Pflege-Notstand in Ganderkesee Fachkräftemangel zwingt Menschen ins Heim

Von Biljana Neloska

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Svenja Moch (links) und Katrin Keres von der häuslichen Krankenpflege Manuela Scharbau packen Medikamente und Verbandmaterial für ihre betreuten Patienten zusammen. Foto: Melanie HohmannSvenja Moch (links) und Katrin Keres von der häuslichen Krankenpflege Manuela Scharbau packen Medikamente und Verbandmaterial für ihre betreuten Patienten zusammen. Foto: Melanie Hohmann

Ganderkesee. In Ganderkesee und im Landkreis herrscht akuter Notstand in der ambulanten Pflege. Betroffene sind oftmals auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen oder müssen ins Pflegeheim.

Menschen müssen ins Pflegeheim, weil sie niemanden finden, der sie ambulant betreuen kann – von solchen Fällen und einem Notstand in der ambulanten Pflege berichtet Sylvia Lindemann vom Pflegestützpunkt des Landkreises Oldenburg. Viele seien auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen und gezwungen, privat zurecht zu kommen. Ist das keine Option, seien die Möglichkeiten begrenzt.

Wie im Fall einer älteren Frau, die im Pflegeheim bleiben musste, obwohl sie eigentlich nach Hause gekonnt hätte. Die Frau war nach einer Kurzzeitpflege – eine pflegebedürftige Person braucht nur für eine begrenzte Zeit vollstationäre Pflege, häufig nach einem Krankenhausaufenthalt – auf der Suche nach einem ambulanten Pflegedienst, konnte aber keinen finden. Deshalb blieb ihr nur, weiter in der Pflegeeinrichtung zu bleiben. „Die Dame hatte keine Familie und wäre alleine nicht zurecht gekommen. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig. Das ist traurig. Man hängt dann hilflos in der Luft“, sagt Lindemann und ergänzt: „Auch wir als Anlaufstelle für die Betroffenen. Wir versuchen zu helfen, aber wir können auch kein Personal herzaubern, wenn es keins gibt.“ Dass es keins gibt, hat laut der examinierten Pflegefachkraft verschiedene Gründe. „Es wird zwar ausgebildet, aber da müssen die Leute schon wie am Fließband arbeiten, werden so ausgenutzt und verschlissen, dass sie die Ausbildung abbrechen oder danach sagen ‚ich kann das nicht mehr‘ und sich etwas anderes suchen“, erklärt Lindemann.

Enorme Belastung“

„Es gibt einen akuten Notstand in Ganderkesee, egal wo man hinguckt. Die Leute fehlen überall“, berichtet Katrin Keres, stellvertretende Pflegedienstleitung bei der häuslichen Krankenpflege Manuela Scharbau in Ganderkesee. Das läge zum einen daran, dass dem Beruf die Anerkennung fehle, zum anderen daran, dass die Arbeit auch sehr anstrengend sei und das verstärkt durch den Fachkräftemangel. So sei das vorhandene Personal häufiger und länger krank. Man müsse häufiger Überstunden machen. Das sei eine enorme Belastung, so Keres. „Meiner Meinung nach passiert aber auch nichts, was das ändern könnte. Wenn man so Sachen aus der Politik hört, dass es keinen Fachkräftemangel geben würde, wenn das Pflegepersonal bloß eine Stunde länger arbeiten würde – das ist doch Quatsch“, findet Keres.

Auch Jürgen Lüdtke, Vorsitzender des Seniorenbeirats Ganderkesee, berichtet ebenfalls von einem Notstand und Maßnahmen, die diesem entgegenwirken sollen. „Es wird versucht, Pflegekräfte zurückzugewinnen, die früher in der Pflege gearbeitet, aber wegen der belastenden Arbeitsbedingungen einen anderen Beruf ergriffen haben. „Die schlechten Arbeitsverhältnisse und die schlechte Bezahlung haben sich aber nicht verändert. Warum sollten sich die Leute das dann antun? Man muss sich überlegen, was man zahlen muss, um das für die Kräfte attraktiver zu machen“, so Lüdtke.

„Die Betroffenen sind angeschmiert“

Die Konsequenzen des Mangels würde der Seniorenbeirat häufig miterleben. „Die Betroffenen sprechen uns oft an und fragen, wo sie hin können, um Hilfe zu bekommen. Wir versuchen, diese Menschen zu vermitteln, aber dann heißt es oft, dass die Pflegedienste niemanden mehr annehmen können. Die Betroffenen sind angeschmiert“, beschreibt Lüdtke die Lage. Viele müssten dann auf die Unterstützung von Verwandten oder Nachbarn hoffen, sofern diese vorhanden seien und das auch leisten könnten. „Aber das ist auch eine unheimliche Belastung für diese Betreuer. Und wir Ehrenamtlichen stoßen auch an unsere Grenzen, inwieweit wir helfen können“, sagt Lüdtke.


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