Verlass auf Blindenführhund Wie ein Hund einer Frau aus Wildeshausen die Augen ersetzt

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Auf Kommando führt Lucky Erika Lindemann überall hin: zum Augenarzt oder zur Bank, in die Innenstadt oder zum nächstgelegenen Briefkasten. Foto: Bettina Dogs-PrößlerAuf Kommando führt Lucky Erika Lindemann überall hin: zum Augenarzt oder zur Bank, in die Innenstadt oder zum nächstgelegenen Briefkasten. Foto: Bettina Dogs-Prößler

Wildeshausen Erika Lindemann aus Wildeshausen ist fast blind. Die Retriever-Hündin Lucky hilft der 56-Jährigen, sich selbstständig und sicher im Alltag zu bewegen.

Entspannt hat es sich Lucky unter dem Couchtisch bequem gemacht. Der achtjährige Labrador-Golden-Retriever-Mix döst in der Morgensonne, die Augen fast geschlossen, die Beine weit von sich gestreckt. Die blonde Hündin genießt ihre Pause. In der Wohnung kommt Frauchen Erika Lindemann ohne sie zurecht, hier kann Lucky Hund sein wie jeder andere auch.

Lucky ist nicht wie jeder andere Hund. Für Erika Lindemann ist die Hündin Auge und Orientierung, sie ist ihr Schlüssel zur Freiheit, ohne den sie in der Welt der Sehenden hilflos wäre. „Durch Lucky bin ich selbstständig und kann mich freier bewegen“, sagt die 56-Jährige. Durch Lucky kann sie am Leben vor ihrer Haustür teilnehmen.

Erika Lindemann ist fast blind. „Schemenhafte Umrisse kann ich noch erkennen, schnelle Bewegungen und hell und dunkel.“ Mehr nicht. Das war nicht immer so. Vor 15 Jahren wurde bei der Wildeshauserin Multiple Sklerose diagnostiziert. Und plötzlich verschwand die Welt vor ihren Augen.

Wie ein Rollstuhl oder ein paar Krücken

Seit sechs Jahren lebt Erika Lindemann mit Lucky, ihrem Hund auf Rezept. Für die Krankenkassen ist Lucky ein Hilfsmittel. Wie ein Rollstuhl oder ein paar Krücken. Ein kostspieliges noch dazu: Die Kosten für einen ausgebildeten Blindenführhund liegen bei 25000 Euro, dazu kommen laufende Kosten für Futter und Tierarzt. „Streng genommen ist Lucky Eigentum der Krankenkasse“, sagt Erika Lindemann. Zweieinhalb Jahre hat sie auf die Genehmigung des Hundes gewartet.

Die Ausbildung eines Blindenführhundes ist aufwendig und zeitintensiv. Mehr als ein Jahr dauert es, den Hund auf diese verantwortungsvolle Arbeit vorzubereiten. Trainiert werden die Tiere in spezialisierten Ausbildungszentren. Lucky kommt aus Arnstadt bei Erfurt. Schon vor ihrer Geburt war klar, was sie einmal tun wird. Und von klein auf wurde sie darauf vorbereitet.

Foto: Bettina Dogs-Prößler

Für die Arbeit als Blindenführhund werden häufig Rassen wie Labrador Retriever und Golden Retriever eingesetzt, aber auch Großpudel, Weiße Schäferhunde oder Collies. Sie gelten als gleichermaßen gelehrig wie ausgeglichen. Und verlässlich. Im Straßenverkehr müssen die Hunde für den Menschen entscheiden, ob der Weg überquert werden kann oder gewartet werden muss. Wenn das „Hilfsmittel Hund“ da nicht einwandfrei funktioniert, kann das für Menschen lebensgefährlich werden. „Komme ich in einen Raum, den Lucky noch nicht kennt, scannt sie die gesamte Umgebung nach möglichen Gefahren ab“, schildert Lindemann. „Sie beschützt mich vor Hindernissen oder auch vor zu tief hängenden Ästen. Wenn Gefahr droht, bleibt sie einfach stehen.“

Ohne Lucky wäre vieles schwieriger

Auf Kommando führt Lucky Erika Lindemann überall hin: zum Augenarzt oder zur Bank, in die Innenstadt oder zum nächstgelegenen Briefkasten. „Such Augenarzt“ oder „Such Post“ heißt es dann. Und Lucky setzt sich in Bewegung. Die Hündin ist dann voll im Arbeitsmodus, auf Ablenkungen darf sie nicht mehr reagieren. „Trotzdem wird Lucky immer wieder angesprochen oder einfach angefasst, obwohl sie ihr Führgeschirr trägt und im Dienst ist“, ärgert sich die 56-Jährige. Deswegen hatte sie sich eigentlich auch einen schwarzen Hund gewünscht. „Die werden nicht so oft angefasst.“

Zuhause, wenn das Geschirr ab ist, ist Lucky einfach nur Hund. Dann liegt sie lang hingestreckt auf ihrem Kissen oder beschnuppert neugierig die Gäste, die in der guten Stube auf dem Sofa sitzen. „Ohne Lucky“, sagt Erika Lindemann ernst, „wäre vieles für mich schwieriger. Auf sie kann ich mich immer verlassen.“


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