Mit Isofluran Ganderkeseer Landwirte könnten Ferkel bald schmerzfrei kastrieren

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Männliche Ferkel werden in der Regel kastriert – momentan meist ohne Betäubung. Foto: Carmen Jaspersen/dpaMännliche Ferkel werden in der Regel kastriert – momentan meist ohne Betäubung. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Ganderkesee. Eine schmerzfreie Methode, Ferkel zu kastrieren, soll Bauern bald ermöglicht werden. Ein Ganderkeseer Landwirt, ein Grünen-Politiker und ein Hattener Tierarzt haben dazu klare Meinungen.

Ferkelkastration wird heiß diskutiert. Bisher dürfen Landwirte Ferkel noch ohne Betäubung kastrieren. Wie das dk am Dienstag berichtete, will das Bundeslandwirtschaftsministerium Bauern nun erlauben, selbst das Inhalationsgas Isofluran zu verwenden.

Das sagt ein Sauenhalter aus Ganderkesee

„Es ist zu begrüßen, dass die Politik sich etwas überlegt“, sagt der Ganderkeseer Sauenhalter Malte Lüschen. Isofluran zu verwenden, hält er jedoch nicht für den besten Weg. Denn das Ferkel müsste im Alter von unter einer Woche in eine Vollnarkose gelegt werden. „Die Tiere vertragen die Vollnarkose sehr schlecht und leiden dadurch über längere Zeit“, erklärt Lüschen. „Sie sind über mehrere Stunden außer Gefecht gesetzt und können in dieser Zeit keine überlebenswichtige Muttermilch aufnehmen.“

Nichtsdestotrotz gilt es laut Lüschen abzuwarten, wie genau der Vorschlag des Bundeslandwirtschaftsministeriums umgesetzt wird. Laut einer Ministeriumssprecherin ist eine entsprechende Verordnung in Arbeit, mit der Zulassung werde „in Kürze“ gerechnet. Landwirte bräuchten dann einen Sachkundenachweis, um das Mittel bei der Kastration anzuwenden. Das findet Lüschen positiv. „Es ist zwar ein zusätzlicher Aufwand, aber so wird die Methode richtig angewendet.“ In der Schweiz, wo seit 2009 Ferkel bei der Kastration betäubt werden müssen, wird Isofluran regulär eingesetzt.

So äußert sich ein Grünen-Politiker

Volker Schulz-Berendt spricht sich für den Einsatz von Isofluran aus. „Es ist auf jeden Fall besser, als Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren“, sagt der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Ganderkeseer Gemeinderat. Er erinnert jedoch daran, dass Arzneistoffe immer Nebenwirkungen hätten. „Es können immer noch bessere Medikamente entwickelt werden.“ Der Grünen-Politiker beklagt außerdem die Verzögerung. „Das Kastrationsverbot wird schon seit fünf Jahren diskutiert“, erklärt er. „Eine Entscheidung hätte schon lange getroffen werden können.“

Langer Prozess um Kastrationsverbot

Tatsächlich wurde bereits 2013 auf Bundesebene beschlossen, die betäubungslose Kastration zum Jahresende 2018 zu verbieten. Anfang Oktober dieses Jahres entschied der Koalitionsausschuss von Union und SPD, das Verbot um zwei Jahre aufzuschieben. Die Begründung: Weil es an Alternativen mangele, sei die Existenz der Schweinehalter bedroht. Bundesweit zweifelten Grünen-Politiker und Verbraucherschützer das an. Die Fleischindustrie fürchte nur höhere Kosten.

Der Ganderkeseer Landwirt Lüschen sieht das anders. „Viele Sauenhalter werden im Falle eines Verbots ihren Betrieb aufgeben müssen, da es keine flächendeckende Alternative zur betäubungslosen Kastration gibt“, sagte er im Oktober dem dk.

Alternativen zur betäubungslosen Kastration

Landwirte kastrieren männliche Ferkel, damit deren Fleisch keinen strengen Geruch entwickelt, der es unverkäuflich macht. Dazu bekommen die Tiere ein Schmerzmittel verabreicht. Den Eingriff führen Bauern meist selbst durch. Eine Alternative dazu ist die Hormontherapie. Diese findet laut Lüschen weder bei Vermarktern noch bei Supermärkten große Anerkennung. Er bezweifelt außerdem, dass Konsumenten die Methode begrüßen würden.

Betäubungen – mit Isofluran oder örtlich mit Spritzen – und Vollnarkosen dürfen bislang nur Tierärzte durchführen. Wie etwa Harald Stolle-Brüers, der eine Großtierpraxis in der Gemeinde Hatten betreibt. Den Vorstoß des Umweltbundesministeriums hält auch er für richtig. „Mit Betäubung zu kastrieren ist natürlich besser“, sagt er. „Aber ein Tierarzt hat mehr Erfahrung darin.“ Selbst, wenn die Landwirte einen Sachkundenachweis erlangen müssten.

Bei Narkosen bestehe immer das Risiko, dass die Ferkel sterben. Der Tierarzt würde es daher bevorzugen, dass Landwirte örtliche Betäubungen vornehmen dürften. Für Kastrationen Tierärzte zu den Höfen kommen zu lassen hält er wegen des Aufwands für schwer umsetzbar. „Gerade in schweinedichten Regionen.“

Appell des Landwirts

Auch Lüschen favorisiert die örtliche Betäubung. „Wir Landwirte sind offen für Neues“, betont er. „Es muss aber umsetzbar sein.“ Ein einzelner Bauer könne nichts ausrichten. Deswegen appelliert der Ganderkeseer an die Gesetzgebung. „Die Fristverlängerung war unumgänglich“, sagt Lüschen weiter. „So kann eine neue Lösung gefunden und ausprobiert werden.“


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