Arbeit in der Fleischindustrie Erschöpfte Niedriglöhner aus dem Osten im Landkreis Oldenburg

Leih- und Werkvertragsarbeit zählt in vielen Firmen der Fleischindustrie zum Alltag. Archivfoto: Bernd Thissen/dpaLeih- und Werkvertragsarbeit zählt in vielen Firmen der Fleischindustrie zum Alltag. Archivfoto: Bernd Thissen/dpa

Landkreis Oldenburg. Prälat Kossen hat Firmen der Fleischindustrie jüngst in Wardenburg vorgehalten, sie behandelten Arbeitsmigranten wie Maschinen, die angemietet, verschlissen und ausgetauscht werden. Die Grünen wollen nun erfahren, wie weit der Landkreis Oldenburg im Kampf gegen menschenunwürdiges Leben und Arbeiten gekommen ist.

Menschen aus 100 Ländern leben im Landkreis Oldenburg und viele von ihnen in prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen als Werkvertrags-, Zeitvertrags- und Leiharbeiter im Baugewerbe, in der Landwirtschaft, im Transportwesen und vor allem in der Fleischindustrie. Unwürdige Arbeitsverhältnisse, anfangs in der Fleischindustrie, längst auch in anderen Branchen, hat Prälat Peter Kossen jüngst in der Ziegeleiakademie Westerholt in der Gemeinde Wardenburg angeprangert. Elke Szepanski, Kreistagsabgeordnete der Grünen, hat den Vortrag verfolgt und fordert nun eine politische Diskussion im Integrationsausschuss des Kreistags.

Auswüchse im Blick

Die Fraktion der Grünen hat besonderes Interesse daran, wie weit die Steuerungsgruppe gekommen ist, die der Erste Kreisrat Christian Wolf im letzten Jahr angekündigt hat. Die Bundesbehörde Zoll, die Kreisverwaltung, die Stadt Wildeshausen und die Gemeinde Großenkneten sollen laut Wolf ausloten, wo und wie gegen Auswüchse und Rechtsverstöße vorgegangen und wie die Eingliederung der Zugewanderten gefördert werden kann.

Rechtsverstöße aufgezeigt

Kossens Vortrag ist von Schilderungen der Auswüchse und Rechtsverstöße gespickt. Die Grünen wollen, dass der Vortrag allen Mitgliedern des Fachausschusses zugänglich gemacht wird, mit ausdrücklicher Zustimmung des Referenten, wie der Fraktionsvorsitzende Eduard Hüsers berichtet.

Dubiose Praktiken

"Die Fleischindustrie behandelt im großen Stil Arbeitsmigranten wie Maschinen, die man bei externen Dienstleistern anmietet, benutzt und nach Verschleiß austauscht", sagt Prälat Kossen; nur wenige Unternehmen seien ausgenommen. Die Mitarbeiterfluktuation sei enorm hoch, die Arbeitskräfte würden aus immer ärmeren Regionen Osteuropas rekrutiert. Ein Sumpf von kriminellen Subunternehmen und dubiosen Leiharbeitsfirmen werde genutzt, um Lohnkosten zu drücken und Unternehmer-Verantwortung abzuwälzen. Der Arm der Justiz greift laut Kossen ins Leere, wenn eine inkriminierte Leiharbeitsfirma einfach den Sitz ins benachbarte Bundesland verlagert.

Drohungen alltäglich

Kirchenmann Kossen ist vor allem besorgt um die Menschen, die im Heimatland mit falschen Versprechungen angeworben werden. "Eine Art Schuldsklaverei" erwarte sie hier, körperliche und psychische Gewalt werde angedroht oder ausgeführt, gegen sie selbst oder gegen Angehörige in der Heimat. Lohn werde vorenthalten, willkürliche Strafgelder würden verhängt. Der Ausstieg aus der Arbeit werde mit Drohungen verhindert. Mangels Sprachkenntnissen würden Verträge unterzeichnet, die die Arbeitsmigranten zu Selbstständigen machen – ohne Anspruch auf Entgelt von Überstunden, Urlaub und Krankenversicherung. Der Transport zur Arbeit, das Arbeiten und das Wohnen in "Rattenlöchern" würden verquickt, und so werde der Mindestlohn umgangen und ausgehöhlt.

Schuften bis zum Umfallen

Sein Bruder Florian, Arzt in Goldenstedt, hat Kossen vom Werkvertragsarbeiter mit Arbeitsplatz in einer Wildeshauser Großschlachterei berichtet, der laut vorgelegtem Stundenzettel für 255 Arbeitsstunden 1200 Euro Lohn bekommen hat, also 4,70 Euro pro Stunde. "Alltäglich" seien total erschöpfte Patienten, Erkrankte und Verletzte, die den "gelben Schein" aus Furcht vor dem angedrohten Rauswurf ablehnen. Hartnäckige Infekte führt der Arzt Peter Kossen auf mangelhafte hygienische Zustände in Unterkünften und und gesundheitswidrige Bedingungen an Arbeitsplätzen zurück. Bis hin zur Tuberkulose, die Ende 2018 Schlagzeilen machte und auch den Landkreis Oldenburg erreichte. Das Gesundheitsamt des Landkreises Oldenburg  berichtete Mitte Dezember von acht Neuerkrankungen und von 150 untersuchten Kontaktpersonen.

Unterstützung formiert sich

Prälat Kossen belässt es nicht beim Anprangern. Er hat kürzlich mit Unterstützern den Verein "Aktion Würde und Gerechtigkeit" gegründet mit dem Ziel, Arbeitsmigranten zu stärken. Unter anderem soll ein Rechtshilfefonds aus eingeworbenen Spenden gefüllt werden, und die Öffentlichkeit soll weiter sensibilisiert werden. Auch der Landkreis Oldenburg setzt Zeichen. Eine Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe ist eingerichtet. Die Leiterin Ute Frankenfeld knüpft und nutzt ein Netz von Menschen, die von Berufs wegen Zugang zu Arbeitsmigranten haben.


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