Europawahl in Ganderkesee Linke streitet für Rechte der Benachteiligten in Europa

"Wohnraum muss für alle bezahlbar und benutzbar sein", lautet Susanne Steffgens Überzeugung. Die Linke ist im Europawahlkampf aktiv. Foto: Reiner Haase"Wohnraum muss für alle bezahlbar und benutzbar sein", lautet Susanne Steffgens Überzeugung. Die Linke ist im Europawahlkampf aktiv. Foto: Reiner Haase

Ganderkesee. Mit der Kandidatur fürs Europaparlament ist Susanne Steffgen unversehens ins Rampenlicht gerollt. Die Ganderkeseerin kämpft für gerechten Ausgleich von Benachteiligungen."Das können die Betroffenen am besten", sagt die Rollstuhlfahrerin. Vor Ort und landesweit ist die Linke zur gefragten Expertin geworden.

"Ich bin die Nummer eins in Niedersachsen", freut sich Susanne Steffgen und meint damit Platz 19 auf der Bundesliste ihrer Partei Die Linke für die Europawahl am 26. Mai. Kein anderer Bewerber aus Niedersachsen ist vor ihr platziert. "Ich habe ganz viel Unterstützung erfahren", blickt die Ganderkeseerin auf die Wirkung ihrer Bewerbungsrede auf dem Nominierungsparteitag in Bonn zurück. Über 200 Stimmen von 400 Delegierten kriege man nicht einfach so. "Ich bin nicht zum Ergebnis gekommen", sagt sie mit Blick darauf, dass Platz 19 nicht für ein Mandat im Europaparlament reichen wird. "Aber ich bin zufrieden mit dem Erreichten", ergänzt sie. Sie sei ja als völlig Unbekannte vor die Delegierten getreten.

Prominenter Fürsprecher

"Wir müssen lernen, dass nicht Geld, sondern der Mensch und die Menschenwürde in den Fokus gehören – egal ob in Ganderkesee oder im Europaparlament", sagt Steffgen. Dafür habe sie sich vor drei Jahren mit dem Motto "Weg vom Kaffeeklatsch, rein in die Politik" in den Gemeinderat wählen lassen. Und deshalb habe sie sich jetzt auf die Liste für die Europawahl setzen lassen. Für den aussichtsreichen Platz elf, den der Bundesvorstand der Linken für sie reservieren wollte, hat's diesmal bei den Delegierten nicht gereicht, obwohl sie beim Parteitag im April in Bonn mit Ilja Seifert, behindertenpolitischer Sprecher der Partei und wie Steffgen Rollstuhlfahrer, einen renommierten Fürsprecher hatte. Aber was nicht ist, soll noch werden: "Vielleicht klappt's bei der nächsten Landtags- oder Bundestagswahl besser", blickt die Mittfünfzigerin voraus.

Unterstützung aus Berlin

Steffgen sieht sich für den Auftritt in Bonn jetzt schon belohnt. Unter anderem hat sie jetzt im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin, der Zentrale ihrer Partei, eine Mentorin, die der Ganderkeseerin die Termine verwaltet. Und die häufen sich aktuell. Gerade erst war sie vom Paritätischen Wohlfahrsverband nach Oldenburg eingeladen. Am Dienstag, 14. Mai, ist sie vom Verein Politik, Leben, Umwelt, Sicherheit (P.U.L.S.) und der Volkshochschule Oldenburg zu einer Podiumsdiskussion mit Europa-Kandidaten anderer Parteien im Hotel Meiners in Hatten eingeladen. Drei Tage später hält sie bei der Linken in Delmenhorst einen Vortrag über die Behindertenrechtskonvention. Straßenwahlkampf soll es in Oldenburg und in Delmenhorst geben.

Infrastruktur mit Lücken

Vorher, am Mittwoch, 8. Mai. ist sie zu einem Treffen der Bürgerinitiative Heide-Schönemoor eingeladen. Auch hier vor Ort  geht es um Themen, die Steffgen auf den Nägeln brennen: um bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum, um Ortsentwicklung nicht nur durch Bauland südlich des Heuwegs, sondern auch durch den Ausbau der Infrastruktur. Ihr Beispiel für Mängel: In Heide halte alle zwei Stunden der Bürgerbus. "Das ist ein Witz. Wenn dann noch der eine Rollstuhlplatz besetzt ist, muss ich draußen bleiben."

Barrierefreiheit nützt allen

"Alle haben was davon, wenn das gesellschaftliche Leben am Nachteilsausgleich für Menschen mit Einschränkungen ausgerichtet ist", sagt Steffgen. Ihr Antrag, den neuen Kindergarten im Ganderkeseer Baugebiet südlich der Oldenburger Straße mit einem Fahrstuhl auszustatten, habe sich gegen die Meinung durchgesetzt, man baue hier zweigeschossig, um Kosten zu sparen. Barrierefreiheit nütze auch Eltern mit Kinderwagen. Sie engagiere sich auch für die Menschen, die durch Krankheit so geschwächt sind, dass sie nicht die Kraft haben, für ihr Recht zu kämpfen.

Nachteile ausgleichen

"Zu einem sozialen Europa gehört neben Solidarität auch Vielfalt und Inklusion", heißt es auf einem Kärtchen, das Steffgen zur Europawahl verteilt. Die UN-Behindertenrechtskonvention sei auch nach zehn Jahren nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Für Widerstand gegen den von ihr propagierten Nachteilsausgleich hat sie ein Beispiel aus dem Alltag der Ratspolitik parat. Die Bürgermeisterin habe zu einer Sitzung im Huder Ratshaus eingeladen, weil das Thema regioVHS Ganderkesee-Hude zu behandeln war. Sie habe den Tagungsort nur mit dem Rollstuhltaxi verlässlich und pünktlich erreichen können und sich nicht mit pauschal 20 Euro Abgeltung für den ehrenamtlichen Einsatz abfinden wollen. Ihr sei vorgeworfen worden, sich bereichern zu wollen. "So ein Unsinn", sagt Steffgen, "wenn ich 60 Euro erhalte, gehen sie eins zu eins in die Kasse des Fuhrunternehmens."


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