Tödlicher Unfall in Dötlingen „Der Motorradfahrer hatte keine Chance“

Von Ole Rosenbohm

Das Amtsgericht Wildeshausen hat einen 68-Jährigen wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Symbolfoto: Volker Hartmann/dpaDas Amtsgericht Wildeshausen hat einen 68-Jährigen wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Symbolfoto: Volker Hartmann/dpa

Ostrittrum/Wildeshausen. Ein Motorradfahrer ist vergangenen Sommer in Dötlingen bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ein Autofahrer, der am Unfall beteiligt war, wurde jetzt wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Nur eine Sekunde. Wäre der Autofahrer nur eine Sekunde später vom Bootsanleger in Ostrittrum auf die Kreisstraße 236 aufgefahren, oder hätte der 54-jährige Motorradfahrer eine Sekunde früher die schlecht oder gar nicht einsehbare Brücke über die Hunte passiert – der tödliche Unfall am 16. Juni vergangenen Jahres hätte wohl nicht geschehen können. Doch der 68-jährige Fahrer eines VW Golfs bog in genau jenem Moment so auf die Straße ab, dass der von links kommende Motorradfahrer frontal auf den Golf auffuhr und noch am Unfallort verstarb. 

Am Dienstag, einen Tag nachdem ein Rollerfahrer in Huntlosen durch ein außer Kontrolle geratenes Auto ums Leben kam, verurteilte das Amtsgericht Wildeshausen den Unfallfahrer aus Großenkneten wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu je 40 Euro.

Schuld am Geschehen

Der Angeklagte sah seine Schuld am Geschehen voll ein und war niemals vorher juristisch aufgefallen. Auch die Staatsanwältin forderte keine höhere Strafe, sprach wie andere Prozessbeteiligte von einem „kleinen Fehler mit Riesenfolgen“. Ohnehin könne kein Urteil das Leid der Familie und den Tod des Betroffenen aufwiegen. 

Der 68-Jährige hatte an jenem Sonntagvormittag vor zehn Monaten eine Veranstaltung am Bootsanleger besucht. Der Richterin schilderte er, wie er die Grundstücksausfahrt hinauffuhr, vom Radweg aus nach links und rechts schaute, niemanden sah und dann abbog. Jemand hinter ihm habe noch „Halt, Stop!“ gerufen, reagieren können aber habe er nicht mehr. Die Wucht des Aufpralls verschob seinen Wagen, die Airbags reagierten – und auf der Straße verstarb der Motorradfahrer.

Folgen muss seitdem auch der Angeklagte tragen. Jeden Tag würde er sich fragen, warum er nicht jemanden zum Einweisen geholt habe, sagte er. Wenn er heute ein Motorrad sehen würde, gehe „das ziemlich tief“. Auch der tödliche Unfall am Montag habe ihn sehr mitgenommen. Er befindet sich immer noch in psychologischer Behandlung.

Gefährliche Stelle

Sein Verteidiger schilderte, dass Anwohner schon lange um die Gefährlichkeit der Stelle gewusst hatten. Denn von der Einfahrt aus beeinträchtigen nicht nur Leitplanken die Sicht der ausfahrenden Fahrzeuge. Vielmehr sei das Gelände der Brücke fast undurchsichtig, so dass von dort kommende Fahrzeuge kaum gesehen würden. Erst nach dem Unglück reagierten die Verkehrsbehörden, senkten die Höchstgeschwindigkeit an dieser Stelle von Tempo 100 auf 70 Stundenkilometer, zudem wurde ein Spiegel an der Einmündung angebracht.  

Dem allen Erkenntnissen zufolge nicht zu schnell fahrenden Motorradfahrer schob niemand die Schuld zu. „Er hatte keine Chance“, sagte selbst der Verteidiger des Angeklagten. 

Auf große Teile des ihr zustehendes Geldes von der Versicherung wird die als Nebenklägerin auftretende Ehefrau aber noch „vielleicht zehn, zwanzig Jahre“ warten müssen, prophezeite ihr Anwalt einen Gang durch alle Instanzen: „Es wird prozessiert werden müssen ohne Ende, freiwillig gezahlt wird gar nichts.“ Wer es als Opfer von Unfällen mit einer deutschen Versicherung zu tun habe, sagte der Anwalt weiter, „ist ein armer Wicht“. Einen Rachefeldzug übrigens wolle die Opfer-Familie nicht führen. Ihr sei es nur um die Feststellung der Schuld gegangen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN