Nach Schicksalsschlag neu durchstarten So hoch ist in Bookholzberg die Erfolgsquote der Berufsrückkehrer

Wagen nicht nur beruflich den Neuanfang: (von links) Angela Dzieran und Stefanie Tönjes machen seit Ende Januar eine Umschulung. Im Berufsförderungswerk Bookholzberg blicken sie nach vorn. Foto: Bettina Dogs-PrößlerWagen nicht nur beruflich den Neuanfang: (von links) Angela Dzieran und Stefanie Tönjes machen seit Ende Januar eine Umschulung. Im Berufsförderungswerk Bookholzberg blicken sie nach vorn. Foto: Bettina Dogs-Prößler

Bookholzberg. Stefanie Tönjes und Angela Dzieran befinden sich in Aufbruchstimmung. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben sie die Umschulung in einen neuen Beruf begonnen.

Es gab diesen Punkt im Leben, an dem ging nichts mehr. Doppelschichten, ständig Krankenzeiten der Kollegen auffangen, Arbeit für zwei und manchmal auch für mehr. „Irgendwann konnte ich nicht mehr. Alles drehte sich nur noch um die Arbeit“, schildert Angela Dzieran. Fehlendes Personal, schlechte Bezahlung und ein nicht enden wollender Leistungsdruck – bis ihr Leben als Bäckereifachverkäuferin plötzlich in sich zusammenbrach. Angela Dzieran hat harte Jahre hinter sich.

Nie wieder in den alten Beruf zurück

Der Arzt schreibt sie bis auf Weiteres krank, nach einem Reha-Aufenthalt ist klar: In ihren alten Beruf wird sie nie mehr zurückkehren können. Die hohe Arbeitsbelastung hat zu Depressionen und Angststörungen geführt, die 52-Jährige ist stellenweise nicht mehr in der Lage, ohne Begleitung ihre Wohnung zu verlassen. „Freunde haben mich in dieser Zeit mit Lebensmitteln versorgt oder sind gemeinsam mit mir zu den Ämtern gegangen“, blickt sie zurück.

Leidensweg mündet in Depession

Monate später sitzt Angela Dzieran im lichtdurchfluteten Büro von Anna Sudek und erzählt ganz frei und offen von ihrem Leidensweg. Seit Ende August wohnt die gebürtige Wolfsburgerin im Internat des Berufsförderungswerks an der Apfelallee, bereit für eine Umschulung, bereit für ein völlig neues Leben. „Im Nachhinein kann ich sagen: Die Depression ist das Beste, was mir passieren konnte. Durch sie habe ich es geschafft, noch einmal ganz von vorne anzufangen.“ 

Was der zunehmende Druck auf dem Arbeitsmarkt bei Menschen anrichten kann, erlebt Anna Sudek jeden Tag aufs Neue. Sudek ist Geschäftsbereichsleiterin beim Berufsförderungswerk Weser-Ems und in Bookholzberg zuständig für die Bereiche Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheit. Um die 100 Umschüler sind derzeit dabei, sich auf dem idyllischen Gelände einen neuen kaufmännischen Beruf anzueignen, weitere 150 Männer und Frauen kommen bei technischen Berufen, den Heilpraktikern und Arbeitspädagogen dazu. Einige sind nur tagsüber zum Lernen hier, andere leben über Monate im werkseigenen Internat auf dem Gelände. Unter ihnen Angela Dzieran. Ihre alte Wohnung in Wolfsburg hat sie als Teil ihres Neuanfangs aufgelöst, in Bookholzberg sucht sie nun nach einer neuen Wohnung. „Mir gefällt es hier so gut, dass ich bleiben möchte.“

Das alte Leben komplett auf Null gefahren 

Komplett auf Null hat auch Stefanie Tönjes ihr bisheriges Leben gefahren. Jahre hat sie als Hotelfachfrau gearbeitet, dazwischen ein Kind bekommen und schließlich als Fitnesstrainerin ihr Glück versucht. Doch was sie da erlebt, erfüllt sie nicht mit Freude am Beruf. Stattdessen reibt sie sich auf zwischen Sparmaßnahmen und Dauerstress. Bis auch sie irgendwann zusammenbricht.

Die beiden Betroffenen stehen für viele der Männer und Frauen, die an der Apfelallee neue berufliche Wege einschlagen. Wer hier ist, kehrt in seinen alten Beruf nicht zurück, weil die Gesundheit es nicht mehr zulässt. Immer häufiger spielen dabei laut Anna Sudek auch Krankheiten wie Depressionen und Burnout eine Rolle: „Das Gros unserer Umschüler hat einen psychischen Hintergrund.“ Der gestiegene Leistungsdruck mache zunehmend auch Jüngeren zu schaffen, im Schnitt sind die Schulungsteilnehmer zwischen 20 und 50 Jahren alt. „Jünger als noch vor ein paar Jahren“, so Sudek.

Beruflich neu durchstarten

In geschützter Umgebung können diese Menschen auf dem malerischen Areal am Rande Bookholzbergs beruflich neu durchstarten, etwa zwei Jahre bleiben sie, bis sie die Abschlussprüfung vor Industrie- und Handelskammer (IHK) oder Handwerkskammer (HWK) ablegen. „Unser Ziel ist aber nicht nur die bestandene Prüfung“, schildert Geschäftsbereichsleiterin Sudek. „Unser Ziel ist die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.“ Die Quote ist vielversprechend: „Zwischen 80 und 85 Prozent unserer Teilnehmer schaffen es auch.“

 Wie ein Sechser im Lotto

Ein Ziel, das auch Angela Dzieran und Stefanie Tönjes hartnäckig verfolgen. Nach einer mehrmonatigen Berufsvorbereitung hat die 52-jährige Dzieran Ende Januar die Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement angefangen, Stefanie Tönjes will als Heilpraktikerin ein neues Leben beginnen. Dass sie dafür einen strammen Lernplan einhalten müssen, ist ihnen nur recht. „Das hier ist ein Sechser im Lotto“, sagt Dzieran. „Hier muss man sich nicht erklären, stattdessen bekommt man sehr viel Unterstützung.“ Für Stefanie Tönjes keine Selbstverständlichkeit: „Wir haben hier eine neue Chance bekommen. Und Menschen, die Verständnis für unsere Situation haben.“


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