung: Die Autotür geht auf.

Rund 30 Feuerwehr- und Rettungsleitstellen

Wer in Niedersachsen die 112 anruft, landet in einer Zentrale. Derzeit gibt es rund 30 Feuerwehr- und Rettungsleitstellen, wie ein Sprecher des Innenministeriums in Hannover sagt. Dort entscheiden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ob ein Notarzt, die Feuerwehr oder ein Rettungswagen gebraucht wird. Die Leitstellen sind rund um die Uhr erreichbar.

Einzugsgebiet mit mehr als 700.000 Menschen

In der Oldenburger Großleitstelle arbeiten insgesamt mehr als 50 Menschen – am Telefon, in der Verwaltung und der Technik. Die sogenannten Disponenten koordinieren die Einsätze in den Landkreisen Cloppenburg, Wesermarsch, Oldenburg und Ammerland sowie den Städten Oldenburg und Delmenhorst. Täglich sind fünf von ihnen dafür zuständig, die Notrufe aus einem Einzugsgebiet mit mehr als 700.000 Menschen entgegen zu nehmen und zu entscheiden, welche Hilfe nötig ist. 

Welche Klinik in der Nähe eignet sich am besten?

Leddas Einsatz zu dem Traktor-Unfall ist an diesem Tag noch nicht beendet. Die Sanitäter vor Ort haben entschieden, dass der Verletzte in ein Krankenhaus muss. Ledda prüft, welche der umliegenden Kliniken sich am besten eignet. Hilfe dafür bietet ein sechsstelliger Code. Er informiert über Beschwerden, Alter und Schweregrad der Verletzungen und wird mit anderen Informationen an die Krankenhausbelegschaft weitergegeben. So kann das Klinikpersonal nötige Vorkehrungen für die Behandlung treffen.

Bis zu 80 Einsätze parallel

Erst wenn der Rettungswagen nach dem Einsatz wieder für neue Notfälle zur Verfügung steht und der Disponent in der Leitstelle den Vorfall dokumentiert hat, gilt der Einsatz als abgeschlossen. So kann es schnell passieren, dass an einem Vormittag 50 bis 80 Einsätze parallel laufen, wie Schichtführer Andreas Rawicz sagt.

Anhand eines Fragenkatalogs versuchen die Disponenten, möglichst schnell herauszufinden, welche Hilfe benötigt wird. Die „W-Fragen“ – was ist passiert, wo, wie viele Verletzte und so weiter – muss jedoch kein Anrufer auswendig im Kopf haben. Stattdessen führt der Mitarbeiter durch das Gespräch. „Wir wollen so möglichst frühzeitig herausfinden, ob es sich um eine lebensbedrohliche Situation handelt“, sagt Rawicz.

Auch schon bei Zwillingsgeburt betreut 

Häufig kommt es beispielsweise vor, dass Verletzte wiederbelebt werden müssen. Da zählt jede Sekunde. Der Disponent gibt per Telefon Anweisungen, was genau zu tun ist. „Reanimationen sind quasi Standard“, sagt Pascal Ledda. Doch er musste auch schon ungewöhnliche Notfälle aus der Ferne betreuen. Beispielsweise eine Zwillingsgeburt anleiten. Bis die Sanitäter eintrafen, waren beide Babys entbunden.

Wichtige Entscheidungen durch Disponenten

Nicht immer ist es einfach, die Situation einzuschätzen, ohne selbst vor Ort zu sein. Wie Ledda haben auch die anderen Mitarbeiter vor ihrem Dienst in der Leitstelle als Rettungsassistenten, Notfallsanitäter oder Gruppenführer bei der Feuerwehr gearbeitet. Diese Erfahrungen helfen. Welche Bedeutung die Entscheidungen der Disponenten haben, zeigte sich in einem Fall in Herne bei Bochum. Ein Leitstellenmitarbeiter hatte im Sommer 2016 keinen Notarzt losgeschickt, obwohl ein Anrufer deutliche Schlaganfall-Symptome geschildert hatte. Bis heute leidet der Patient unter Taubheitsgefühlen und einer Gehbehinderung.

Bereitschaftsdienst hat Nummer 116117

Dass nicht hinter jedem Anruf ein Notfall steckt, wird aus den jüngsten Zahlen der Großleitstelle für das Oldenburger Land deutlich. Demnach wurde nur nach etwa jedem zweiten Anruf ein Einsatzwagen alarmiert. Mitunter wählten Menschen 112 wegen eines abgelaufenen Passes, eines Wespennestes oder eines Wasserrohrbruchs. „Wenn der Bürger nicht weiterweiß, wählt er die 112“, sagt Ledda. Das koste wertvolle Kapazitäten und Zeit. Vielen sei zum Beispiel die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116117 nicht bekannt. dpa


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